Eine Ehe lebt vom Geheimnis

Paar schaut in den Sonnenuntergang
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Esoterik im Alltag.

Jede Partnerschaft oder Ehe lebt von einem Geheimnis. Man kann Verabredungen treffen, sich „blind verstehen“, gemeinsame Hobbys haben, eine tiefe Verantwortung für gemeinsame Kinder empfinden – aber was eine Beziehung zusammenhält, muss noch etwas anderes sein. Vielleicht nicht immer, nicht in jeder Partnerschaft. Aber es macht Sinn, einmal nach diesem Kern, dieser Kraftquelle zu fragen.

Wenn wir verliebt sind, fliegen wir aufeinander. Wir landen beim Anderen. Dass die Hinweisschilder für Inlands- und Auslandsflüge an griechischen Flughäfen Esoterico und Exoterico heißen, hat mit dem Höhenrausch der Liebe zwar nichts zu tun. Aber auch hier gibt es den Jetlag, das Ende der Flitterwochen, gibt es Richtungsentscheidungen und die Herausforderung, gemeinsam wieder im Alltag anzukommen. Die Etymologie jedenfalls weist darauf hin, dass mit dem Wort Esoterik nicht immer etwas okkult Raunendes oder Hochexklusives verbunden sein muss. Es kommt auch im Alltagsgebrauch vor, es betrifft unser Leben.

Eigentlich meint Esoterik, dass ich von einem geistigen Zusammenhang der Dinge ausgehe. Oder der Menschen. Deren biologische Zusammengehörigkeit liegt als Verwandtschaft offen zutage. Sie kann als Stammbaum erforscht und durch Gentests bewiesen werden. Eine spirituelle Verbindung wird im Bewusstsein realisiert. Und zwar zweifach: Anthroposophie etwa ist übersetzt die Bewusstmachung des eigenen Menschentums – und dessen Verwirklichung.

Denken schafft Zusammenhang

Die Empfindung in der Seele zu tragen, dass die Menschheit wie ein Wesen ist und jeder und jede Einzelne ein Glied in diesem Organismus, kann eine Gesinnung sein, die handlungsleitend wird. Sie hat Konsequenzen, sie befeuert meinen Willen. Ich kann dann nicht wirklich glücklich sein, wenn es mein Mitmensch nicht ist, und will es beheben, auch wenn der Andere gar nichts direkt mit mir zu tun hat. Ebenso gehe ich davon aus, dass ihn meine Gedanken erreichen und es Folgen hat, was ich über ihn denke und es sich auswirkt auf unser Verhältnis.

Mein Denken birgt also ein Wirklichkeit schaffendes Potenzial, das ich steuern kann. Indem ich jenen inneren, geistigen Zusammenhang im Bewusstsein trage, rechne ich damit, dass hier etwas eintritt und geschieht, wenn ich dort etwas Bestimmtes tue oder unterlasse. Esoterik ist, gewünschte Wirkungen indirekt zu erzielen.

Darauf gründet auch die Waldorfpädagogik: Sie geht damit um, dass es auf dem einen Feld etwas Fruchtbares auslöst, wenn ich auf einem anderen das und das pflege – dass es dem Kind beispielsweise hilft, durch Singen oder Plastizieren Geschicklichkeit zu erwerben, um ein mehr betrachtendes Fach wie Geschichte besser zu verstehen, und umgekehrt. All das gilt auch für ökologische Zusammenhänge oder medizinische. Die Ursache für ein schmerzendes Gelenk kann in einer bestimmten Disposition einer ganz anderen Region des Körpers liegen und die Ursache für wiederum diese Disposition in einem Seelischen, dem Verbindungsglied zwischen Körper und Geist. Das meint ganzheitliche Heil- oder Erziehungskunst. Diesen Blick, dieses geistige Band braucht es auch in der Ehe, in der Kunst der Beziehungsgestaltung.

Sich überraschen als Sprache der Liebe

Denn mein Partner wird nicht unbedingt daran, dass ich immer wieder versichere, dass ich ihn liebe, diese Liebe „erkennen“, sondern eher daran, dass ich etwas für ihn tue. Ihn mit etwas überrasche, das zeigt: Ich habe mir Gedanken gemacht, ich habe mich mit dir beschäftigt, habe bemerkt, was dich freuen würde, was du brauchen könntest. Sei es materiell oder geistig-seelisch. Ich trage dich in meinem Bewusstsein und habe mich mit dir so verbunden, dass meine Sprache der Liebe immer eine Übersetzung, immer eine eher indirekte ist. Sie reagiert nicht reflexhaft auf verbalisierte Wünsche, sondern ist voraus. Meine Liebe kann und muss nicht nachgewiesen werden wie bei DNA-Tests, sie bleibt nicht im Gewohnten, schon Verwandten, Heimeligen, sie beweist sich anders. Sie lebt selbst aus einem Verborgenen – das aber Wirkungen hervorbringt.

Letztlich befähigt uns erst das Geheimnis auch zum Überraschen. Die Überraschung ist so etwas wie der Komplementärbegriff zum Geheimnis. Erst wenn ich aus einem Verborgenen lebe, vermag ich die Welt zu erstaunen. Hier werden, wie Joseph Beuys es einmal mit anderen Worten formulierte, die Geheimnisse produktiv. Wenn ich nur das Sichtbare gelten lasse, kann ich gerade nicht das Sichtbare umgestalten. Ich kann dann nicht überraschen. Liebe macht sichtbar. Liebende schaffen das Gesetz ihrer Liebe selbst. Sie setzen keine allgemeine Idee von Liebe um, sondern ihre. Sie setzen sie in die Welt wie ein Kind.

Die Heimlichtuerei – ein Doppelgänger der Verborgenheit

Jeder weiß, wie tödlich es für eine Beziehung sein kann, wenn man alles schon kennt, was der Partner oder die Partnerin tut, denkt und sagt, wie er oder sie sich bewegt oder reagiert. Was eigentlich etwas Schönes ist oder immer war, das Vertraute, und was einem anfangs so gefiel und was einen anzog, wird irgendwann uninteressant. Es ist kein Geheimnis mehr. Allzu oft geht man dann in die Heimlichkeit – jenen Doppelgänger der Verborgenheit –, hat heimliche Gedanken, heimliche Sehnsüchte, oder unternimmt auch Entsprechendes.

Das Heimliche ist ein Begriff, der nicht mehr zu einem zeitgemäßen Esoterischen gehört. Heimlichtuerei ist heute eher der Feind oder ein Zerrbild moderner Esoterik. Denn ist das Hüten von Geheimnissen wirklich noch das Gegenteil von deren Veröffentlichung? Es ginge ja nicht darum, alles ans Licht der Öffentlichkeit zu zerren, sondern die Öffentlichkeit des Lichts zu begreifen: zu vertrauen, dass sich das Geheimnis selber schützt. Bezieht sich Vertrauen im Internetzeitalter noch auf Inhalte, die man exklusiv weitergibt, auf „Mysterien“, die man nach Reife-Kriterien anvertraut? Wurden im Laufe der Bewusstseinsgeschichte nicht viele Mysterien dekadent und korrupt? Sucht das Vertrauen heute nicht immer mehr die Individualität? Mit der Zeit scheint gesellschaftlich die Frage gereift: Darf ich mich in meiner ganzen Vielfalt offenbaren? In anthroposophischer Begrifflichkeit formuliert: Als Ich bin ichein Mensch gewordener Mysterienzusammenhang. Behütet werden will das Werdende, von dem noch niemand etwas weiß.

Eine gelingende Partnerschaft braucht ihr Geheimnis, aber keine Heimlichkeit. Sie integriert das sie Gefährdende in ihr Bewusstsein. Sie fühlt sich nicht bedroht dadurch, dass man einander nie ganz kontrollieren kann, sie vertraut sich selbst. In einer Partnerschaft sein und ständig an ihr zweifeln, nimmt Kraft weg. Beziehung braucht Selbst-Vertrauen. Dann macht mir die Entwicklung des Partners nicht Angst, weil sie mich oder uns „verraten“ oder ihn womöglich von mir entfernen könnte. Ich lasse ihn frei, und diese Freiheit, die auch er mir lässt, verbindet uns. Sie macht, dass wir einander tiefer lieben.

Sind die zahlreichen Dating-Apps und die Polyamourie ein symptomatisches oberflächliches Reflex-Geschehen zu dem, was sich im Verborgenen vielleicht in heutigen Seelen abspielt? Ist das Daten exoterische Geschäftigkeit – gegenüber dem Sich-begegnen als Tiefenereignis? Und ist die gleichzeitige Hinwendung und Beziehung zu verschiedenen Partnern die exoterische Außenseite zum bejahenden, liebenden Mittragen der verschiedenen „Menschen“, die im Partner leben können?

Wir sind als Liebende längst alle Esoteriker, aber haben es womöglich noch nicht begriffen. Wir buchen lauter Inlandsflüge und kreisen sinnlos um uns selbst. Oder werden gemäß Algorithmen per Pauschalreise irgendwohin verfrachtet und sollen uns kennenlernen. Wir wagen uns nicht mehr ins intime Weite und Unbekannte. Das Match, das beim Daten nach ausgeklügelten Parametern ergibt, dass man zueinander passe, verhindert womöglich gerade das Gewünschte. Es sei denn, das Schicksal überrascht uns damit, dass es tatsächlich funktioniert. Auch das Leben hat seine Geheimnisse.

Betrachtet man Liebe unter einem esoterischen Aspekt, dann werden zwei Menschen von etwas getragen, das sie selber durch ihre Liebe hervorgebracht haben. Sie sind in einem Willensentschluss vereint. Vielleicht gab es im Laufe der Jahre sogar einen konkreten Augenblick, wo sie ahnten, dass ihre Verbindung gesegnet ist. Das gemeinsame Weiter-Werden ist ihnen heilig, und eine innere Gewissheit navigiert sie durch alle Stürme. Ist ihr Boot an entscheidenden Stellen fahrlässig oder ungenau gebaut, das heißt: liegt beim Einzelnen dem Entschluss füreinander in einem heimlichen Winkel ein künstliches, nur äußerliches Motiv zugrunde (Angst vor Einsamkeit, bürgerliches Statusdenken, Verfügbarkeit von Sexualität), wird es beim ersten größeren Sturm zusammenbrechen; sie werden dem nicht gewachsen sein. Der beschwörende Appell „Wir sitzen doch in einem Boot“ hilft dann nichts. Liebende sind das Meer. ///

Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe April 2026.

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Über den Autor / die Autorin

Andreas Laudert

Andreas Laudert, geboren 1969 in Bingen/Rhein, studierte Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin sowie Theologie. Eine Zeitlang war er Priester der Christengemeinschaft. 2019 schrieb er das Drehbuch für den Spielfilm CaRabA und 2025 Unter den Augen des Himmels über das Leben Rudolf Steiners. Er hat eine vierzehnjährige Tochter und arbeitet als Oberstufenlehrer für Deutsch und Ethik in Norddeutschland und Berlin.