Anthroposophie und Esoterik

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© PictureAlliance, Oliver Berg

Warum es wichtig ist, Esoterik zu würdigen und welche Rolle sie bei Rudolf Steiner spielt. Stichworte, Erfahrungen und Anregungen.

Lange Zeit habe ich gedacht, es ginge beim Thema Esoterik vor allem um Phänomene des „New Age“, um Geistheilen, Channelling oder Aura-Lesen. Inzwischen sehe ich, dass es abseits solcher vulgären Formen um weit mehr geht: um weisheitsvolle Traditionen, die seit der Antike immer schon das gültige Wissen auf untergründige Weise begleitet haben, um ganze Strömungen wie die Rosenkreuzer oder um einzelne esoterische Denker wie Jakob Böhme. Es geht um eine Form des Wissens, die es wert ist, geachtet und gepflegt zu werden.

Das ist heute auch nötig: Denn dieses vielfältige Wissen wurde und wird seit langem von den herrschenden Gatekeepern verdrängt, zunächst war das die Kirche, später die Naturwissenschaften. In den Corona-Jahren avancierte Esoterik geradezu zum Schimpfwort.

Bedeutung und Reichweite

Wörtlich bedeutet Esoterik soviel wie „weiter innen“ und meinte in der griechischen Antike die Lehren, die nur den inneren Schülerkreisen der Philosophen zugänglich waren und die man von mehr äußeren („exoterischen“) Lehren unterschied. Bekannt geworden in neuerer Zeit sind etwa die Hermetik, das Rosenkreuzertum, die Freimaurerei, die Mystik, der Spiritismus, die Theosophie und vieles mehr. Auch die Unterströmungen der großen Religionen sind hier zu nennen, die jüdische Kaballa, die erst durch Gershom Scholem Anfang des 20. Jahrhunderts wieder zugänglich wurde, oder die Welt des Sufismus und selbstverständlich auch die vielen Spielarten eines esoterischen Christentums oder einer christlichen Theosophie. Ganz offensichtlich hat auch Rudolf Steiner in seiner Anthroposophie zahlreiche esoterische Dimensionen beschrieben – dazu gleich mehr.

Obwohl all diese Strömungen die westliche Kultur in vielfacher Weise mit prägen, kommen sie in den etablierten Diskursen und insbesondere in der akademischen Welt heute praktisch nicht vor. Der Religionswissenschaftler Kocku von Stuckrad von der Universität Groningen, mit dem ich mehrere Interviews führen durfte (siehe Link unten), hat eine von gegenwärtig insgesamt zwei Professuren inne, die sich im akademischen Betrieb der Erforschung und Re-Integration dieses unerwünschten Wissens widmen. Wouter Hanegraaf von der Universität Amsterdam ist der andere derzeit prominente Esoterik-Forscher. Als während der Corona-Zeit alles, was mit Esoterik zu tun hatte, medial unter Extremismus-Verdacht gestellt wurde, bemühte sich Hanegraaf auf einer Fachtagung 2022 in Fulda um Sachlichkeit. Er verwies dabei auch auf einen ganz besonderen Strom aktiver Verdrängung, der bis heute gerade im deutschsprachigen Diskurs nachwirkt: „Speziell in Deutschland hat nach dem Zweiten Weltkrieg und speziell in den 1970er und 1980er Jahren die Autorität der Kritischen Theorie und der Frankfurter Schule in Bezug auf Esoterik eine zweifelhafte Rolle gespielt“, führte er aus, „durch De-Legitimierung und indem sie moralische und politische Verdächtigungen gegen jeden Versuch unternahm, Esoterik zu einem seriösen akademischen Gebiet zu machen.“ Hanegraaf erinnerte auch an Georg Lukács, der in seinem Werk Die Zerstörung der Vernunft behauptet hatte, dass von Schelling aus ein gerader Weg über Nietzsche zu Hitler geführt habe: „Das heißt, schon die romantische Naturphilosophie war der Kritischen Theorie zu gefährlich.“ „Okkultismus ist die Metaphysik der dummen Kerle“ hatte Adorno dann in den Minima Moralia polemisiert – die Folgen sind heute noch wirksam.

Wie Steiner esoterisch wurde

Rudolf Steiner hatte bis etwa zu seinem 40. Lebensjahr in seinem Werk jeden positiven Bezug zum Bereich des Esoterischen und des Metaphysischen überhaupt vermieden. Das änderte sich, als er zu Beginn des neuen Jahrhunderts in Berlin mit Theosophen in Kontakt kam und eine gegenseitige Resonanz für das Übersinnliche einsetzte. Steiner betrachtete im Rückblick einen ersten Vortrag über Goethes Märchen als Beginn seiner Wendung zum Esoterischen. Ich habe einmal das Haus in Charlottenburg besucht, wo er im September des Jahres 1900 im theosophischen Salon Vorträge hielt – ein sehr gewöhnlicher Ort im lauten, modernen Berlin, den man sich nur schwer als Ausgangspunkt einer neuen Esoterik ausmalen kann.

Steiner deutete damals Goethes Erzählung als Programm einer seelisch-geistigen Transformation: „In meiner Seele lebte der Inhalt des Märchens als ein durchaus esoterischer. Und aus einer esoterischen Stimmung sind die Ausführungen geschrieben“, erinnert er sich in seiner Autobiografie an den Essay, den er zum gleichen Thema veröffentlichte. Unmittelbar nach diesem Vortrag begann Steiner eine Reihe von Darstellungen über die europäische Mystik. An dieser Abfolge sieht man, dass für ihn das Esoterische inhaltlich mit der bewussten Entwicklung der menschlichen Seele begann und methodisch damit, dass es – wie in Goethes Märchen – auch gewisse Bilder und Symbole gibt, die mit dieser inneren Seelenentwicklung zu tun haben. Diese Bilder – etwa Könige mit Schwertern, eine Schlange und ein unterirdischer Tempel – hatten beim Lesen auf mich immer die Wirkung von etwas Geheimnisvollem.

Von diesem Keim aus ging es für Steiner stetig weiter hinein in das Esoterische: Seine Schriften zur inneren Entwicklung sind „Anweisungen für eine esoterische Schulung“, die nicht nur in den von ihm eigens eingerichteten Zirkeln gepflegt wurden. „Es schlummern in jedem Menschen Fähigkeiten, durch die er sich Erkenntnisse über höhere Welten erwerben kann“ – so überwältigend offen beginnt sein vielleicht wichtigstes Übungsbuch, das mich als jungen Menschen sofort in seinen Bann schlug.

Steiner entwickelte mit der Zeit einen ganz erstaunlichen Fundus an esoterischen Themen – will sagen: an Inhalten, die über alles äußerlich Bekannte hinausgehen. Beispielsweise ist seine Darstellung der Entstehung des Kosmos und der Erde aus der Interaktion geistiger Mächte heraus ein einziges esoterisches Epos.

Esoterisches Christentum

Ein ganz besonderer Bereich esoterischer Inhalte betrifft das Christentum. Steiner gab unter anderem geheimnisvolle Einblicke in die Genealogie Jesu, indem er dessen Abstammung als Verschmelzung zentraler menschheitlicher Mysterienströmungen beschrieb: nämlich als das Zusammenkommen zweier Jesus-Knaben statt nur einem. Teilweise ergeben sich Anlässe dazu aus den Evangelien, anderes aber hat Steiner eigenständig erschlossen. Das erweitert die Dimensionen des Christentums ins Menschheitliche und Kosmische. Dabei nimmt seine christliche Esoterik nichts vom Mysterium, sondern fügt etwas hinzu, das man für sich bewegen mag oder nicht.

Im Jahr 1913 überraschte Steiner sogar mit Schilderungen eines Fünften Evangelium – für viele Menschen ist das bis heute ein Stein des Anstoßes. Steiner meinte damit nicht die Offenlegung bisher verborgener oder vergessener Schriften aus der Zeit Jesu (der Begriff „Fünftes Evangelium“ ist in der Religionsgeschichte durchaus bekannt), auch nicht etwas, was er persönlich als Interpretation hinzufügen wollte. Dieses fünfte Evangelium, so würde ich es in eigenen Worten ausdrücken, ist vielmehr ein übersinnliches Reservoir mit esoterischen Zusammenhängen rund um das Leben Jesu, dessen „Anzapfen“ und Öffentlich-Machen nichts Geringeres als eine Erweiterung der religiösen Offenbarung bedeutet. (Nebenbei: auch andere Mystiker erklärten schon, dass die Offenbarung mit den kanonischen Schriften keineswegs abgeschlossen sei.) Steiner beschreibt intime Innenerlebnisse des jungen Jesus, Zeiten seiner Wanderschaft, Situationen der Versuchung und Verzweiflung. Steiner tut das in einer Weise, als sei er dabei gewesen, und diese besondere Nähe kann auch in seinen Lesern tiefe Empathie auslösen. Ich gestehe: Diese Schilderungen gehören für mich zum Ergreifendsten, was ich an anthroposophischen Inhalten überhaupt kennengelernt habe.

Aber wie war Steiner ein solcher Zugang zu ursprünglichen Quellen des Jesus-Lebens möglich? Die von ihm selbst gegebene Antwort ist ebenso geheimnisvoll wie die weitergegebenen Inhalte: Er habe sein eigenes Denken so verlebendigt, dass er sich in diesem Zustand gleichsam von anderen Wesen, von Engeln gedacht fühlte. „Man lässt seine Gedanken von den Engeln denken.“ Und in dieser Verfassung habe er die entsprechenden Inhalte aus dem Leben Jesu empfangen.

Bei aller Esoterik dieser Inhalte knüpfte Steiner im Grunde immer an etwas an, was im Christentum an Esoterischem ohnehin schon immer manifest ist: Wie anders als esoterisch sollte man die Menschwerdung Gottes, wie anders als esoterisch den Kreuzestod Jesu, seine Auferstehung und sein Fortwirken bezeichnen? Das alles sind ja tiefste, zugleich offenliegende und sich immer wieder verhüllende Geheimnisse. Allerdings werden diese heute nicht nur von wissenschaftlicher Ungläubigkeit, sondern auch von äußerlich gewordenen religiösen Formen überlagert. Bei mir selbst haben viele esoterische Hinweise Steiners einem in Konventionen verschütteten Christentum wieder zum Leben verholfen.

Schutz geben

Esoterik findet sich auch an vielen anderen Stellen von Steiners Werk. Ich denke beispielsweise an seine Darstellungen zum Thema Karma. Aber auch zu den Praxisfeldern führen esoterische Fäden: in der biologisch-dynamischen Landwirtschaft etwa die kosmischen Bezüge der Präparate, in der Anthroposophischen Medizin die subtilen Wirkungen der Heilmittel, und die Waldorfpädagogik ruht auf einer Anthropologie, die zwar phänomenologisch zugänglich ist, aber eben doch auch spirituelle Dimensionen hat. Für Kritiker Steiners und der Anthroposophie bildet das Angriffsflächen. Nur zu gern wird Anthroposophie mit Hilfe passender Zitate zum obskuren Panoptikum gemacht, das in einer sich aufgeklärt verstehenden Öffentlichkeit störend wirkt. Das Verhalten mancher Anthroposophen mit mangelndem Taktgefühl unterstützt diese Eindrücke. Auch bei mir bilden sich immer wieder Aversionen, wenn esoterische Inhalte banalisiert und trivial werden, indem man über den Erzengel Michael spricht wie über einen Bekannten von nebenan, wenn man die außerordentlichen Bewusstseinsbedingungen dieser Inhalte vergisst und sie schnöde verdinglicht. Zur Veröffentlichung jenes Wissens, das früher einmal als geheim galt, gehört eben auch der richtige Umgang damit. In der Spannweite zwischen nüchterner wissenschaftlicher Besinnung und redlicher meditativer Pflege kann aber der anthroposophischen Esoterik noch eine fruchtbare Zukunft bevorstehen. ///

Diskussion mit Prof. Kocku von Stuckrad über Esoterik in der Reihe „Anthroposophie im Gespräch“:

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Weiteres interessantes Video in der ARD-Mediathek:
Vortrag von Prof. Wouter Hanegraaf über Esoterik

Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe April 2026.

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Über den Autor / die Autorin

Jens Heisterkamp

Jens Heisterkamp, geboren 1958 in Duisburg, wuchs im Ruhrgebiet auf. Er studierte an der Ruhruniversität Bochum Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie und wurde 1988 zum Dr. phil. promoviert. Nach der Begegnung mit der Anthroposophie lernte er während seines Zivildienstes die Heilpädagogik kennen und arbeitete als Dozent in der Erwachsenenbildung, kurzzeitig auch als Waldorflehrer, dann als Herausgeber und Autor. Seit 1995 ist er verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift info3 sowie Verleger und Gesellschafter im Info3 Verlag in Frankfurt am Main. Seine Themen sind Dialoge in Religion, Philosophie und Spiritualität, Offene Gesellschaft, Ethik.