Gute Zeit!

Wasserfall
© Frank Schubert, info3

Renée Herrnkind über Zeiterleben und innere Uhr.

Die Zeit rast! Jedes Mal korrigiere ich den Spruch gehetzter Freundinnen leicht ironisch lächelnd. Nein, die Uhr tickt immer gleich. Die Zeit ist eine physikalische Größe, gegliedert in Sekunden, Minuten, Stunden … Stopp! Wenn ich an die Relativitätstheorie denken würde (was ich eigentlich nie tue), müsste ich natürlich einräumen, dass auch Zeit relativ ist. Nicht nur durch unsere menschlich-individuelle Wahrnehmung, sondern zum Beispiel durch die Gravitation. Also: das Gespräch erweitern in eine philosophische Dimension. Wann nehmen wir uns dafür Zeit? Die Psychologie untersucht individuelle Zeitwahrnehmungen. Historikerinnen schauen in die vergangene Zeit, Zukunftsforscher in die vor uns liegende. Soziologen begegnen dem Zeitgeist, und der hat sicherlich auch spirituelle Bedeutung. Ob wir in der Sommerzeit oder der Winterzeit leben, bestimmen Gesetze. Das Thema scheint ja endlos.

Aber zurück zum Blick auf die Uhr. Brauchen wir ähnlich wie bei den Angaben in der Wetter-App mit der gefühlten Grad-Angabe neben dem unbestechlichen Thermometer-Wert eine gefühlte Zeit-Angabe? Also bei der Verabredung mit der chronisch unpünktlichen Kollegin die Nachfrage, ob der Termin um 11 Uhr ihrem intuitiven Zeitgefühl entspricht oder ob ich gleich mal zehn Minuten später kommen soll, um nicht ungeduldig warten zu müssen? Ist ihr Verhalten schlicht unhöflich oder ihrem Zeitdruck geschuldet? Scheitert sie an ihrem Zeitmanagement oder ist die Verspätung unvermeidbare Folge der breit wahrgenommenen Beschleunigung, die unser Zeitalter prägt?

Verschieben wir die Verantwortung an Technologie, Informationsflut und steigenden Leistungsdruck? Warte ich sehnsüchtig auf mein Eis, vergeht die Zeit scheinbar extrem langsam. Will ich den Zug noch erreichen, tickt der Sekundenzeiger offenbar im Stakkato. Das kennt wohl jede und jeder – ändert aber nichts an den Klagen über Zeitknappheit und Zeitstress. Aber warum ist der Eindruck einer Beschleunigung inzwischen so verbreitet? Wer sind die Zeiträuber, die grauen Herren in Momo von Michael Ende? Und warum haben sie die Macht ergriffen, warum haben wir ihnen so viel Macht eingeräumt? Wo ist die Zeit geblieben, als ich mir die Zeit vertrieben habe, einfach so in eine spannende Aktivität versunken bin? Tja, Zeit ist eben flüchtig. Deshalb muss ich so eilig sein, ihr hinterherhetzen. Aber weil sie zugleich so unvergleichlich kostbar ist, boomen wohl die vielen Anleitungen für ein achtsames, sprich entschleunigtes Leben.

Führt das zur Langeweile? Lässt sich eine Weile, diese ungenaue Zeitspanne, die ein paar Minuten oder auch Stunden bedeuten kann, verlängern? Auch wenn wir die Zeit nicht aufhalten können und jede Sekunde altern (zumindest unsere Zellen), hilft es für eine gute Zeit vielleicht zu wissen, dass die Gegenwartsdauer mit drei Sekunden bestimmt wird. Das muss doch zu schaffen sein, diese drei Sekunden ganz im Hier und Jetzt zu bleiben.

Aber ich habe jetzt übrigens keine Zeit mehr, weitere Gedanken zu diesem vielfältigen Thema aufzuschreiben, denn meine Hunde reklamieren deutlich, dass es Zeit wird, gemeinsam rauszugehen. Sie folgen da ganz ihrer sogenannten inneren Uhr. Welche Bedeutung die hat, lesen Sie im Interview mit Dr. Hartmut Spieß zum Thema Chronobiologie in diesem Heft. Ich wünsche Ihnen, uns allen, eine gute Zeit – und was die nun wieder ist, wäre ein ganz neues Thema.

Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe März 2025.

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Über den Autor / die Autorin

Renée Herrnkind

Renée Herrnkind ist seit 1981 als freie Journalistin tätig, lange Zeit im Bereich Bio und Demeter, auch in der Öffentlichkeitsarbeit. Seit vielen Jahren bringt sie Themen eines ökologisch-nachhaltigen Lebensstils auch in ihrer Arbeit für die Zeitschrift info3 ein. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Hunden abwechselnd in Hessen und im Allgäu.

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