Mir begegnet reichlich von dem, was angeblich nicht (mehr) gesagt werden darf. Das mehr steht in Klammern. Vor zehn, 20, 30 Jahren durfte offenbar alles gesagt werden – dennoch wurde damals die Portion Unaussprechliches, die es im stillschweigenden Einverständnis noch gab, nicht einfach in die Welt posaunt. Heute dürfen entsprechende Äußerungen angeblich nicht gesagt werden, werden aber gesagt. Ist das paradox? Ich weiß also nicht, was wirklich zum Unsagbaren gehört, kann aber beispielhaft aus eigenem Erleben über Unsägliches berichten. Oder wie würden Sie es einordnen, wenn Ihnen bei einer parteiunabhängigen Straßen-Aktion für eine hohe Beteiligung an den Kommunalwahlen mehrfach der Satz entgegengeschleudert wird: „Ihr seid dann sowieso die Ersten, die raus müssen aus Deutschland.“ Meine Frage, wo ich denn hin solle und warum, wird mit einer abwinkenden Geste im Vorübergehen quittiert. Schade, mich hätten die Überlegungen und Emotionen des Gegenübers dazu interessiert. Ob mir meine Hugenotten-Abstammung an der Nasenspitze anzusehen ist und als Remigrations-Begründung ausreicht?
Meinungsfreiheit wird strapaziert und das ist auch gut so. Ich bin dafür, und für Pressefreiheit als altgediente Journalistin on top sowieso. Aber ist es eine Meinung, wenn mir Vertreibung aus meinem Geburtsland angekündigt wird? Der Versuch dieser Drohung schwingt in mir nach. Die Chance, zu widersprechen, gegenzuhalten, mein Bleiberecht, mein Bemühen um Verbindendes, meinen Beitrag in dieser Gesellschaft darzustellen, blieb mir verwehrt. Sind die Passanten zufrieden nach Hause gegangen, weil sie es mir – und den paar Mitwirkenden von Wetzlar.solidarisch und der WürdeGruppe Mittelhessen – mal so richtig gegeben haben? Freuen sie sich wirklich schon darauf, bei einem Machtwechsel zu rechtsextremen Demokratie-Zerstörern über Bleiben oder Gehen entscheiden zu dürfen? Oder ist es einfach eine – Verzeihung – hingerotzte Bemerkung, die den Widerwillen gegen vermeintlich woke Weltverbesserer ausdrücken sollte?
Woher kommt die Äußerung? Auf welcher Basis wurde zu mir, zu meinem Bleiberecht, eine Meinung erarbeitet, ein Urteil gesprochen? Wie ordnen mich Menschen ein, die mich gar nicht kennen? Reichen ihnen die auf dem Boden der Fußgängerzone ausgelegte AFD-Zitate hinter einer aufgeklebten roten Linie samt „passender“ Artikel des Grundgesetzes davor? Oder sorgen die von über 20 Gruppierungen unserer Stadt gestalteten Pappkartons als „Bausteine der Demokratie“, neben denen ich stehe, für Empörung? Genug Material, um mich einzusortieren und dann – bei entsprechendem Wahlergebnis – auszusortieren?
Wie bildet sich ein Mensch seine Meinung? Schon das Wort weist darauf hin: Für Meinungsbildung braucht es Bildung: um Fakten sammeln zu können, sie in sich selbst hin und her zu bewegen, sich mit anderen darüber auszutauschen und dann zu einem ganz eigenen Standpunkt zu gelangen – oder auch nicht. Selbst in weniger dynamischen Situationen als bei der Aktion „Rote Linie“ mitten in Wetzlar gelingt es mir fast nie, auf meine zugegebenermaßen hörbar skeptischen Fragen nach Quellen zu ins Feld geführten Fakten Antworten zu bekommen. Wage ich gar, eine Gegenmeinung zu äußern – zum Beispiel auf die Vorzüge von Vielfalt in einer Gesellschaft hinzuweisen – ist das Gespräch oft kopfschüttelnd beendet. Nachfragen und widersprechen, Ambivalenz aushalten, gar streiten – das gehört für viele ganz offenbar nicht in diese Sphäre von Meinungsfreiheit. Wäre das denn Zuviel der Freiheit – der Freiheit des anderen? Da geht´s wohl eher um Meinungsgleichmacherei, geleitet von Interessen, genährt von Emotionen. Die versuche ich bei mir zu zügeln, um weitermachen zu können im Bemühen um Verstehen und Verständigung, ohne das Versprechen, einverstanden zu sein. Diese Freiheit nehme ich mir, und die wünsche ich uns.
Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe Juni 2026.



