Wenn ich das richtig verstehe, ist es das Wichtigste in unserer Zeit, Haltung zu zeigen. Man wird förmlich dazu genötigt. Haltung zeigen gegen Rechts, gegen Gewalt gegen Frauen, gegen Deep Fakes, gegen Missbrauch von Kindern, gegen völkerrechtswidrige Angriffskriege, gegen die Ausbeutung der Erde, gegen Massentierhaltung, gegen Aufrüstung … ach nein, da soll ich ja aktuell dafür sein. Mein Problem ist, dass ich selbstverständlich gegen all das bin! Wenn ich es aber nicht auf dem Profilbild meines Internet-Accounts deutlich mache, wenn ich nicht auf alle entsprechenden Demos gehe, wenn ich nicht Pappschilder hochhalte, auf denen „Gegen …“ steht, dann könnte es sein, dass mir von meiner Umgebung unterstellt wird, ich sei dafür. Für Rechts, für Gewalt, für Angriffskriege. Sonst würde ich ja Haltung zeigen.
Wofür oder wogegen ich bin, zeigt sich aber nicht an meiner ostentativen Haltung, sondern schlicht an meinem Handeln. Indem ich weder rechtsextremes Gedankengut verbreite, noch rechts wähle, bin ich gegen rechts. Indem ich Parteien wähle, die sich für Umweltschutz einsetzen, bin ich dafür. Indem ich keine Gewalt gegen meine Nächsten ausübe, bin ich für Gewaltfreiheit. Daher habe ich auch den Militärdienst verweigert. Den ursprünglichen Beruf des Heilpädagogen habe ich damals bewusst gewählt, um für und mit den sogenannt „Schwächsten“ in unserer Gesellschaft zu arbeiten und zu leben. Daran, wie ich später als Ausbilder und Öffentlichkeitsarbeiter auf diesem Felde inhaltlich gesprochen und publiziert habe, wurde meine Haltung deutlich.
Ich kaufe vorwiegend im Bio-Laden regional erzeugte Lebensmittel ein, wenn möglich und leistbar, in Demeter-Qualität. Nicht, um Haltung zu demonstrieren, sondern weil es besser schmeckt und gesünder für den Menschen und die Welt ist. Natürlich war ich auch schon auf Demonstrationen. Zum Beispiel auf der großen Friedensdemo in Bonn 1981. Als ganz junger Lehrer hatte ich an dem von Oberstufenschülerinnen und -schülern gegründeten Forum Zeitfragen teilgenommen. Sie baten mich, mit ihnen mitzufahren, damit die Aktion von Lehrerseite begleitet und so von der Schule genehmigt wurde. Wir machten Volkstanz und hörten unter anderen Heinrich Böll sprechen. Wir zeigten Haltung. Über der riesigen Menge – wohl mehr als 300 000 Demonstrierende – kreiste ein Flugzeug mit einem Spruchband Und wer demonstriert in Moskau? Da zeigte auch jemand Haltung, allerdings mit deutlich größeren finanziellen Möglichkeiten als wir. Neulich ging ich auf die Demo gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht, um wiederum Oberstufenschüler dabei zu unterstützen. Wenige alte Männer wie ich liefen mit den demonstrierenden Jugendlichen – darunter übrigens auch viele junge Frauen.
Was mich an den unzähligen Haltung-Zeigenden und -Fordernden stört, ist, dass sie die anderen von ihrer Meinung überzeugen wollen. „Aber wir haben nicht die Aufgabe, unserer heranwachsenden Generation Überzeugungen zu überliefern“, schrieb Rudolf Steiner schon 1898 im Magazin für Literatur. „Wir sollen sie dazu bringen, ihre eigene Urteilskraft, ihr eigenes Auffassungsvermögen zu gebrauchen. Sie sollen lernen, mit offenen Augen in die Welt zu sehen. Fähigkeiten sollen wir wecken, nicht Überzeugungen überliefern. Nicht an unsere ‚Wahrheiten‘ soll die Jugend glauben, sondern an unsere Persönlichkeit. Dass wir Suchende sind, sollen die Heranwachsenden bemerken. Und auf die Wege der Suchenden sollen wir sie bringen.“
Möge jede und jeder durch Denken und Handeln seine je eigene Haltung finden, die dann im demokratischen Prozess in Konkurrenz tritt und politisch ausgehandelt wird.
Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe Mai 2026.



