Wunden der Vergangenheit

Der von Franz Lippert angelegte "Kräutergarten" im KZ Dachau. Foto: Stadtarchiv Dachau

Ein neues Buch über Verbindungen zwischen Anthroposophen, dem Arzneimittelunternehmen Weleda und dem KZ Dachau in der NS-Zeit hat Anfang September für einigen Wirbel gesorgt. Nicht alles darin ist neu, doch handelt es sich um eine rundum seriöse Forschungsarbeit, die man ernst nehmen sollte. Ein Lektürebericht und ein Ausblick.

Am 6. September 2025 brachte das Nachrichtenmagazin Der Spiegel einen Artikel mit dem Titel Die Naziverbindungen der Naturkosmetikfirma Weleda. Der Text bezieht sich auf die soeben erschienene Studie Heil Kräuter Kulturen der Historikerin Anne Sudrow über Verstrickungen von Anthroposophen mit dem Konzentrationslager Dachau. Umgehend erschienen Folgeartikel im Tagesspiegel, im Stern, in der Bild und sogar im englischen Guardian, die den Spiegel-Artikel als schockierende Nachricht reproduzierten.

Die Untersuchungen der Historikerin erweisen sich jedoch als weitaus sachlicher als der aufgeheizt wirkende Spiegel-Artikel. Sie betreffen auch nicht nur Verbindungen des KZ Dachau zur Anthroposophie, sondern ganz allgemein im KZ angestellte Versuche der Nazis zu den Bereichen des natürlichen Landbaus und alternativer Heilweisen. Auch Unternehmen wie Bahlsen oder Dr. Oetker, so zeigt die Studie, waren in Vorgänge in Dachau oder anderen Konzentrationslagern verstrickt.

Was mit der neuen Studie vorliegt, ist eine forschungsintensive Arbeit, die bis in kleinste Details die erschreckenden Wirklichkeiten des KZs Dachau herausarbeitet. Was die Verstrickungen von Anthroposophen angeht, hat die Autorin allerdings Vorgängerarbeiten fast komplett ausgeklammert. Das betrifft nicht nur die von ihr als „Anthroposophie-nah“ distanzierten Studien von Arfst Wagner (bereits 1992!), Uwe Werner und zuletzt Peter Selg, auch die 2024 entstandene Studie unabhängiger Historikerinnen und Historiker über Die biodynamische Bewegung und Demeter in der NS-Zeit von Ebert, zur Nieden und Pieschel findet kaum Erwähnung, obwohl sie bereits deutlich die Verschränkungen zwischen den Interessen des NS-Systems und Repräsentanten der Demeter-Szene herausgearbeitet hatte. Sudrow ist diesen Spuren allerdings ungleich intensiver als die Vorgängerstudien nachgegangen.

Ihr Verhältnis zum Thema Anthroposophie ist sachlich distanziert. Steiners Werk sieht sie zwar als unwissenschaftliche Esoterik, das Wort „Präparate“ wird durchgängig in Anführungszeichen geschrieben und die Methoden des biodynamischen Anbaus hält sie für wirkungslos. Allerdings verzichtet sie auf Polemik und hält sich auch mit Mutmaßungen über eine grundsätzliche Nähe zwischen Anthroposophie und nationalsozialistischer Ideologie zurück, die sonst von Gegnern der Anthroposophie gern unterstellt wird.

Interessierte Nationalsozialisten

Ausgangspunkt für Sudrows Buch bildet die Erkenntnis, dass die SS-Elite an naturbasiertem Landbau und natürlichen Heilmethoden lebhaft interessiert war. Das reichte von diversen Ansätzen lebensreformerischer Ernährung und Pflanzenheilkunde bis zur Homöopathie – eben alles, was für eine völkisch ausgerichtete Ernährungs- und Gesundheitspolitik brauchbar erschien. Dabei fiel das Interesse der SS auch auf die biologisch-dynamische Anbauweise sowie auf die anthroposophische Medizin. Für Forschungszwecke auf all diesen Gebieten wurde das KZ Dachau bei München ausersehen. Es entstand das deutschlandweit tätige SS-Unternehmen Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung (DVA). Hier wollte man erforschen, ob eine gerade in Kriegszeiten vorteilhafte Autarkie in der Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten auf natürlicher Basis möglich war.

Bereits bei Kriegsbeginn 1939 hatte die SS dabei auch den Kontakt zur biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise gesucht, die in ihren eigenen Reihen durchaus umstritten war. Speziell Heinrich Himmler, selbst ausgebildeter Landwirt, und Rudolf Hess, dessen Ehefrau Ilse für ihren Garten in München einen biodynamischen Gärtner engagiert hatte, sympathisierten mit der biologisch-dynamischen Methode, während Heydrich und Bormann (die eine Mehrheit unter den NS-Funktionären anführten) diese entschieden ablehnten. Bald wurde die SS korporatives Mitglied des damaligen Reichsverbandes für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise. In diesem Kontext entstand unter anderem der Kontakt zu dem Weleda-Gärtner Franz Lippert, der ab Herbst 1941 in Dachau als Leiter der biodynamischen Versuchsfelder arbeitete. Lippert war von der sich bietenden Möglichkeit fasziniert, in Dachau mit großzügiger Ausstattung die Wirksamkeit der biodynamischen Präparate zu erforschen. In welch menschenverachtendem Umfeld seine Versuche stattfanden, hat weder Lippert noch die übrigen unter ihm in Dachau arbeitenden Anthroposophen bekümmert.

Willige Anthroposophen

Da die Mitgliedschaft in der SS für kooperationswillige Demeter-Fachkräfte verpflichtend war, begann das, was Sudrow als Aufbau eines regelrechten „Netzwerks von Anthroposophen“ in der SS bezeichnet. Neben den bereits früher bekannten und in der Demeter-Studie von 2024 vorgestellten Personen Franz Lippert, Erhard Bartsch, Martha Künzel und Carl Grund, konzentriert sich Sudrow zunächst auf den bisher wenig bekannten jungen Landwirt Herbert Beichl. Der sollte im Auftrag der SS sogar eine eigene Geschäftsstelle in der DVA für die biologisch-dynamische Anbauweise leiten und dazu weitere Anthroposophen rekrutieren. Sudrow identifiziert hier insgesamt ein gutes Dutzend der Anthroposophie nahestehende Personen. Zeitweilig gab es im Rahmen der DVA bis zu 14 biologisch-dynamisch bewirtschaftete Güter. Alle Beteiligten sahen ihre Mission darin, das zarte Pflänzchen Demeter in schwierigen Zeiten am Leben zu erhalten. Dass sie sich selbst und den bio-dynamischen Impuls damit in eine zutiefst unmenschliche Umgebung brachten, blendeten sie aus. Immerhin gesteht Anne Sudrow mehrfach zu, dass die in Dachau beteiligten Anthroposophen menschlicher mit den Gefangenen umgingen als die meisten Aufseher. Ehemalige Gefangene bezeichneten im Rahmen von Entnazifizierungsverfahren die Demeter-Gärtner als „Segen für uns Häftlinge“.

Dachau und die Weleda

Eine spezielle Fragestellung des Buches gilt dem bis heute umstrittenen Grad der Verstrickung der Weleda in die Machenschaften des KZs Dachau. Unbestritten ist, dass die Weleda – vor allem durch die Rolle des bereits erwähnten Franz Lippert – im KZ angebaute Rohstoffe beziehen konnte. Lippert selbst wurde übrigens von der Weleda ab 1947 wieder beschäftigt.

Noch gravierender für die Weleda sind die in Dachau von dem SS-Arzt Sigmund Rascher durchgeführten Menschenversuche. Der Sohn eines anthroposophischen Mediziners aus München war Waldorfschüler, aber selbst kein Anthroposoph (hier ist Sudrow manchmal etwas unscharf, weil Rascher in seiner Studienzeit von den Kristallisationsversuchen des Anthroposophen Ehrenfried Pfeiffer fasziniert war). Als SS-Offizier führte Sigmund Rascher dann in Dachau auf eigene Initiative, die er von Himmler absegnen ließ, tödliche Versuche an KZ-Gefangenen durch. Die gewonnenen Erkenntnisse sollten für im Atlantik abgeschossene deutsche Flieger ein besseres Überleben sichern. Raschers Versuchspersonen mussten dazu viele Stunden in eiskaltem Wasser und im Winter auch unbekleidet auf gefrorenem Boden verbringen. Hat Rascher hierfür eine bei der Weleda bezogene (und wohl an seine Münchener Privatadresse versendete) Frostschutzcreme verwendet? Und hätte man das bei der Weleda wissen können?

Ob Rascher bei seinen Versuchen tatsächlich die Weleda-Salbe eingesetzt hat (was Peter Selg zuletzt bezweifelte), wird auch von Sudrow offengelassen. Sie schreibt aber: „Es ist schwer vorstellbar, dass die verantwortlichen Forscher beziehungsweise Geschäftsleute bei Weleda nicht wussten, dass sie es hier mit einem SS-Auftrag zu tun hatten.“ Das stimmt, denn bei Rascher war der Bezug zur SS offensichtlich. In die Experimente von Rascher allerdings war nur der engste SS-Kreis um Himmler eingeweiht. Viel naheliegender wird es also damals für die Weleda gewesen sein anzunehmen, dass die Creme für Wehrmachts- beziehungsweise SS-Einheiten an der Ostfront bestimmt war.

Sudrow ist bei ihren Recherchen auf eine Anordnung Raschers gestoßen, seinen kompletten Schriftverkehr mit der beteiligen SS-Abteilung Ahnenerbe zu vernichten. „Eventuell sind daher weitere Teile der Korrespondenz nicht erhalten geblieben“, folgert Sudrow. Das heißt aber auch: die Vorgänge um die Verwendung der Frostschutzcreme lassen sich nicht endgültig aufklären.

Sigmund Rascher fand übrigens selbst im KZ Dachau ein unrühmliches Ende: Zusammen mit seiner Frau hatte er vier Kinder entführt und als eigene ausgegeben, um dem Profil einer kinderreichen Familie zu entsprechen. Als dies einige Monate vor Kriegsende herauskam, wurde er degradiert und selbst in Dachau inhaftiert. Drei Tage vor der Befreiung des Lagers erschoss man ihn auf persönlichen Befehl Himmlers.

Und jetzt?

Die Weleda hat als Reaktion auf das Buch von Sudrow und die teilweise skandalisierende Berichterstattung angekündigt, nun ihrerseits die NS-Verstrickungen der Firma noch einmal unabhängig aufarbeiten zu lassen, obwohl eine Untersuchung der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte sowie die Studie von Peter Selg bereits vorliegen. Nach den gründlichen Forschungen von Anne Sudrow ist es fraglich, ob dabei auf der Tatsachenebene noch neue Erkenntnisse zutage treten werden. Die eigentlichen Fragen stellen sich eher auf moralischer Ebene. Auch wenn es nicht nachweisbar und eher unwahrscheinlich ist, dass die Weleda von den Menschenversuchen Sigmund Raschers wusste: Hätte sich das Unternehmen nicht grundsätzlich einer Kooperation mit einem SS-Offizier verweigern können oder sogar müssen? Andererseits: War das überhaupt möglich und konnte man eine solche Verweigerung angesichts eines Willkürstaates riskieren?

Auch wenn keine direkte Schuld nachweisbar ist, bleibt doch die Tatsache einer Verstrickung von Weleda-Angehörigen durch die Kooperation mit der SS in Dachau.  Es hat einen Grund, dass diese nun seit fast 80 Jahren vergangene Geschichte seit über 40 Jahren immer wieder an die Oberfläche kommt wie eine nicht heilende Wunde. Hier hat eine Verletzung auf einer subtilen geistigen Ebene stattgefunden, die weiterwirkt. Im Bereich ihrer Heilmittel hat die Weleda große Erfahrungen mit feinstofflichen Wirkungen. Wäre in diesem Zusammenhang nicht auch ein geistiges Gegenmittel für dieses düstere Kapitel der eigenen Firmengeschichte denkbar? Eine Geste der Verantwortungsübernahme? Könnte vielleicht die Kunst hier weiterhelfen – eine künstlerisch gestaltete Gedenktafel für die ermordeten Gefangenen, aufgestellt am Unternehmenssitz der Weleda in Schwäbisch Gmünd oder gar in Dachau? ///

Anne Sudrow: Heil Kräuter Kulturen. Die SS, die ökologische Landwirtschaft und die Naturheilkunde im KZ Dachau. 669 Seiten gebunden, Vandenhoeck & Ruprecht 2025, € 59,-.

Ein Artikel aus der Ausgabe 10/2025 der Zeitschrift info3.

Über den Autor / die Autorin

Jens Heisterkamp

Jens Heisterkamp, geboren 1958 in Duisburg, wuchs im Ruhrgebiet auf. Er studierte an der Ruhruniversität Bochum Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie und wurde 1988 zum Dr. phil. promoviert. Nach der Begegnung mit der Anthroposophie lernte er während seines Zivildienstes die Heilpädagogik kennen und arbeitete als Dozent in der Erwachsenenbildung, kurzzeitig auch als Waldorflehrer, dann als Herausgeber und Autor. Seit 1995 ist er verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift info3 sowie Verleger und Gesellschafter im Info3 Verlag in Frankfurt am Main. Seine Themen sind Dialoge in Religion, Philosophie und Spiritualität, Offene Gesellschaft, Ethik.