Wie mich die Kinder führten

Ein Mann mit einem Kind huckepack

Erfahrungen eines angehenden Waldorf-Erziehers und eine Liebeserklärung an den Berliner Kindergarten „Tomte“ in der Schweidnitzer Straße.

An einem Herbstmorgen des Jahres 1994 wurde ich von den Freunden, bei denen ich in Berlin zu Gast war, ans Telefon gerufen. Ich war Mitte zwanzig und stand im Begriff, bei fahrendem Wagen die Räder zu wechseln und mein „Anerkennungsjahr“ als Erzieher in Freiburg abzubrechen, um es in Berlin fortzusetzen, wo meine damalige Freundin lebte. Wochenlang hatte ich erfolglos entsprechende Einrichtungen abgeklappert, und dies war der letzte Tag meines dafür vorgesehenen Aufenthalts in der Stadt. Ich nahm also den Hörer, und dann ging alles sehr schnell. Es war ein kleiner Waldorfkindergarten. Am nächsten Tag hospitierte ich, und wenige Monate später siedelte ich nach Berlin um.

Zu den Schicksalsgeschenken der eigenen Biografie kann es gehören, der Anthroposophie nicht über das Elternhaus, sondern auf dem Lebensweg begegnet zu sein. Am Ende jenes Praktikums stand die staatliche Anerkennung als Erzieher. Aber entscheidender war, dass ich in diesem Jahr tief im Herzen (an-)erkennen lernte, dass es eine geistige Welt gibt, eine spirituelle Dimension des Daseins. Vielleicht war meine Seele, ohne es zu wissen, dafür offen gewesen, weil ich in meiner Herkunftsfamilie gerade zum ersten Mal mit dem Tod konfrontiert worden war: Kurz vorher war mein Vater überraschend gestorben. Hatte ich genau diese Erfahrung gesucht? Die Liebe jedenfalls, wegen der ich äußerlich betrachtet die ganze Operation durchgeführt hatte, ging vor Ort zu Ende. Als habe ihr Sinn nur darin bestanden, mich an diese Schwelle zu führen.

Nun fand ich mich, der ich eigentlich Schriftsteller werden wollte und mich vornehmlich in einem intellektuellen und künstlerischen Milieu bewegte, in einem Stuhlkreis wieder und blickte zusammen mit vierzehn staunenden Kinderaugenpaaren in gespannter Stille dem Rauch der ausgeblasenen Geburtstagskerze nach, wie er nach oben zur „Himmelswiese“ aufstieg. Von dort – so erzählte meine Kollegin – habe das Kind, das gefeiert wurde, vor fünf Jahren heruntergeschaut und sich seine Eltern ausgesucht. Der Raum duftete nach Rosenöl, Holzspielzeug und Bienenwachs. Wenige Monate später würde ich an den Geburtstagen selber die Geschichte von der Himmelswiese erzählen.

In einem Kindergarten war ich als Kind nicht gewesen. Im Dorf spielten wir draußen und untereinander. Später, in der ersten Zeit bei dem Berliner Kindergarten „Tomte“ überwogen in meinem Tagebuch noch die leicht amüsierten oder skeptischen Beobachtungen. Sie machten sich zum Beispiel an der Sprache fest: dass ein Kind „tüchtig“ war, oder dass man immerzu bei sich selber darauf achtgeben musste, die Dinge nicht zu erklärend zu formulieren, sondern lieber in einem Bild. Als ich einmal die Vorbereitungen für ein bestimmtes Fest im Jahreskreis zu sichtbar traf und die Kinder mich schelmisch darauf ansprachen, wurde ich mit viel Nachsicht darüber belehrt, dass dem Fest dadurch der Zauber und die Erwartungsfreude genommen würde. Ich lernte, dass auch Erziehen eine Kunst ist, nämlich eine, die Umwege geht, und dass vieles, was Kindern kurzfristig entgegenkommt, in einer tieferen Schicht für die Entwicklung eher nicht förderlich ist. Meine größte Herausforderung bestand darin, mir am Anfang des in einem stetigen Rhythmus ablaufenden Vormittags immer eine Tätigkeit zu suchen und geschäftig zu sein. Ich war froh, dass mir meine Praktikumsanleiterin Barbara meist etwas zuteilte, auch wenn Pfingstvögelchen basteln oder Michaelschwerter schnitzen bislang nicht zu meinen herausragenden Talenten gezählt hatte.

Eines Morgens rief Johannes beim Frühstück unvermittelt aus: „Papa kann nichts, nichts! Mama hat heute gesagt: Du kannst noch nicht mal eine Spülmaschine ausräumen!“ Es war ein schlauer, sensibler Junge, dessen Vater Künstler war, und er hatte für seine Mitteilung bewusst das allgemeine Essen abgewartet, damit sie die größtmögliche Wirkung entfalten konnte. Er freute sich über seinen Coup und das sogleich losbrechende Gelächter, aber unter der Oberfläche war sein Schmerz über die Streitigkeiten der Eltern spürbar. Die gemeinsamen Mahlzeiten boten immer eine geeignete Bühne, auf der zum Beispiel auch Fabian, während er ein Müsli löffelte, beiläufig seine neuesten Erkenntnisse mitteilte: „Ich will wiedergeboren werden, ich finde das Leben schön.“ – „Ich möchte so lange leben wie der liebe Gott.“ – „Das Gehirn ist ein großer Quatsch.“

Auf der Erde ankommen

Die Tagebuch-Notizen und mein anfangs habituell distanzierter Blick wandelten sich bald. Alles veränderte sich im Tun. Was ich in der Arbeit erlebte, berührte mich allmählich immer mehr. Es änderte sich durch Fritz und Luisa und Fiona, durch Fabian und Johannes. Es wanderte vom Kopf in die Hände, von der Intellektualität ins Herz. Ich sollte die Kinder führen, doch in Wahrheit führten sie mich. Sie lehrten mich, was ich mir selber unbewusst vorgenommen hatte zu entwickeln. Oder was eine gütige geistige Welt, von der ich zu dem Zeitpunkt noch nichts ahnte, liebevoll als gut für mich erachtete. Ich brachte den Kindern bei, was ich aus der Perspektive meines höheren Ich selber lernen wollte: auf der Erde anzukommen.

Mehr aus Ratlosigkeit hatte ich mich damals für eine Erzieher-Ausbildung entschieden und das Germanistikstudium aufgegeben. Es ging darum, die Liebe zur Literatur mehr mit dem realen Leben zu verbinden und nicht ins Schreiben zu flüchten. Es ging darum, kleinere Brötchen zu backen – oder überhaupt Brötchen zu backen. Und zwar ab jetzt jeden Donnerstag. Ich, der ich großväterlicherseits einer Bäckerfamilie entstammte und in einem Winzerdorf aufgewachsen war, hatte mich um „Brot und Wein“ bis dahin eher wenig gekümmert. Ich konnte ja selber – im übertragenen Sinne – keine Spülmaschine ausräumen, ich philosophierte allenfalls darüber. Bei den Kindern meiner älteren Geschwister war ich ein beliebter Unterhalter und „Tobe-Kamerad“. Aber mit meinen Händen Schneckenbänder aufzurollen, Goldtröpfchen zu verteilen, Stiefelchen schnüren zu helfen, das Tischdecken anzuleiten, auf dem Spielplatz einen Streit um Schaufeln zu schlichten oder eine laut lachende Vorschultruppe im Bollerwagen durch einen Regenguss zu ziehen, um sie sicher ins Trockene zu bringen, mit einem Wort: konkrete Verantwortung zu übernehmen für andere – das kam eher selten vor.

Majoranschmalz und Akasha-Chronik

Vom ersten Tag an war das Gefühl da, am richtigen Ort zu sein. Ich lernte Majoranschmalz kennen und die Akasha-Chronik, Schulkinderkronen und Heileurythmie. Im Tagebuch dachte ich zum ersten Mal zaghaft über Reinkarnation und Karma nach. Viele Jahre später würde ich ein ganzes Buch darüber veröffentlichen.

Nach Ablauf des Praktikums arbeitete ich noch ein Jahr bei „Tomte“ weiter. Dann wurde mir die Leitung einer Gruppe angeboten. Aber da hatte ich bereits die Aufnahmeprüfung für die Hochschule der Künste bestanden, wo ich mich für den Studiengang „Szenisches Schreiben“ beworben hatte. Noch immer war es mein Ziel, eines Tages vom Schreiben leben zu können. Erzieher zu sein hielt ich für eine zwar erfüllende, aber nur vorübergehend notwendige Brotarbeit. In einem Winkel meiner Seele ahnte ich aber, dass es viel mehr war.

Als der Studienbeginn im Zuge von Sparmaßnahmen überraschend ausgesetzt wurde, fragte man mich wegen personeller Turbulenzen im Kindergarten, ob ich in der Gruppe, die ich hatte leiten sollen, aushelfen könne. Meine Kollegin Barbara sagte lächelnd zu mir: „Wir werden Dir vom Schicksal auf dem Silbertablett serviert.“ Aber war das mein Selbstbild? Kindergärtner zu werden? Zumal als Mann? Ich half dann gerne in der Gruppe aus. Dass der Studiengang zum Wintersemester gerettet war, verursachte ambivalente Gefühle in mir. Autor zu werden schien mir nur noch eine fixe Vorstellung im Kopf. Am Ende, bei meinem zweiten Abschied, hatte ich mich mit dem ganzen Kindergarten verbunden.

Weiterhin ging ich nahezu jede Woche in die anthroposophische Buchhandlung in der Bleibtreustraße. An der Hochschule der Künste staunten sie, wenn ich mal wieder mit einem jener blau-weißen Steiner-Taschenbücher dasaß. So wie ich gestaunt hatte, als ich zum ersten Mal im Stuhlkreis unter dem Raffaelgemälde gesessen hatte.

Heute arbeite ich als Waldorflehrer und Autor und publiziere ebenso literarisch wie im weitesten Sinne philosophisch-forschend. Ich bin mir treu geblieben und versuche das Soziale, das Künstlerische und das Wissenschaftliche miteinander zu verweben. Wie mit jenen Webschiffchen, mit denen die „Tomte“-Kinder immer so vertieft beschäftigt gewesen waren. Der Zufall wollte es, dass ich viele Jahre später in der Schweidnitzer Straße 3, wo im Parterre der Kindergarten lag, für eine Weile sogar eine Wohnung fand. Ganz oben. Aber jetzt war das Höhere verbunden mit dem vermeintlich Niedrigen, waren beide in einem Haus, einem Leib-Organismus vereint. ///

Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe Mai 2026.

Diese Ausgabe kaufen:

Zeitschrift info3, Mai 2026 - Cover

Die Zeitschrift info3 abonnieren:

Info3 im Abo

Über den Autor / die Autorin

Andreas Laudert

Andreas Laudert, geboren 1969 in Bingen/Rhein, studierte Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin sowie Theologie. Eine Zeitlang war er Priester der Christengemeinschaft. 2019 schrieb er das Drehbuch für den Spielfilm CaRabA und 2025 Unter den Augen des Himmels über das Leben Rudolf Steiners. Er hat eine vierzehnjährige Tochter und arbeitet als Oberstufenlehrer für Deutsch und Ethik in Norddeutschland und Berlin.

Datenschutz
Wir, Info3 Verlagsgesellschaft Brüll & Heisterkamp KG (Firmensitz: Deutschland), würden gerne mit externen Diensten personenbezogene Daten verarbeiten. Dies ist für die Nutzung der Website nicht notwendig, ermöglicht uns aber eine noch engere Interaktion mit Ihnen. Falls gewünscht, treffen Sie bitte eine Auswahl:
Datenschutz
Wir, Info3 Verlagsgesellschaft Brüll & Heisterkamp KG (Firmensitz: Deutschland), würden gerne mit externen Diensten personenbezogene Daten verarbeiten. Dies ist für die Nutzung der Website nicht notwendig, ermöglicht uns aber eine noch engere Interaktion mit Ihnen. Falls gewünscht, treffen Sie bitte eine Auswahl: