Wir brauchen einen lebendigen Zeitbegriff!

Georg Soldner
© Goetheanum

Für den Arzt Georg Soldner ist Zeit ein interdisziplinäres Thema, das viel mit unserer Gesundheit zu tun hat. Ein Gespräch über die Prägung der Zeit durch den Kapitalismus, Ursachen des Zeitmangels und die Suche nach einem lebendigen Verständnis von Zeit.

Herr Soldner, vom 30. April bis zum 2. Mai wird an der Universität Witten-Herdecke ein Kongress zum Thema „Zeit“ stattfinden, den Sie mit vorbereiten. Dabei wird es auch um medizinische und gesundheitliche Dimensionen von Zeit gehen. Was genau haben Sie da vor?

Durch das Thema der Zeit können wir uns besonders gut dem Phänomen des Lebendigen nähern, denn Leben ist eigentlich immer Selbstveränderung und Selbstgestaltung in der Zeit. Ich halte sogar den Begriff der Zeit als Substantiv für ein Abstraktum, viel realer ist das Verb „sich zeitigen“. So wie ein Fluss durch eine Landschaft fließt und sie gestaltet, so gestaltet sich jedes Lebewesen in der Zeit. Dieser Prozess des Lebendigen, das sich zeitigt, wird das Kernthema der Tagung sein. Es werden dabei interdisziplinär sowohl Stimmen aus der akademischen Welt als auch aus der anthroposophischen Forschung zu Wort kommen.

Als relativ prominente Sprecher sind auch Giovanni Maio, Thomas Fuchs und Hartmut Rosa dabei.

Wobei das von Rosa ausgearbeitete Thema der Resonanz auch Thomas Fuchs und mich schon früh beschäftigt hat. Wir kennen uns noch von der gemeinsamen Schulzeit her und waren seither füreinander Gesprächspartner. Dann wirken auch junge Wissenschaftlerinnen mit wie Rosa Michaelis, eine international bekannte Epilepsie-Forscherin, die unter anderem an der Frage forscht, wie Patienten durch einen bewussten Umgang mit der Zeit ihr Anfalls-Leiden besser beherrschen können.

Wie könnte das zusammenhängen?

Alle Lebewesen zeitigen sich im Rhythmus. Der ursprüngliche Rhythmus kommt nicht von der Erde, sondern entsteht durch die Sonne, ist also ein kosmischer Rhythmus. Jedes Lebewesen, auch jeder Baum, lebt in der Nacht anders als am Tag. Nun spielt es für die Epilepsie eine große Rolle, ob ich mit diesen Rhythmen im Einklang bin oder nicht. Schlaflosigkeit ist ein Faktor, der Anfälle auslösen kann, ebenso wie eine rhythmische Lebensführung helfen kann, sie zu vermeiden. Das ist inzwischen auch durch Studien belegt. Die Epilepsie ist ein Beispiel, dass selbst eine schwere Erkrankung, die zu einem Drittel nicht mit Arzneimitteln zu beherrschen ist, durch einen bewussten Umgang mit der Zeit bedeutend verbessert werden kann.

Durch einen guten Schlafrhythmus und das Einhalten von Ruhephasen?

Genau. Dabei gilt es grundlegend zu berücksichtigen, dass wir in der Neuzeit ja eine rein technische Vorstellung von Zeit verinnerlicht haben: eine lineare Zeit, eine Uhrzeit – aber kein Lebewesen folgt einer linearen Zeit. Lebewesen leben in Rhythmen und Zyklen. Als Mensch bin ich in der Frühe ein anderer als am Abend. Rhythmen sind übrigens auch für die Ernährung extrem wichtig: Übergewicht oder Bluthochdruck lassen sich verbessern, wenn ich berücksichtige, dass mein Organismus am besten mittags eine größere Mahlzeit aufnimmt und nicht spät abends. Durch das Einhalten von Rhythmen, wozu auch regelmäßiger Schlaf gehört, kann ich mich ein Stück weit besser vor Demenz schützen, auch gegenüber Krebs kann das vorbeugen – es geht hier also wirklich um die großen Erkrankungen unserer Zeit. Aus der Kinder- und Jugendmedizin wissen wir außerdem, dass Kinder und Jugendliche mit unregelmäßigem Schlaf häufiger ADHS-Symptome zeigen. 15 Prozent aller Erstklässler haben heute Schlafstörungen! Und die häufigste Ursache dafür ist ein unrhythmisches Leben in der Familie.

Wodurch hat sich denn unser Verhältnis zur Zeit so geändert?

Das rein technische Denken über die Zeit ist jüngeren Datums. Bis weit in die Neuzeit bestimmte die „wahre Sonnenzeit“ das Leben der Menschen, mit unterschiedlicher Stundenlänge je nach Jahreszeit und unterschiedlicher Uhrzeit je nach Lage des Ortes zwischen Ost und West. Erst mit dem Aufkommen der Eisenbahn und der vom Kapitalismus vorangetriebenen Globalisierung wurde die „mittlere Sonnenzeit“ zum Standard und man teilte die Welt in Zeitzonen ein. Dabei eint Kapital und Technik das Ziel der Beschleunigung: Wenn Du mehr schaffst in der gleichen Zeit, wirst du produktiver und es steigt Dein Gewinn. Auf den Menschen wie die Erde als Ganzes kann sich dieser Umgang mit der Zeit sehr schädlich auswirken.

Was empfehlen Sie konkret als gesundheitsfördernd im Blick auf die Rhythmen?

Für mich beginnt das mit einem Verstehen, dass alles Leben ein Sich-zeitigen ist. Leben ist nicht einfach Wachstum, sondern Gestaltung in der Zeit. Das heißt in anthroposophischer Begrifflichkeit ausgedrückt, den Ätherleib zu verstehen. Auf unserer Tagung in Witten wollen wir dieses Thema vor allem in den Bereichen Philosophie, Pädagogik und Medizin verfolgen. Immer vor dem Hintergrund des Ziels eines gesünderen Lebens, nicht nur für uns selbst, sondern auch für eine gesündere Gesellschaft, die sich an einem neuen Zeitbegriff orientieren könnte und nicht mehr an dem Immer-schneller, Immer-mehr. In der Vergangenheit hat sich ja zum Beispiel auch die Medizin an diesem falschen Zeitbegriff orientiert. Und mit Recht hat der Medizinethiker Giovanni Maio gesagt, nichts charakterisiere die moderne Medizin so sehr wie der Zeitdruck. Das ist nicht zuletzt der Einfluss des Kapitalismus auf die Medizin. Wir sehen aber inzwischen auch erfreuliche Gegenbewegungen. Im Unfallkrankenhaus Murnau zum Beispiel gibt es jetzt ein orangefarbenes Team, das sich auf die Versorgung demenzkranker Menschen spezialisiert hat. Für diese Patienten brauche ich besonders viel Zeit, um in aller Ruhe zum Beispiel einen Oberschenkelhalsbruch zu versorgen. Da ist nicht die zeitliche Effektivität das Maß, sondern die Frage, wieviel Zeit braucht die Versorgung eines Demenzkranken, damit es nicht noch zu einer Verschlechterung seines Zustands kommt. Meine Frage als Arzt muss also immer lauten: Wieviel Zeit braucht ein Patient, ein Kind? Genauso wie ich beim Weizen fragen muss, wieviel Zeit braucht er zum Reifen? Bloßes Effektivitätsdenken ist hier schädlich – wir brauchen einen anderen Zeitbegriff, der dem Leben entspricht.

Wie sieht es in unserem Schulwesen aus – wirkt da nicht bereits der starre Stundenplan unrhythmisch und lebensfeindlich?

Ganz sicher, und im Grunde ist unser konventionelles Schulsystem ja am Ende. Es schafft es immer weniger, noch ausreichend Grundkompetenzen zu vermitteln, und es schafft es noch viel weniger, die Kinder und Jugendlichen wirklich ins Leben zu führen. Der indisch-britische Aktivist Satish Kumar hat in England eine hinduistisch geprägte Small School gegründet, wo die Schüler nicht nur lernen zu schreiben und zu rechnen, sondern wo sie auch Kochen und Gärtnern lernen – warum sollte das eigentlich nicht überall so sein? Als ich elf Jahre alt war, musste meine Mutter längere Zeit ins Krankenhaus und ich übernahm das Kochen, weil mein Vater es nicht konnte. Und während dieser Zeit lernte ich nicht nur zu kochen, sondern meine Noten wurden auch besser! Weil ich insgesamt besser organisiert war.

Von Rudolf Steiner gibt es ja das etwas rätselhafte Wort vom Doppelstrom der Zeit. Dass es also zu der vorwärtsgerichteten Zeit von der Vergangenheit in die Zukunft eine Zeit gibt, die von der Zukunft in die Gegenwart reicht. Wie kann man sich dieser Vorstellung nähern?

Viele Menschen kennen ja die Erfahrung eines Déjà-vu oder von Vorausahnungen, die gar nicht aus der Vergangenheit kommen können. Ich selbst habe einmal in den Bergen eine Ahnung von Gefahr gehabt und bin umgekehrt, und am nächsten Tag ist an der gleichen Stelle jemand tödlich verunglückt. Das könnte darauf hinweisen, dass die Zukunft gar nicht diese Leere ist, die wir uns meist vorstellen. Zukunft bedeutet vielmehr das, was auf uns zukommt.

Noch grundlegender sehen wir so etwas in der Evolution. Da beginnt die Menschwerdung vor etwa sechs Millionen Jahren durch die Aufrichtung unserer Vorfahren. In der Gegend von Afrika, wo das geschah, und angesichts der großen Wildtiere, die es dort gibt, müssen wir uns eines klarmachen: In dem Moment, wo wir uns aufrichten, sind wir langsamer als die anderen; jeder Vierfüßler ist schneller als der Mensch auf zwei Beinen. Ein Flusspferd mit seinen drei Tonnen Gewicht läuft 48 Kilometer in der Stunde, da kommt selbst ein Usain Bolt nicht dran. So gesehen bedeutet die Aufrichtung eine Hemmung, wir werden langsamer. Das lässt sich nun verallgemeinern und vielfach sehen in der Evolution: Evolution geschieht durch die Hemmung einer bis dahin funktionierenden Lösung. Diese Hemmung – aus der heraus sich dann neue Möglichkeiten wie in der menschlichen Evolution ergeben – kann nicht aus der Vergangenheit kommen, sondern sie kommt aus der Zukunft.

Das Kognitive beim Menschen wird wichtiger als seine physische Beweglichkeit?

Ja, aber das Kognitive war ja damals noch gar nicht da, lag noch in der Zukunft! Lange vor der Entfaltung des Großhirns erwarb der Menschenvorfahr den aufrechten Gang und die freie Hand. Das Kleinkind richtet sich auf, ehe es zu sprechen und zu denken beginnt. Dieses Prinzip können wir auch auf die Entwicklung von Persönlichkeiten wie auch von Unternehmen übertragen. Wenn Sie da eine gute Unternehmensberatung haben, stellt sich fast zwangsläufig die Frage: Was haben die Mitarbeiter, die Führungskräfte eigentlich für eine Vision? Wo wollen sie hin? Und da kommen wir unmittelbar zu der Theorie von Otto Scharmer, der diesen Prozess beschreibt, wo eine Institution zunächst versucht, sich all dessen bewusst zu werden, was sie aus der Vergangenheit mitbringt und wo dann die Mitarbeiter im Prozess des „Presencing“, wie Scharmer das nennt, versuchen sich zu öffnen für etwas Anderes, für etwas Neues, das in die Zukunft führen kann. Auch in diesem Prozess geht es darum, sich bewusst zu hemmen bei einem bloßen Weitermachen. Und dadurch werde ich offen für neue Dinge, Ideen, werde ich schöpferisch. Alles Schöpferische arbeitet mit dem Zukunftsstrom! Es geht darum, sich dafür zu öffnen – doch viele empfinden das, was aus der Zukunft ungeplant auf sie zukommt, als Bedrohung. Aber unser wahres Potenzial zeigt sich erst, wenn wir die „Komfortzone“ des „Weiter so“ verlassen!

Ja, denn das, was da aus der Zukunft kommt, ist nicht immer angenehm. Rudolf Steiner deutet auch an, dass sich die Frage auftun kann, ob ich das wirklich will, was da in der Zukunft wartet.

Ich denke, es gibt von der Zukunft her einen Strom des Guten und einen Strom des Bösen. Steiner hatte damals auf eine neue Offenbarung des Christus hingewiesen, die Ende des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts beginnen würde, und auf das gleichzeitige Auftreten einer dämonischen Kraft, wie wir sie im Nationalsozialismus erlebt haben. Diese Entwicklungen dauern noch an und die Frage ist, mit welchem dieser Ströme wir uns verbinden wollen. In vielen spirituellen Traditionen finden wir ein Bewusstsein dafür, dass im Leben Prüfungen auf uns zukommen, an denen wir uns bewähren und entscheiden – und neue Wege gehen müssen. Wie Saulus vor Damaskus – vielleicht eines der bekanntesten und historisch folgenreichsten Beispiele für den Gegenstrom aus der Zukunft. Wenn wir in einem solchen Horizont leben, können wir uns auch wieder neu bewusst werden, wie wertvoll jeder kleine Schritt ist, den wir selbst tun und dass wir immer in der Entscheidung stehen, mit welchem Zukunftsstrom wir uns verbinden. ///

Das Interview führte Jens Heisterkamp.

Georg Soldner ist anthroposophischer Kinder- und Jugendarzt in München.

Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe März 2025.

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