Anthroposophie bei Demeter – besser geheim?

Ein Bauernhof im Morgennebel
© Frank Schubert

Ist die Anthroposophie bei Demeter inzwischen so geheim, dass über die ideelle Basis gar nicht mehr gesprochen wird? Diese etwas provokante Frage löst nachdenkliche Reaktionen aus – und die Befragten räumen ein: „Da ist schon was dran.“

Haben die „Kackhörnchen“ von Mai Thi Nguyen-Kim, das Anthroposophie-Bashing, die Verbotsdiskussion zur Homöopathie und der wirtschaftliche Druck durch Wachstum außerhalb des Naturkost-Fachhandels die öffentliche Darstellung der Biodynamischen Wirtschaftsweise von Demeter weichgespült? Wenn in Marketing-Materialien und Pressetexten nur noch von „Kreislaufwirtschaft“ die Rede ist – die sich Bioland seit Gründung des Verbandes auf die Fahnen schreibt – anstatt das erweiterte Verständnis eines vom Menschen gestalteten Hoforganismus mit seinen Organen Tier, Pflanze, Boden zu erklären, ist die Frage nach den anthroposophischen Wurzeln wohl berechtigt. Rudolf Steiners „Landwirtschaftlicher Kurs“ war 1924 die Geburtsstunde der ältesten und tiefgreifendsten Form ökologischen Landbaus. Eine spirituelle Dimension schwang damals ganz selbstverständlich mit. Heute wird eher der vielstrapazierte Begriff der Nachhaltigkeit verwendet. Er soll abgrenzen vom Sekten-Vorwurf, von vermeintlich unwissenschaftlichen Ansätzen. Rüttelt der Zeitgeist an den Wurzeln von Demeter?

Lebendig auf den Höfen

Michael Olbrich-Majer ist bei Demeter am Verbandssitz in Darmstadt zuständig für den Bereich des biodynamischen Fachwissens, für Agrar- und Ernährungskultur. „Der Eindruck ist durchaus nachvollziehbar“, meint er, um dann ein leidenschaftliches Plädoyer für die Rückbesinnung auf die Wurzeln in zeitgemäßer Form zu halten. Anthroposophie gibt es nicht „in einfach“, betont er und fragt: „Was heißt es denn, wenn wir Steiner entstauben müssen?“ Als Aufgabe des biodynamischen Verbandes beschreibt Olbrich-Majer, einen Appetithappen in Sachen Anthroposophie anzubieten: „Wir lassen anschmecken, kauen muss jeder selbst.“

So vielfältig wie die Verbands-Mitgliedschaft in Erzeugung, Verarbeitung und Handel seien eben auch die Fragen, mit denen sich Menschen an Steiners Impulse herantasten. Der langjährige Demeter-Mitarbeiter schätzt es, dass in den diversen Gremien von der regionalen Bauern-Gruppe über das Grundlagenforum bis zum Fachbeirat „Marke und Handel“ dazu ein ernsthafter Austausch ermöglicht wird. Dabei sei spürbar, wie lebendig der biodynamische Hintergrund auf den Höfen ist und wie mühsam die Bemühungen um assoziatives Handeln seit Jahrzehnten immer wieder in Versuchen steckenbleiben.

Am stärksten sind biodynamisch Forschende und Züchter:innen in der Anthroposophie verwurzelt, betont Michael Olbrich-Majer. Daraus wachsen dann zukunftsweisende Projekte wie optimal an den Klimawandel angepasste Getreide- und Gemüsesorten oder Erkenntnisse zur Wirkung von Lebensmitteln weit über „schmecken und sattmachen“ hinaus. „Vielleicht konnten wir angesichts der Herausforderungen des Marktes im Spagat zwischen Wachstum und Schrumpfen unsere Wurzeln nicht intensiv genug düngen“, fragt er sich und seine Mitstreiter.

Dabei erlebt Olbrich-Majer den breiten Konsens, dass Steiners Gedankenwelt bei Demeter gebraucht wird. Der ist allerdings verbunden mit der noch unbeantworteten Frage, wie sie sich zeitgemäß passend einbinden lässt. „Der früher typische Lesekreis ist vorbei“, sagt Olbrich-Majer. „Schaffen wir es, mit dem Thema freilassend umzugehen? Dann kann sie unsere Entscheidungen befruchten, wie beispielweise bei der Entscheidung, den Embryotransfer in der Tierzucht ausschließen, weil wir die Würde des Lebewesens respektieren.“

Hören, was flüstert

Simone Helmle war bei Demeter rund zehn Jahre die Leiterin der Akademie und in der Meisterausbildung an der Landbauschule Bodensee engagiert. Inzwischen bietet sie Schulungen für Führungskräfte und solche, die es werden wollen, freiberuflich an. „Bei meiner Form der Erwachsenenbildung geht es vorrangig um Persönlichkeitsentwicklung. Dazu arbeite ich mit Naturwahrnehmungen und wenn ich im Biodynamischen unterwegs bin, auch mit dem Landwirtschaftlichen Kurs. Die Menschen erleben, wie sie sich aufrichten, sich erden und klar Schiff machen können“, beschreibt die Agrarsoziologin die Arbeit bei ihrem Format „Bildungsmomente“. Auf die Frage nach der Rolle der Anthroposophie im ältesten ökologischen Verband antwortet sie ganz offen: „Ich muss unweigerlich schmunzeln. Vielleicht ist die Anthroposophie bei Demeter nicht geheim, sondern hat sich ein Versteck gesucht. Oder ist sie ein Sehnsuchtsort, an den sich die Menschen im Verband nur aktiv hinbegeben können?“

Dennoch betont sie, dass die Frage, wie man das Ringen um Erkenntnis lebt, in ihrer aktiven Demeter-Zeit häufig mitgeschwungen ist. Seit einigen Jahren finde ein großer Teil der Neulinge aber eher wegen der Marktsituation den Weg zur Umstellung auf Demeter. Früher habe davor meist eine intensive Annäherung an Steiners Impulse stattgefunden, erst dann wurde die Marken-Anerkennung relevant. Allerdings begegnete der 56jährigen etwa in Einführungskursen in das biodynamische Wirtschaften eine Sehnsucht zum Erkennen: Was will ich mit meinem Hof, was will ich mit der Erde, wie verändere ich mich? Dieses Erleben hat sie auch heute, in der Arbeit in der biodynamischen Ausbildung im Süden. Vielen Auszubildenden dort reiche es nicht, nur äußere Aufgaben abzuarbeiten. Sie verstünden ihre Arbeit als ein Wirken im Sinne von „Ich bin neugierig, bin auf der Suche, lasse mich anstecken von anderen Menschen, die da dran sind“.

Dafür will Simone Helmle auch Raum geben bei Fortbildungen für Menschen außerhalb der Landwirtschaft. Ihr Mittel der Wahl sind dabei Übungen zur Naturbeobachtung. „Die erleben Menschen oft als persönlich befreiend und unmittelbar gegenwärtig. Und wer dann sagt, ich fühle, wie etwa Demeter-Produkte mich willkommen heißen, geht dann mit Sicherheit gestärkt zurück an seinen Arbeitsplatz.“ Dem Demeter-Verband als Gemeinschaft von Bauern, Verarbeitern, Händlern und Verbrauchern wünscht Helmle die Kraft, Diskursräume des gemeinsamen Suchens zu öffnen, um zu hören, was biodynamisch zuflüstert. Sie sagt: „Der Geist zeigt sich in dem Moment, wo wir es zulassen. Das berührt und bewegt.“

Wärmeimpuls entwickeln

Bei Boris Voelkel, Einkaufsleiter beim traditionsreichen Safter im Wendland, prallen die Verwerfungen in der Öffentlichkeit und seine Verbundenheit mit der Anthroposophie schonungslos aufeinander. Er sagt: „Die Medienwelt, besonders der digitale Bereich davon, ist sehr schnelllebig geworden, aber auch voreilig. In meiner Wahrnehmung wird nur noch wenig abgewogen und hin und her überlegt, sondern schnell und eindeutig geurteilt und kategorisiert. Das bereitet mir persönlich Sorge. Daher kann ich gut nachvollziehen, wenn Demeter sich mit den Wurzeln in der Anthroposophie zurückhaltend verhält und halte es auch für ratsam.“ Aus eigener leidvoller Erfahrung weiß er, wie man schneller den „Aluhut“ aufgesetzt bekommt als man sich denken kann. Deshalb kommuniziert auch Voelkel den anthroposophischen Bezug verhalten. „Dennoch werden wir schnell abgestempelt: als Impfgegner, manchmal sogar als Nazis.“

Der renommierte Saft-Produzent mit verlässlichen Beziehungen zu Produzenten in aller Welt fühlt sich dem Ökolandbau und guten, innovativen Produkten verpflichtet. Es gebe keinen ideellen oder gar ideologischen Überbau. Auch in der Geschäftsführung der drei Brüder und mit den Mitarbeitenden gelte das Prinzip Vielfalt. „Das sehen wir unternehmerisch wie auch gesellschaftlich als große Stärke mit viel Potenzial“, betont Boris Voelkel. Ihn trägt als Einkaufsleiter auch die Anthroposophie, um einen Wärmeimpuls gegenüber den Landwirten zu entwickeln, erklärt er. Die Frage, wie es allen gut gehen kann, entspringt dem Gedanken Steiners von der „Brüderlichkeit im Wirtschaften“. Die Antwort darauf sei aber einfacher gesagt als getan. „Wir gehen in eine immer unsicherere Welt, in der Kommunikation und das Sich-miteinander-vereinbaren wieder neu geübt werden müssen“, berichtet er aus seinen Erfahrungen. „Ich erlebe schon auch viel Scheitern und Misslingen, auch meinerseits. Vieles darf aber auch gelingen. Es hilft mir persönlich, da ein Wertekonstrukt zu haben, an dem ich mich entlang hangeln kann.“ Anthroposophie sei eine große Inspirationsquelle. „An der klammere ich mich nicht dogmatisch fest, sondern gleiche sie lebenspraktisch in Wechselwirkung mit meinem Erleben im Tun ab.“ Wenn Boris Voelkel dabei in Schubladen landet, in denen er sich auf keinen Fall verorten würde, entsteht durchaus das Gefühl, nicht mehr frei sprechen und denken zu können, um ein mittlerweile großes Unternehmen nicht zu gefährden.

Der Preis ist hoch

Carsten Bauck, der Landwirt aus der Lüneburger Heide mit dem schier unerschöpflichen Antrieb für tiergerechte Entwicklungen in der Hühnerhaltung und -zucht, sagt unumwunden: „Steiner ist kein Heiliger. Die Anthroposophie muss in die Moderne gebracht werden.“ Für ihn, dessen Großeltern 1933 umgedacht und auf biodynamisch umgestellt hatten, ist die Anthroposophie Bestandteil des alltäglichen Lebens. Dennoch ist er vorsichtiger geworden, wem er dazu was erzählt. Die Gefahr, in die Schwurbel-Ecke gestellt, als Nazi oder Antisemit diffamiert zu werden, ist ihm durch entsprechende Berichte von Kollegen und eigene Erlebnisse inzwischen zu groß und zu schmerzhaft.

„Meine Großeltern und Eltern haben darunter gelitten für die Idee einzutreten. Ich führe ihr Vermächtnis der Gründer-Generation fort und signalisiere so: es war richtig, was ihr gemacht habt.“ Dabei weiß er, dass der Preis für diesen Idealismus gerade in der Landwirtschaft extrem hoch ist. Kein Wunder also, wenn die Jüngeren längst auf Spezialisierung setzten und bei vielen Betrieben die Vielfalt auf der Strecke bleibe. „Stehen unsere Ideale nicht mehr im Zentrum, sondern im Weg?“, fragt er sich. Und hält gleich ein Stück weit dagegen: „Die Freiheit des Einzelnen kann in anthroposophisch geprägten Betrieben mehr berücksichtigt werden. Wo das gelingt, bleiben etwa auch sich bildende Lager sprachfähig. Das hat uns während der Pandemie getragen. Und wenn ich nicht schon mit der Muttermilch mitbekommen hätte, dass der Mensch im Mittelpunkt steht, hätte ich das nicht geschafft. Klar ist, dass wir damit unsere demokratische Resilienz erhöht haben.“

Was in der Innenwelt der Bauckhöfe gelingt, werde in der Öffentlichkeit meistens nicht verstanden. „Früher waren wir für die Menschen, die uns nicht gekannt haben, Bio plus Esoterik, so ein bisschen die komischen Spinner. Das hat erstmal nicht weh getan. Wichtig war, dass die Demeter-Lebensmittel beste Qualität mitgebracht haben. Heute sind unsere Produkte immer noch klasse, aber Konsumenten wollen auseinandernehmen, was ideologisch dahintersteht. So kommt es zu persönlichen Verunglimpfungen.“

Deshalb versucht der temperamentvolle Kommunikator Carsten Bauck, sich zu kontrollieren. „Ich gehe nach wie vor keinem Diskurs aus dem Weg, aber ich bin viel vorsichtiger und sage nicht mehr so spontan, was ich denke. Das ist kein schönes Gefühl.“ Durch Impulskontrolle im Diskurs gingen Klartext und maximale Ehrlichkeit verloren. Aber gegen Falschbehauptungen anzugehen, koste zu viel Kraft. Wo ist für Carsten Bauck da der Hoffnungsschimmer? Sein Gesicht hellt sich auf, wenn er sagt: „Es geht darum, zu erleben, wie das Lebensmittel mit mir in Resonanz geht. Dann gewinnt Demeter.“ ///

Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe April 2026.

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Über den Autor / die Autorin

Renée Herrnkind

Renée Herrnkind ist seit 1981 als freie Journalistin tätig, lange Zeit im Bereich Bio und Demeter, auch in der Öffentlichkeitsarbeit. Seit vielen Jahren bringt sie Themen eines ökologisch-nachhaltigen Lebensstils auch in ihrer Arbeit für die Zeitschrift info3 ein. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Hunden abwechselnd in Hessen und im Allgäu.

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