Inseln der Kohärenz

Mutmach-Kolumne - Zeitschrift info3

Aus der monatlichen “Mutmach”-Kolumne von Claudia Mönius aus der Zeitschrift info3.

Am diesjährigen Ostermontag schalte ich ausnahmsweise morgens das Radio an und höre die Kurznachrichten. Berichtet wird über Trumps neuerliche Drohungen an den Iran, die Haltung des österreichischen Innenministers zum Thema Fußfessel für Sexualstraftäter und Islamisten sowie die schwierigen Rettungsversuche eines Buckelwals an der salzarmen Ostsee. In dieser Reihenfolge. Auf den anschließenden Wetterbericht folgt eine Kantate des Komponisten und Bach-Schwiegersohnes Johann Christoph Altnikol mit dem freudigen Titel Frohlocket und jauchzet! Nach all den schlechten Nachrichten will mir der abrupte Wechsel hin zum österlichen Jubel nicht recht gelingen.

Womit beschäftigen wir uns, aus welchen Quellen nähren wir uns und aus welchen Informationen setzt sich das Bild zusammen, das wir uns von der Welt machen? Wir können nicht allein die Medien dafür verantwortlich machen, dass wir vorwiegend mit schlechten Nachrichten beschallt werden, denn sie orientieren sich in ihrer Auswahl an dem, was wir hören und lesen wollen, sprich: was die höchsten Einschaltquoten, Verkaufszahlen und Klickraten bringt. Das kann man kritisieren und für verwerflich halten, aber de facto tragen auch wir als Konsumenten Mitverantwortung für diese Ausrichtung aufs Dunkle, Schwere und Belastende. Sie zieht sich bis in unsere persönlichen Kontakte hinein. Bei einem geselligen Abend mit Freunden wurde ausschließlich über finstere Themen gesprochen: das Erstarken von AfD und FPÖ, natürlich Trump und die Verrohung in der Politik, der Niedergang demokratischer Werte … Stopp! Ich will das nicht und ich will es anders halten.

Otto Scharmer, international bekannter Ökonom und Begründer des Führungskonzepts „Theorie U“ sprach in seinem Vortrag im Rahmen eines Online-Summits der Pioneers of Change darüber, was jede und jeder Einzelne beitragen kann, damit sich in unserer Gesellschaft etwas zum Besseren wendet. Auch er sieht als einen der zentralen Punkte die Frage, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten. Eine Formulierung lässt mich besonders aufhorchen: Es gälte, so Scharmer, die Illusion der Bedeutungslosigkeit aufzugeben. Vielleicht kennen auch Sie das resignative Gefühl, das Ihnen suggeriert: „Was kann ich kleines Licht schon ausrichten?“ Genau dagegen müssen wir angehen, so Scharmer, indem wir uns immer wieder fragen: „Wo mache ich den Unterschied?“ Das ist weder Größenwahn noch Selbstüberschätzung, sondern dahinter steckt die tiefe Erkenntnis, dass ich als Teil des großen Ganzen eben doch eine Bedeutung habe, zumal wenn ich mein Ich, wie Scharmer es formuliert, als Werdendes begreife: als ein Potenzialwesen, das immer mehr von dem ihm innewohnenden Potenzial realisieren kann.

Ein paar vereinzelte Medien empfinde ich als hilfreich beim Einüben dieser Haltung. So zum Beispiel sammelt und erzählt die von Harald Welzer vor knapp fünfzehn Jahren mitbegründete gemeinnützige Futurzwei. Stiftung Zukunftsfähigkeit vorwiegend Geschichten des Gelingens. Jüngst kreierte die Organisation einen Ableger, der unter der Überschrift „Wohnzimmer der Gesellschaft“ dazu aufruft, analoge und – im Gegensatz zur Kneipe – konsumfreie ­Räume der Begegnung zu schaffen. Dieses bewusste Gegengewicht zur digitalen Isolation könnte eine Basis sein für das, was Scharmer „Inseln der Kohärenz“ nennt: kleine Gemeinschaften, in denen wir uns zusammengehörig fühlen und uns auf die Veränderung ausrichten, die wir ersehnen. Sie und ich und alle, die sich uns anschließen – wir machen damit einen Unterschied. ///

Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe Mai 2026.

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Über den Autor / die Autorin

Claudia Mönius

Claudia Mönius studierte Sprachen, Wirtschafts- und Kulturraumstudien an der Universität Passau. Sie ist Beraterin und Buchautorin und lebt bei Nürnberg und in Wien.

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