Interview: Jens Heisterkamp
info3: Birgit Krohmer, lassen Sie uns zusammen mit unseren Leser:innen nach Stuttgart ins Jahr 1926 gehen. Dort war 1919 die erste Waldorfschule gegründet worden und sieben Jahre später öffnete dann der erste Waldorfkindergarten an der Uhlandshöhe seine Pforten. Wie kam es dazu?
Krohmer: Der Kindergarten war bereits 1919 bei der Schulgründung mitgedacht und die Gründerin Elisabeth von Grunelius hatte selbst schon den ersten Lehrerkurs bei Rudolf Steiner mitgemacht – sie war bei den Vorträgen zur Allgemeinen Menschenkunde und den dazugehörigen Besprechungen dabei gewesen.
Hatte Steiner auch schon Anmerkungen zur pädagogischen Arbeit im Vorschulbereich gemacht?
Er fand das auf jeden Fall wichtig, hatte auch schon in einer frühen Schrift über Die Erziehung des Kindes dazu einiges ausgeführt, aber 1919 bei der Gründung der ersten Waldorfschule gab es noch keine passenden Räumlichkeiten und auch kein Geld für so etwas. Außerdem spielte eine Rolle, dass es ja Schulpflicht gab – Schule muss, Kindergarten kann. Aber für Steiner war es im Grundsatz wichtig, die Kinder bereits vor der Schulzeit zu erreichen. Die als Gründerin vorgesehene Elisabeth von Grunelius war in der ersten Klasse der ersten Waldorfschule als Klassenbetreuerin tätig, da der Kindergarten aus Raumnot nicht beginnen konnte.
Hatte sie eine pädagogische Ausbildung?
Sie war ausgebildet als Fröbel-Erzieherin. Und auch viele andere der Gründungspädagoginnen und -Pädagogen der neuen Waldorfschule hatten einen Fröbel-Hintergrund.
Lassen Sie uns darüber noch ein wenig weiter sprechen. Was waren denn Merkmale der Fröbel-Pädagogik?
Friedrich Fröbel, der ursprünglich evangelischer Pfarrer war, gilt als Erfinder des Kindergartens und er erfand auch diesen schönen Namen. Er verstand den Kindergarten als ein den Kindern zurückzugebendes Paradies, wie er sich ausdrückte. Die Kinder sollten viel in der Natur sein. Dann hat er auch viel mit den Kindern gesungen. Außerdem entwarf er spezielles Spielzeug, bekannt sind vor allem aus Holz gefertigte, geometrische Grundformen. Von diesen Formen zur Förderung des Kognitiven hat sich Steiner leicht distanziert, er betonte eher die Bedeutung des Rhythmischen und des Tanzens und Singens in der Pädagogik und hat da manches auch übernommen. Zum Beispiel wird bis heute gern das Lied „Jetzt öffnen wir das Taubenhaus“ in Waldorfkindergärten gesungen, was man für Waldorf-typisch hält – es stammt aber von Fröbel.
Es haben dann viele angehende Erzieherinnen bei Frau von Grunelius hospitiert und das, was sie gesehen haben, haben sie in die Welt hinein verbreitet, aber vieles war eben Fröbel-Pädagogik. Wir müssen uns ja klarmachen, dass der erste Waldorfkindergarten erst nach Steiners Tod eröffnet wurde und dass Steiner, anders als bei der Waldorfschule, keine Möglichkeit hatte, sich das anzusehen und gegebenenfalls auch noch Dinge zu ändern.
Woher kamen die Eltern der ersten Waldorfkindergarten-Kinder – waren das auch, wie bei der Schule, Eltern aus der Waldorf-Astoria-Fabrik?
Ja, es waren Kinder von diesen Eltern, aber auch von den Lehrern der Schule. Manche Anthroposophen kamen auch eigens nach Stuttgart, damit ihre Kinder diese Pädagogik mitmachen konnten.
Eine Betreuung von Kindern im Vorschulalter war damals noch nicht allgemein verbreitet, oder?
Nein, und es gab auch keine Notwendigkeit für eine Betreuung wie heute, damit die Mütter einer Berufstätigkeit nachgehen konnten. Umgekehrt bot damals die häusliche Umgebung für Kinder viel Anregendes: viele Arbeiter hatten noch kleine Gärten mit Nutztieren, Mütter und Väter haben viel handwerklich gearbeitet.
Was hat Elisabeth von Grunelius aus der Waldorfpädagogik für die frühe Kindheit adaptiert?
Als erstes wohl den Grundsatz aus der Allgemeinen Menschenkunde Steiners: Erziehen heißt atmen lehren. Das passiert vor allem durch einen sich rhythmisch wiederholenden Tagesablauf. Bis heute beginnt der Tag im Waldorfkindergarten für die Kinder mit dem freien Spiel, wo die Erziehenden nicht eingreifen; dann folgt meist der Reigen, also ein Bewegen zu Sprache und Musik, nicht vollkommen frei, sondern ein geführtes Element.
Der Waldorfkindergarten ist bis heute dafür bekannt, dass er wenig ausgestaltetes Spielzeug anbietet. Was hat es damit auf sich?
Das geht auf eine frühe Anregung Steiners zurück: Die Fantasie des Kindes wird trainiert wie ein Muskel, wenn man das Spielzeug mehr in Andeutungen gestaltet, hat er gesagt. Bei äußerlich perfekten Spielsachen können Kinder viel weniger schöpferisch werden. Ein einfaches Klötzchen dagegen kann alles werden, ein Auto oder ein Telefon. Das Klötzchen selbst ist nichts, die Fantasie ist alles. Das ist dann eine Form der Selbstverwirklichung für das Kind, die Bilder kommen aus dem Inneren.
Zum weiteren Tagesablauf gehört dann neben der gemeinsamen Mahlzeit das freie Spiel draußen und als Abschluss ein erzähltes Märchen oder ein Puppenspiel. Figuren werden im Kindergarten selbst hergestellt, zum Beispiel aus Wolle, die Kinder vollziehen das auch mit. Diese Puppenspiele bilden oft eine intensive Spielanregung für die Kinder, die dann selbständig auch Figuren machen und nachspielen wollen. Das machen dann vor allem die schon etwas älteren Kinder und sie laden die noch etwas Kleineren zum Zuschauen ein. Darüber hinaus kann alles, was die Erwachsenen tun, eine Spielanregung bilden: die Zubereitung von Essen etwa. Wenn Kinder dagegen sehen, dass Gläschen in der Mikrowelle aufgewärmt werden, ist das weit weniger anregend. Wichtig ist, dass die Kinder sinnvolle Prozesse an der Arbeit der Erwachsenen miterleben können: Wenn sie zu Hause die Eltern am Bildschirm sehen, dann ist das zwar auch sinnvolle Arbeit, aber für die Kinder ist dabei keinerlei Prozess zu erleben.
Was man heute sofort mit einem Waldorfkindergarten verbindet, ist das Besondere der Atmosphäre, das einem bei einem Besuch gleich auffällt: die natürlichen Materialien, viel Holz, die Farben, bunte Tücher. Was hat es damit auf sich?
Ja, die Dinge sind einfach gehalten, Holz bietet sich an, ebenso wie einfache Tücher und Rohwolle. Ein Tuch und ein Stock, das kann alles werden! Wenn ich ein Tuch an einen Stock binde, habe ich eine Baggerschaufel. Und aus großen Tüchern können Kinder sich Höhlen bauen, was sie unglaublich gern tun: sich selbst kleine Rückzugsorte schaffen und andere dann dazu einladen.
Wie steht es mit der Kleiderordnung im Waldorfkindergarten? Ist es ein Muss, dass Frauen Kleider tragen?
Also, Steiner-Zitate wird man dazu nicht finden. Die Kleider im Kindergarten haben wohl eher mit einem bestimmten Selbstbild und Rollenverständnis einer anderen Zeit zu tun. Da haben einzelne Persönlichkeiten in der Waldorfkindergarten-Szene bestimmte Prägungen hinterlassen, die weitergegeben wurden. Beispielsweise die Ansicht, man müsse als Erzieher:in eine Schürze tragen – wenn man sich Bilder noch aus der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg anschaut, dann war das allgemein üblich in den Kindergärten. Heute haben wir die Freiheit, das neu anzuschauen und vom Rollenbild zu lösen. Und vielleicht kann es dann immer noch sinnvoll sein. Ich erlebe zum Beispiel eine Schürze als etwas ganz Hilfreiches, weil wir inzwischen auch viele Teilzeitkräfte im Kindergarten haben, und da kann das für die Kinder ein Signal sein: Diese Person zieht jetzt eine Schürze an, die wird für uns kochen; diese Person zieht eine Schürze an, die schnitzt jetzt. Die Schürze signalisiert, es ist alles versorgt. Das kann Orientierung im Tagesablauf geben.
Im Unterschied zu den angesprochenen Kleidern kann ich auch überlegen: Wie wäre das bei eng anliegenden Leggins? Die bieten viel weniger von den sprichwörtlichen Rockzipfeln, die viele Kinder durchaus suchen. Es gilt übrigens geschlechtsunabhängig, dass Kinder oft den physischen Kontakt zu den Erziehenden suchen, sich buchstäblich an den Rockzipfel hängen, das geht bei einer Leggins naturgemäß schlechter und wäre zu nah und zu persönlich.
Gibt es auch bei den Farben irgendwelche Vorgaben?
Ja, da denke ich insbesondere an manche junge Menschen, die im Kindergarten ihr freiwilliges soziales Jahr machen und vielleicht gerade ihre Schwarz-Phase haben. Diese Farbe ist sicher für Kinder wenig attraktiv, aber es wäre ja umgekehrt ein starker Eingriff in die Privatsphäre, wenn man dieses Tragen von Schwarz untersagen würde. Auch da wäre eine Schürze eine Lösung, aber nicht, um etwas zu verdecken, sondern – wie ich bereits ausgeführt habe – im Rahmen dieser Orientierungshilfe für die Kinder, wo wir für unterschiedliche Funktionen unterschiedliche Kleidungsstücke haben.
Ziehen auch Männer Schürzen an?
Ja, da sind wir ja heute insgesamt gesellschaftlich viel freier in der Kleiderordnung.
Da scheint es also durchaus Freiräume zu geben.
Ja, denn das Gute ist: Für die Waldorfkindergärten gibt es, anders als bei der Waldorfschule, keinen Lehrplan und keine tradierten Vorgaben; es haben sich vielmehr unterschiedliche Stile durch unterschiedliche, pädagogisch prägende Persönlichkeiten ergeben. Aber das ist nichts Abgeschlossenes, sondern verändert sich. Heute stellt sich viel offener die Frage: Was brauchen die Kinder von heute an einem bestimmten Ort und in einer bestimmten Kultur – Waldorf ist ja längst international – um dem Ideal einer kindgerechten Erziehung nahezukommen. Wir müssen dazu keinen Lehrplan erst entrümpeln, wir können das im Studium der Quellen dieser Pädagogik und im Achten auf die Zeitbedingungen immer weiterentwickeln.
Was wünschen Sie sich für die Kinder heute am meisten?
Ich wünsche mir, dass die Kinder weiter träumen dürfen. Und dass wir sie nicht andauernd überfordern mit Wahlmöglichkeiten: Möchtest du jetzt dies oder das tun, dies oder jenes essen? Wenn ein Kind leicht müde und quengelig ist und ich es dann noch frage, willst Du jetzt Tee, Saft oder Milch, ist das keine Hilfe für das Kind, sondern eine weitere Überlastung. Und wehe, das Kind sagt dann etwas und will es dann doch nicht, dann sagt der Erwachsene: Aber du hast es doch haben wollen, und dann geht gar nichts mehr. Da wünsche ich mir, dass es Orte gibt wie unsere Einrichtungen, wo sie sich frei einfügen können in einen angebotenen Ablauf. Da gibt es zu einem bestimmten Zeitpunkt am Tag ein Essens-Angebot, von dem nimmt sich das Kind. Es muss auch nicht verbal erst sagen, was es essen möchte, denn nehmen wir an, wenn das ganz kleine Kind schon das Wort „Nane“ sagen kann, dann müsste es immer nur Bananen essen, solange es erst „Nane“ sagen kann und anderes noch nicht. Oft wird Teilhabe so missverstanden, dass es immer über die Sprache und den Kopf gehen müsste. Gerade den Jüngeren tut es aber gut, sich in einer geführten Umgebung vollkommen frei fühlen zu können. Das zu transportieren, ist heute eine unserer Kernaufgaben, bei denen wir gerade auch die Eltern mitnehmen müssen. ///
Birgit Krohmer ist ausgebildete Waldorferzieherin und war jahrelang in Kindergärten tätig. Sie hat außerdem in der Ausbildung von Waldorf-Erzieher:innen gearbeitet und ist heute als Referentin für Öffentlichkeitsarbeit für die Vereinigung der Waldorfkindergärten in Deutschland tätig. Außerdem arbeitet sie als Fachberaterin.
>> Website der Vereinigung der Waldorfkindergärten in Deutschland.
Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe Mai 2026.



