Es gibt Autobiographien, die vor allem als eitles Zierwerk auftrumpfen. Und es gibt feinere, die eher einer Spurensuche gleichen – tastend, zweifelnd, von Wunden und inneren Notwendigkeiten durchzogen, aber genauso von Abenteuerlust, vom Aufbegehren, von Träumen und starken Visionen. Das Buch Nach der Schwarzen Sonne des Filmemachers und Autors Rüdiger Sünner erfüllt all dies auf schönste Weise. Seine Biographischen Notizen zeigen keinen geschönten Rückblick, vielmehr öffnen sie ein Gewebe aus Erfahrungen, Lebensrufen, Sehnsüchten, Brüchen, Enttäuschungen und beherzten Wiederannäherungen an die verschütteten Ursprünge – nicht nur der eigenen Biografie, sondern vor allem der kollektiven, die in Deutschland nach 1945 mit einem Tabu belegt ist. Wie der Untertitel schon andeutet, sucht Sünner den Weg Vom dunklen Mythos zur Wiederverzauberung der Welt. Doch „woher sollen in dieser entzauberten Welt die Impulse für eine neue Wiederverzauberung kommen?“ Das ist „seit 30 Jahren“ die Leitfrage, und „der Hauptantrieb für alle meine Filme. Ich suchte nach Künstlern und Denkern, die sich außerhalb der tradierten Religionen um neue Formen einer zeitgemäßen Spiritualität bemühten.“
Diese Suchbewegung ist bei Sünner jedoch nicht nur kulturgeschichtlich grundiert, sondern auch zutiefst persönlich. Die „bleierne Kindheit“, von Strenge und Gefühllosigkeit geprägt, bildet den erschütternden Hintergrund, vor dem sie sich erst entfaltet. Sein Drang zum Künstlertum, zur Musik und Poesie wirkt wie ein nährender Kontrapunkt, ein zunächst stiller, aber umso beharrlicherer Widerstand gegen eine Welt und eine Familienkonstellation, die die Flügel der Seele beschneiden.
Romantiker im geistigen Brachland
Sünner weitet die radikale Infragestellung der Familienenge auf alles aus, was ihm auch in der Welt bedrückend vorkommt. „Ich war ein Romantiker in einem Land, das nicht mehr das Land der Dichter und Denker war, sondern sich einfach auf eine Rationalität beschränkte, die alles dekonstruieren und entmystifizieren wollte.“ Ihm begegnet eine deutsche Kulturlandschaft, die ihm von innen ausgehöhlt erscheint – ein geistiges Brachland, in dem Mythos und Spiritualität als kontaminierte Bereiche unter Generalverdacht stehen. Wo sich Kultur einseitig auf Vernunft, Analyse und Rationalität stützt, bleibt für das Geheimnisvolle wenig Raum. Und so träumt Sünner von einer Zeit, in der „Provokation und Schönheit“, „Zumutung und Verzauberung“ wieder „Hand in Hand“ gehen – als „Widerstand gegen Gewohnheiten, aber immer verbunden mit Sinn, Poesie und Transzendenz.“
Den Grundstein dafür legt er 1998 mit dem Filmprojekt Schwarze Sonne, dessen Titel nun unter gewandelten Vorzeichen auch in seiner Biographie wiederkehrt. Dieses belastete Symbol steht dabei für den mutigen Gang in einen dunklen Untergrund deutscher Geschichte, dorthin, wo sich Mythologie und Ideologie auf unheilvolle Weise verschränkt haben. Doch Sünner bleibt nicht der Schattenthematik verhaftet. Seine eigentliche Bewegung zielt weit darüber hinaus. Auf der Suche nach „heiligen Orten“ wird er zunächst in England, Schottland oder Wales fündig. Diese keltische Erweckungsphase erscheint im Rückblick wie eine Initialzündung für die spätere Freilegung, die er als „freudiges Jasagen zu spirituellen Traditionen meiner Heimat und den dazugehörigen Landschaften“ bezeichnet. Sünner will nicht nur „in der Fremde nach verlorenen Schätzen und Mythen suchen“, sondern vor allem die verborgenen Spuren in der Nähe wiederentdecken – aus dem „Gefühl der Freiheit und des Glücks (…), endlich nur noch aus dem Herzen heraus erzählen zu können.“ Seine Protagonisten – Klee, Steiner, Jung, Celan, Rilke, Beuys oder Bach – sind stets mit dem deutschsprachigen Kulturraum verbunden. Darin sieht er rückblickend seine Hauptmotivation: die „lichten Gefilde meiner deutschen Heimat“ sichtbar zu machen. So begann ein „fast rauschhafter Schaffensprozess“, der alle zwei Jahre einen neuen Film hervorbrachte und Stück für Stück die verschütteten Edelsteine aus dem Bergwerk des deutschen Geistes an die Oberfläche beförderte.
Jüngstes Projekt: Novalis
Die letzten Kapitel künden uns schon das nächste Filmwerk Sünners über Novalis an, der zum Stern wird, um den sich nun alles dreht. Für Novalis bedeutet „Romantisieren“ keine Weltflucht, sondern eine Vertiefung der Wirklichkeit: dem Gewöhnlichen einen höheren Sinn abzulauschen, das Bekannte wieder als Geheimnisvolles zu erfahren. In diesem Sinne erscheint auch Sünners Œuvre als behutsamer Versuch, den „vertrockneten heiligen Sinn“ wieder zu beleben, ohne in naive Schwärmerei zu verfallen. Was hier aufscheint, ist keine Gegenwelt zur Moderne, sondern eine Erweiterung ihres Horizonts durch neue Resonanzfelder. In seinen Filmen versucht er, das Sichtbare ins Unsichtbare zu öffnen, Landschaften als „Seelenlandschaften“ erfahrbar zu machen, als eine Art emotionale Zeichensprache, in der sich äußere und innere Welt berühren. Kunstwerke, Gedankenlichter, Naturbilder und Klangräume verbinden sich zu einer Ästhetik, die das Empfinden weitet und in einen Ozean entführt. Auf diese Weise entstehen poetische Filmessays, die öffnen und verwandeln, statt Informationen zu vermitteln: „eine eigene Form eines spirituellen Kinos“, das den Zuschauer nicht belehrt, sondern zu einer neuen Form der Wahrnehmung einlädt.
Am Ende bleibt der Eindruck, dass hier jemand über Jahrzehnte aufrichtig und unermüdlich einem inneren Ruf gefolgt ist. Einem Ruf, der immer wieder dorthin führt, wo Kunst, Kultur, Natur und das Geheimnisvolle sich berühren. Und vor allem ein Ruf, der uns leise (aber gerade dadurch umso eindringlicher) daran erinnert, dass auch in einer nüchtern gewordenen Welt noch ein Zauber aufscheinen kann, der das Herz durchwärmt und die Seele nährt, ein unergründlicher Kräftestrom, der die Sehnsucht des 10-Jährigen mit der Reife des 73-Jährigen verbindet und so eine ganze Lebenszeit durchspannt. ///
Rüdiger Sünner: Nach der schwarzen Sonne. Vom dunklen Mythos zur Wiederverzauberung der Welt – Biografische Notizen. Verlag Books on Demand, 202 Seiten, € 14,90.
Alle Filme von Rüdiger Sünner sind als DVDs auch im Info3-Shop erhältlich.
Martin Spura ist freischaffender Autor mit dem Schwerpunkt Traum- und Mythenforschung. Er lebt mit seiner Familie in Ulm. Zuletzt erschien von ihm Die Farben des Grals im Info3-Verlag.

