Interview: Anna-Katharina Dehmelt
info3: Vor einhundert Jahren entstand der erste Waldorf-Kindergarten. Anders als bei der 1919 gegründeten Waldorfschule hatte der 1925 gestorbene Rudolf Steiner dazu keine eigenen Fachkurse und nur wenige Anregungen gegeben. Wie hat sich die Waldorfpädagogik der frühen Kindheit in diesen 100 Jahren entwickelt? Wo steht sie heute?
Gelitz: Die Waldorfpädagogik der frühen Kindheit war zunächst eine reine Kindergartenbewegung. Heute fassen wir darunter ja auch die Krippenbetreuung für Kinder unter drei Jahren, Tagespflegepersonen, also Tagesmütter und Tagesväter, und auch Eingangsklassen, Brückenklassen oder Vorklassen. In den letzten 30 bis 40 Jahren ist das Feld viel größer geworden und umfasst ganz verschiedene Organisationsformen für die frühkindliche Betreuung.
Die Kindergärten hatten 1926 einen recht langsamen Start. Elisabeth von Grunelius, die den ersten Kindergarten in Stuttgart aufgebaut hat, erlaubte keine Praktikantinnen. Bis Klara Hattermann so gedrängt hat und dann schließlich doch hospitieren durfte und dann in Hannover einen weiteren Waldorfkindergarten eröffnete. Aber es ging insgesamt langsam voran. Und der Kindergarten war ja auch kein Thema, das in den Schul-Konferenzen mit Steiner vielfach diskutiert worden wäre. So gab es an den Schulen zwar den auch nachdrücklich von Steiner vorgetragenen Wunsch, aber der hat sich zunächst nicht realisiert.
Nach dem Krieg gab es dann eine Initiative von mehreren Waldorfkindergärtnerinnen, sich immer zu Pfingsten zu einer inhaltlichen Arbeit zu treffen. Diese Pfingsttagungen gibt es bis heute jedes Jahr in Hannover. Daraus ist 1969 auch die Vereinigung der Waldorfkindergärten hervorgegangen.
Wie umfangreich ist diese Bewegung heute?
Heute haben wir knapp 600 Waldorfkindergärten in Deutschland und circa 2000 Waldorfkindergärten weltweit. Ich denke, man kann sagen, dass die Waldorfpädagogik der frühen Kindheit und die Waldorfkindergärten bei denjenigen Eltern, die ein Interesse an alternativpädagogischen Ansätzen haben, sehr beliebt sind. Ein bisschen weiter verbreitet ist noch die Montessori-Pädagogik, weil sie mitunter auch in kommunalen Kindergärten mit integriert ist. Die Waldorfkindergärten dagegen haben in aller Regel eigentlich auf der ganzen Welt freie Träger.
Welche Potenziale und welche Möglichkeiten für die Themen der Gegenwart und Zukunft schlummern denn in der Waldorfpädagogik der frühen Kindheit?
Das große Potenzial der Waldorfpädagogik der frühen Kindheit liegt auf jeden Fall in der Handlungspraxis. In Waldorfkindergärten wird weniger mit den Kindern darüber gesprochen, was alles hätte, müsste, könnte, sondern es wird gemeinsam etwas getan. Es wird weniger vermittelt, warum Vollkornprodukte gesünder sind, sondern es wird gemeinsam Mehl gemahlen oder es werden die Mahlzeiten zubereitet. Es werden also die Dinge getan, statt darüber zu reden. Das ist auch ein Impuls für die ganze Gesellschaft, weil die Kinder eigentlich immer die Handlungen der Erwachsenen spiegeln. Und wenn die Erwachsenen darüber sprechen, was alles wichtig wäre, dann fangen Kinder darüber an zu sprechen, was alles wichtig wäre. Aber sie kommen nicht in die Tat. Also: Mehr zu tun können wir eigentlich alle von den Waldorfkindergärten lernen.
Dazu gibt es auch einige wenige Zitatfetzen von Rudolf Steiner, wo er anregt, „sinnvoll tätig“ zu sein und die „Arbeiten des Lebens“ hineinzuholen in die Arbeiten des Kindergartens. Wir hüllen die Kinder damit ein in ein gemeinsames Tätigsein, und weil sie mitschwingen, weil sie imitieren, weil sie nachahmen, regt das zu eigenem Tätigsein an. Freya Jaffke hat das vor etwa 40 Jahren einmal sehr treffend die „Tätigkeitshülle“ genannt.
Was ist das Potenzial daran?
Das liegt darin, dass die Kinder Selbstwirksamkeit erleben. Ihnen wird nicht lediglich verbal vermittelt: „Du bist wichtig, du kannst etwas und kannst etwas erreichen in der Welt“, sondern sie erfahren das am eigenen Leib. Ein zweiter Punkt, weshalb diese Handlungspraxis so bedeutend ist: Wir legen ja heute zurecht einen großen Wert auf die Partizipation der Kinder – dass sie teilhaben sollen an allem, was ihr eigenes Leben betrifft, dass wir sie ernst nehmen in ihren Bedürfnissen und in ihren Impulsen. Das ist ihr Recht. Und hier setzt die Waldorfpädagogik viel stärker auf Selbstbestimmung als auf eine Alibi-Mitbestimmung. Das ist für mich ein ganz, ganz wichtiger Punkt, dass die Kinder nicht lediglich in einem pseudodemokratischen Raum mitbestimmen, welches Lied jetzt gesungen oder welche Gummistiefel angezogen werden. Kann man alles mal machen und Erfahrungen damit sammeln. Aber dass es vor allem Räume gibt, wo die Kinder ganz selbstbestimmt zupacken können. Das Kind nimmt die Säge in die Hand und sägt etwas ab, ohne dass es das begründen muss. Es klettert im Baum, ohne gefragt zu werden, wer oder was es im Spiel ist. Und so gibt es zum Beispiel auch keine Ausmalbilder, bei denen man etwas falsch machen kann, sondern da liegen Stifte und ein weißes Blatt Papier, und niemand gibt vor, was damit zu geschehen hat. Und ganz wichtig ist für diese Selbstbestimmung das freie Spiel. Da fragt niemand das Kind, warum es etwas tut oder lässt oder mit wem. So realisiert sich Selbstbestimmung, statt dass Mitbestimmung immer nur auf einer sprachlich intellektuellen Ebene verbleibt.
Gibt es denn auch Defizite in der Waldorfpädagogik der frühen Kindheit? Wohin könnte sie sich weiterentwickeln? Was sind da die Hauptaufgaben und Fragen?
Zunächst, denke ich, kann der Selbstbestimmungsaspekt in den Kindergärten noch auf mehr Alltagssituationen ausgeweitet werden, als ich es skizziert habe. Das bleibt ein Übfeld. Vor allem meine ich aber, die Hauptaufgabe der Waldorf-Kindergartenbewegung ist, dass sie nicht das, was traditionell geworden ist, als „die“ Waldorfpädagogik nimmt, sondern dass sie sich ihre Gegenwärtigkeit bewahrt. Die ganze Waldorfpädagogik der frühen Kindheit ist ja in der komfortablen Lage, dass es kaum Zitate von Steiner dazu gibt. Die Waldorfschulen können sich viel stärker auf konkrete Hinweise Steiners abstützen, wie man dies oder jenes in der fünften Klasse oder in der achten Klasse zu machen hat. Das ist ja nicht unproblematisch. Aber das gibt es alles für die Waldorfkindergärten nicht. Das heißt, das, was sich in den ersten Jahrzehnten der Waldorf-Kindergartenbewegung herauskristallisiert hat, ist wirklich von diesen bestimmten Menschen damals aus dem Moment geschöpft, ja, das sind richtig schöpferische Akte. Und da ist der Tagesablauf im Kindergarten entstanden, der Reigen und wie lange er dauert, die Gestaltungsideen für das Puppenspiel und so weiter. Und jetzt denke ich, dass die Waldorfkindergärten sich immer wieder besinnen müssen, dass sie fortdauernd schöpferisch bleiben und nicht nur auf Dinge zurückgreifen, die historisch geworden sind. Ich finde es gut, dass es viele Unterlagen gibt, in denen ich dies oder jenes nachschlagen kann – und würde aber trotzdem nach dem Studium dieser historischen Materialien empfehlen, dann doch wieder aus dem Moment heraus zu schöpfen.
Was bedeutet das konkret?
Wenn ich mich und andere Menschen beobachte, wie sie über Waldorfpädagogik sprechen, dann erklären oder verteidigen oder rechtfertigen wir die Waldorfpädagogik – wie ich das eben auch so ein wenig gemacht habe. Aber ich meine, wir sollten nach nunmehr 100 Jahren ein bisschen den Blickwinkel verändern. Wir sollten nicht die Taschenlampe aus der Vergangenheit in die Zukunft strahlen lassen und erzählen, was die Waldorfpädagogik alles zu bieten hat. Sondern wir sollten schauen, was sind die Anforderungen heute? Also zum Beispiel die Bedrohung der Demokratie, die ökologische Krise und das Thema Nachhaltigkeit oder die Sensibilität für Diversität. Wie gehen wir mit solchen Sachen um? Und dass wir von diesen gegenwärtigen Themen aus die Taschenlampe in die Vergangenheit richten und fragen: Was bietet denn nun die Waldorfpädagogik zur Beantwortung dieser Fragen? Das ist eine andere Blickrichtung. Weil ich dann eigentlich frage: Was benötigen Kinder heute? Sonst frage ich immer: Was hat die Waldorfpädagogik bisher alles gesagt? Und dann bin ich gar nicht offen für Fragen, zu denen die Waldorfpädagogik bisher nichts zu bieten hat. Diesen Perspektivwechsel stelle ich mir auch selbst als Aufgabe: hin zu den gegenwärtigen Aufgaben und weg von der gewordenen Waldorfpädagogik. Wenn ich jetzt von den Anforderungen der Gegenwart aus in die Waldorfpädagogik hereinleuchte, werde ich ganz viel finden, was ein innovatives Potenzial bietet.
Wir müssen lernen, dass wir doch in erster Linie eine Verantwortung für die Kinder haben und nicht eine Verantwortung für die Waldorfpädagogik. Wir sind dafür verantwortlich, dass wir gegenwartsangemessen für die Kinder da sind. Und dann sind wir auch nicht mehr in der Not, die Waldorfpädagogik verteidigen zu müssen, sondern wir können schauen: Was hält sie bereit? Und wenn sie nichts bereithält, ja, dann entwickeln wir das eben.
Und sind Sie mit dieser neuen Blickrichtung schon fündig geworden?
Ja, ich bin schon fündig geworden. Und zwar habe ich gesehen, es gibt einen Beitrag von Elisabeth von Grunelius in einer Erziehungskunst von 1932, in dem sie, ohne das Wort in den Mund zu nehmen, von Partizipation spricht. Sie sagt: Die einzige Methode, die das Kind in seiner Freiheit auch wirklich ernst nimmt, ist die Nachahmung. Man muss den Kindern nur Zeit lassen. Wenn wir ganz konsequent auf die Nachahmung rechnen, dann wird das Kind zu seiner Zeit von dem Standpunkt aus, wo es steht, in die Dinge hineinfinden. Und dann schreibt sie einen ganz erhabenen Satz: „Das Kind fühlt sich darin frei und ist es auch.“
Wenn ich heute über Partizipation, über Teilhabe, über Selbstbestimmung nachdenke, dann habe ich ja immer eigentlich zunächst das Bild von einer Vergangenheit, in der die Kinder dominiert wurden und die Erwachsenen versucht haben, den Kindern das gute Leben beizubringen. Heute entwickeln wir uns weiter zu mehr Mitbestimmung, Selbstbestimmung und Partizipation. Das ist gut so. Und dann schaue ich, wo es dazu schon etwas gibt und finde 1932: „In der Nachahmung fühlt sich das Kind frei und ist es auch.“ Da schlummert dann natürlich wirklich Potenzial, weil es uns etwas zeigt, das wir in unserem Bemühtsein um Augenhöhe mit den Kindern manchmal vergessen: Kinder ahmen immer selbstbestimmt nach, man kann sie nicht dazu zwingen. Wenn wir in einer nicht manipulativen Weise uns moralisch redlich und im Alltag geschickt verhalten, dann dürfen wir darauf vertrauen, dass die Kinder einschwingen. Dazu brauchen sie Zeit und unsere Geduld. Teilhabe realisiert sich eben nicht durch einen schnellen Entscheidungszwang, sondern durch die Möglichkeit selbstbestimmt zu meiner Zeit in meiner Art mir die Welt anzuverwandeln.
Hätte ich aus der Vergangenheit, vom Zitat selbst ausgehend versucht zu erläutern, was Waldorfpädagogik will, dann hätte ich formulieren können: Nachahmung ist wichtig für die Entfaltung der Kinder und ihre Freiheit. Das Stichwort Partizipation hätte ich darin unter Umständen nicht gesehen. Wenn ich aber von der gegenwärtigen Herausforderung aus argumentiere, dass Partizipation sich altersangemessen zu realisieren hat, dann komme ich dazu, dass ein Ernstnehmen der Nachahmungskraft kleiner Kinder uns in diesem Bemühen hilft, wenn wir ihnen denn Zeit dazu lassen.
Wie sieht es denn aus mit dem schöpferischen Potenzial der Erzieherinnen und Erzieher? Dass sie selber Antworten entwickeln auf Fragen wie nach Diversität und Friedensfähigkeit?
Das ist eine Frage an die Ausbildung und an das Studium. Inwieweit werden entsprechende Kompetenzen vermittelt? Da bin ich der Überzeugung, dass die waldorfpädagogischen Ausbildungen und Studiengänge relativ gut sind. Da wird künstlerisches Tun gepflegt, da ist viel Persönlichkeitsbildung und es geht keineswegs nur um Rezepte, was im Kindergarten wann, wie, wo zu tun ist. Sicher kann das noch besser sein, aber da ist schon viel da.
Was ist Ihr größter Wunsch für die Kinder heute?
Ich wünsche mir, dass die Kinder mit Freude und mit Zuversicht und mit Tatkraft in ihr Leben starten. Und dass wir Erwachsenen uns zwar mit den gegenwärtigen Krisen ernsthaft und gewissenhaft beschäftigen, dass das aber nicht in die Welt der Kinder reinschwappt. Wenn ich davon ausgehe, dass Kinder über die Nachahmung ganz einschwingen in mein Sein, darf ich mir in der Gegenwart von Kindern natürlich nicht zu viele schwere Gedanken machen. Aber ich werde ja auch der Verantwortung in der Gegenwart nicht gerecht, wenn ich mir keine Gedanken mache. Wie bekomme ich das hin? Kann ich vielleicht auch meinem eigenen Leben immer eine positive Wendung geben? Bin ich eigentlich grundsätzlich dankbar – für die Art und Weise, wie ich mein Leben gestalten darf, für die vielen kleinen Dinge, die ich miterleben darf? Das sind für die Umgebung der Kinder wichtige Aspekte, damit sie tatsächlich mit Freude, Zuversicht und Tatkraft in ihr Leben starten. ///
Philipp Gelitz, *1981, ist promovierter Erziehungswissenschaftler, hat einen Master in pädagogischer Praxisforschung und ist staatlich anerkannter Erzieher und Waldorferzieher. Er war 12 Jahre im Kindergarten des Bildungshauses Freie Waldorfschule Kassel tätig und ist seit 2023 Juniorprofessor für die Waldorfpädagogik der frühen Kindheit an der Alanus-Hochschule in Alfter. Von ihm gibt es mehrere Bücher, unter anderem Frühe Kindheit verstehen. Pädagogik im Waldorfkindergarten, Verlag Freies Geistesleben 2017, 131 Seiten, € 19, und als Herausgeber Mit kleinen Kindern ganz im Leben – Gesellschaft und Waldorfpädagogik im Dialog, Verlag Beltz Juventa 2024, 186 Seiten, € 25.
Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe Mai 2026.



