Würde Rudolf Steiner heute leben, wäre er wahrscheinlich Patient in einer Psychiatrie – mit eindeutigen Aussagen wie dieser startet die neue 3sat-Doku über Steiner und die Anthroposophie. Wenn das zutrifft, ist es umso unverständlicher, dass 100 Jahre nach dem Tod dieses Psychopathen immer noch so viele Menschen Demeter-Gemüse essen, auf Misteltherapie setzen oder ihre Kinder auf eine Waldorfschule geben. Aufklärung tut not: Denn alle diese Praxisfelder beruhen auf einer Basis, die sich „fern jeder wissenschaftlichen Evidenz“ bewegt, wie uns der Film lehrt. Man könnte es für eine Privatangelegenheit halten, was man zum Thema Anthroposophie denkt. Aber sich nicht in allen Belangen des Lebens an die anerkannte Wissenschaft zu halten, ist eben keine persönliche Entscheidung, sondern kann sich grundlegend unsozial auswirken: „Das Weltbild, das dauerhaft Fakten leugnet, kann dazu führen, dass man sich von demokratischen Prozessen im Endeffekt dauerhaft entfernt“, weiß der Anthroposophie-Kenner Oliver Rautenberg zu berichten. Wie das aussah, hat sich vor allem in der Corona-Zeit gezeigt und der 3sat-Film (Buch und Regie: Sandra Rak) unterlegt es mit passendem Bildmaterial von Demos. Damals protestierten Menschen gegen die notwendigen Maßnahmen, obwohl uns die anerkannte Wissenschaft mit nebenwirkungsfreien Impfungen, Maskenpflicht und Schließungen des öffentlichen Lebens ein millionenfaches Sterben ersparte. Viele Anthroposophen hatten hier unbegründete Zweifel. Mit Recht fragt deshalb die Doku, „welchen Anteil das anthroposophische Gedankengut am Zerfall des Wahrheitsbegriffs und am Zerfall der Gesellschaft“ hatte. Denn die geheimen Netzwerke der Anthroposophen reichen weiter als man denkt!
Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Steiners Ideen kann der Film getrost vernachlässigen. Abgesehen von der wunderbar bedrohlich wirkenden musikalischen Untermalung ist es vor allem dem Anthroposophie-Experten Helmut Zander (im Abspann als „Fachberater“ der Produktion ausgewiesen) zu danken, dass ungefiltert die große Gefährlichkeit der Anthroposophie zur Sprache kommt: Steiners Rassismus, den seine Anhänger immer noch leugnen, und überhaupt die völlige Uneinsichtigkeit der Anthroposophen heute. Und dann die biodynamische Landwirtschaft: Klangrituale und vergrabene Kuhhörner statt tausendfach wissenschaftlich untermauertem Kunstdünger und Glyphosat! André Sebastiani von der Skeptiker-Bewegung spricht die unbequeme Wahrheit klar aus: “Das Ganze hat durchaus sektenhafte Züge.”
Angesichts dieses geballten Unfugs bleibt die einzige Kritik an dem Film, warum man überhaupt Anthroposophie-Vertretern wie Philip Kovce (Archivleiter in Dornach), Wolfgang Tomaschitz (Vorsitzender der Anthroposophischen Gesellschaft in Österreich) oder zwei Demeter-Landwirtinnen einen – wenn auch zum Glück kurzen – Raum für ihre kläglichen Erklärungsversuche geben musste. Hier liegt die Gefahr von False Balance nahe, zumal insbesondere die Demeter-Praktikerinnen ziemlich sympathisch rüberkommen. Auch der Titel der Doku ist eigentlich viel zu harmlos gewählt, wenn Rudolf Steiner als „Apostel der Esoterik“ bezeichnet wird. Denn weder waren Apostel als solche die schlechteren Menschen, noch ist Esoterik per se anrüchig, nur eben überflüssig in einer Welt, wo alles wissenschaftlich erklärbar ist. Noch eindeutiger wäre vielleicht gewesen „Anthroposophie – der Weg in die Katastrophe“ oder „Rudolf Steiner – die tickende Zeitbombe“. Aber dieser Film war sicher nicht der letzte seiner Art. Und der Phantasie für künftige Produktionen sind ebensowenig Grenzen gesetzt wie den Budgets der Öffentlich-Rechtlichen. Der Kampf geht weiter!
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