Die Tür geht auf. Schüler:innen strömen, zotteln und drängeln aus dem Klassenzimmer, manche schleppen sich eher müde hinaus. Auf der Schwelle begegnen sie schon der wartenden nächsten Gruppe. In der Tür wird es eng. Es ist wie eine per Stechuhr einsetzende Wanderung, die bei solch einem Stundenwechsel im gesamten Schulgebäude losgeht.
Das gleiche Bild am Lehrer:innenzimmer: Die Tür geht auf. Ein Lehrer nach dem anderen strebt mit Büchern und Heften unterm Arm geschäftig oder routiniert zum Unterricht. Nächste Stunde. Gerade hatte man sich kurz hingesetzt. Gerade hatte man einfach mal an nichts denken wollen, mit niemandem noch etwas besprechen, sondern bloß dasitzen und den bisherigen Morgen auf sich wirken lassen wollen. Und auf einmal strengt einen schon das ständige kurze Grüßen an, das auf den Fluren notgedrungen stattfindet – ungefähr so, wie Busfahrer sich rituell zuwinken, wenn sie einander im Verkehr begegnen. Ist das schon die rush hour des Lebens? Ist die Schule noch ein Ort, wo sich heranwachsende Menschen in Ruhe und ohne Druck auf ein eigenständiges Leben vorbereiten können? Und ältere und erfahrenere Menschen ihnen voller Freude dabei helfen?
Spricht man mit Schülerinnen und Schülern der 10. Klasse einer Waldorfschule darüber, wie sie den Umgang mit Zeit in ihrem Schulalltag erleben, fallen resignative Sätze: „Zeitdruck gibt es ja immer im Leben.“ Aber sie sind auch schonungslos ehrlich: „Die Uhr ist die einzige Motivation.“ Gemeint ist das so: Manche Stunde muss einfach irgendwie „rumgekriegt“ werden.
Man denkt an die eigene Schulzeit: Wie oft im Leben schaute man zwanghaft in Abständen auf die Uhr, in wie vielen Mathestunden, später auch im Zivildienst bei einer Schicht oder im Beruf bei langatmigen Vorträgen! Bannen die Uhren, nur weil sie da sind, den Blick? Will man die Zeiger beschwören? Wie lebten früher die Menschen, die sich nach der Sonne richteten? Ja, wenn man spielte und sich frei fühlte, dann vergaß man die Zeit, dann durfte alles wie eine Ewigkeit erscheinen.
Kairos und Chronos
Den Jugendlichen ist dieser Unterschied zwischen qualitativem und quantitativem Zeit-Erleben sehr bewusst, auch wenn sie vielleicht die Begriffe Kairos und Chronos noch nicht kennen: „Die Zeit fühlt sich besser an, wenn man sie selbstbestimmt verbringt“, meint Oskar. Und Frederick fügt im Hinblick auf manche Fächerinhalte hinzu: „Wenn etwas keine Zukunft hat, ist es reine Zeitverschwendung.“ Dieser Argwohn zieht sich durch viele Äußerungen, unabhängig vom Thema Zeit. Sie ahnen, dass sie die Hälfte dessen, was sie in der Schule lernen, nicht für ihren konkreten Lebensalltag brauchen werden, sondern dass es lediglich als Wissen beim Abi abgefragt wird. Frederick fände es sinnvoller, später bei einem Bewerbungsgespräch – statt nur das Zeugnis vorzulegen – sagen zu können: „Das und das habe ich gemacht, das habe ich mir angeeignet, das kann ich besonders gut und jenes mache ich mit besonderer Freude. So bin ich. Gebt ihr mir eine Chance?“
Weniger ist mehr
Ursprünglich war der Umgang mit Zeit einer der besten reformatorischen Griffe der Waldorfschule, indem etwa der Epochenunterricht eingeführt wurde. Doch längst hat Chronos viele Kollegien fest im Griff. Obwohl es evaluiert und hinreichend klargeworden ist, dass die Anzahl der Wochenstunden für die Kinder reduziert werden muss, kommt es nur selten zu realen Schritten oder gar einem fundamentalen Wandel. Sei es, dass eine Lehrkraft gerade ihr Fach nicht beschnitten sehen möchte, sei es, dass es auch um wirtschaftliche Aspekte, sprich: Deputatstunden geht, sei es, dass ein Hauptfach-Stoff für die Abschlüsse als unentbehrlich gilt. „Es ist so viel, so überwältigend, dass ich mich kaum konzentrieren kann“, sagt Fridolin aus der 12. Klasse.
Auch der handwerklich-künstlerische Unterricht, ebenfalls eine Waldorf-Erfolgsgeschichte, wird von einigen längst als Belastung empfunden, da er meist am Nachmittag liegt: „Im Winter gehe ich im Dunkeln zur Schule und komme im Dunkeln wieder heim. Dann noch Hausaufgaben. Ich habe unter der Woche dann kaum noch Zeit oder Kraft für meine Hobbys. Für Sport. Musik. Freunde.“ Solche Äußerungen fallen oft. Magda: „Durch ganz lange Pausen“ – sogenannte Freistunden – „wird der Schultag nicht automatisch schöner. Weil es ja nicht dein Zuhause ist.“ Zeit sei das Wertvollste, betonen auch die Zwölftklässler:innen. Aber: „Wenn ich mir freie Zeit nehme, fühle ich mich gleich faul“, sagt Maria. Dabei schaffe man ja auch etwas, pflichtet Rosanna bei, „wenn man soziale Kontakte pflegt“.
Einsamkeit und Krisen
In der Unterstufe das Rhythmische und die gesunde Entwicklung der Sinne pflegen, das kann anerkanntermaßen kaum eine Schulform so gut wie „Waldorf“. Aber das Ich entwickeln helfen, in der OberstufeRaum geben für die sich nach dem 15. Lebensjahr entfaltende Seele, wird heuteimmer wichtiger: Am eigenen Ich als Seelenkern werde ich mich später immer orientieren können. Doch gerade dieses stellen zum Beispiel Künstliche Intelligenz und Transhumanismus in Frage. Zudem belegen jüngere Studien die große Einsamkeit vieler Jugendlicher. Psychische Krisen, Depression und Seelennot nehmen zu. Das Statistische, Verplante und Berechnete scheint, bei allen Wohltaten, die Seele in eine Enge zu führen – auch im Urteil über das, was darüber hinaus noch menschenmöglich ist. Es entsteht eine Enge im Selbstbild, ein Materialismus im Denken: Ich vertraue nicht mehr darauf, dass es etwas gibt, das mich trägt und im Innersten zusammenhält, geschweige denn darauf, dass auch vor der Geburt oder nach dem Tod noch „Zeit ist“. Ich ver-zweifle wie Faust. Als bekäme man geistig-seelisch keine Luft mehr, keine Luft nach oben. Entsprechend wird, auch in den Elternhäusern, die Abschluss-Sorge immer größer, die Panik, dass die Kinder nicht ausgerüstet seien. In der Not fragen ausgerechnet Waldorfschüler:innen immer häufiger nach Noten, während andere Schulen das Notengeben neuerdings in Frage stellen.
Es fehlt es also weniger an Effektivität und mehr an Atem. Damit ich als Oberstufenschüler:in mein Selbst entdecken kann, meinen Reichtum, und das Ich als geahntes Zentrum. Und sich von da aus der Seelenraum weitet bis in die Peripherien. Über Zeugnisse hinaus zum Selbst- und Weltvertrauen, dass ich alle Herausforderungen kreativ meistern und immer etwas mit mir werde anfangen können.
Strömender Praxisbezug
In der Waldorfpädagogik sollen sich die Jugendlichen Gelerntes wirklich zu eigen machen können, statt dass es rein äußerlich bleibt. Dabei geht es keineswegs um einen weichen, schonenden Flow, der nie zum Punkt kommt, sondern durchaus auch um Abschlüsse – primär aber um das schöpferische Potenzial, das ich dabei aktiviere. Dieses bleibt mir, und damit „schaffe“ ich dann auch die Abschlüsse.
Und genau dafür braucht es Zeit. Raum für das Erkunden der eigenen Fähigkeiten und Interessen. Freistunden nicht als Leerlauf, als Pech im Plan, sondern als Fülle. Was beliebt ist, als Punktuelles, müsste sich über das ganze Jahr legen, es prägen und durchlüften dürfen: nicht eine Projektwoche, sondern ein Projekt-Denken, nicht das eine traditionelle Praktikum, sondern ein ständig strömender Praxisbezug, und außerschulisches Lernen nicht als Ausnahme, sondern integriert als etwas Regelmäßiges.
„Mit den Wahlmöglichkeiten steht und fällt das Zeitempfinden“, meint Lasse aus der 12. Klasse. Viele stimmen zu. Es braucht im Wortsinn Handlungsspielraum, in dem sich Stunden der Wahrheit ereignen können – wo das passiert, was wirklich zählt, wo es auf alle ankommt, wo gemeinsam Relevantes erlebt wird: ob beim wissenschaftlichen Experiment, der Diskussion im Wirtschafts- und Politik-Unterricht, dem englischen Poem. Eine Lern-Verdichtung, die das Denken berührt und den Willen befeuert, bei der alle die Zeit vergessen und keiner zur Uhr linst, ob die Stunde überzogen wird oder zu früh endet. Die Pause „ist“ die Stunde: Man hält lernend inne, nimmt content nachhaltig auf, im Ich.
Orientierung auch ohne Stundenplan?
Die Gegenwart 2026 betrachten die befragten Zehntklässler:innen übrigens als eine gute Zeit. Sie ziehen den Vergleich zum Mittelalter, wo man es „sicher auch schön haben“ konnte, aber das Leben durch Krankheit und Krieg stets gefährdet gewesen sei. Heute gebe es zwar auch viele Probleme, aber es sei eben auch vieles möglich. Das „Alles ist vergänglich“ scheint abgelöst von einem, so die Jugendlichen, „Alles bleibt“. Denn: Das Internet vergisst nichts. Aber hier entspinnt sich ein kontroverses Gespräch: „Es fühlt sich so an, als würde es nicht mehr so viele Sprünge geben“, findet Magda. „Also: Zeit-Sprünge. Vom Mindset her.“ Ein Anderer wirft ein: „Doch! Gerade!“ Es scheint irgendwie beides: Ein gleichmäßiger Strom in eine bestimmte Richtung, etwa durch die Digitalisierung, und trotzdem kann der Einzelne vieles individuell gestalten. Oder, wie Piet es trocken formuliert: „Allein der Aspekt, dass man als Mensch geboren wurde, dass man da ist, ist schon krass.“
Wie könnte sich dieses Staunen mehr in der Zeitgestalt der Schule niederschlagen? Kann sie als Lernort sich auch ein bisschen wie ein Zuhause anfühlen? Könnte sie Orientierung geben – denn Chaos wäre gewiss nicht lernfördernd – auch ohne festen Stundenplan? Mit mehr Gleitzeit, mehr Eigendynamik, mehr Ballen und Lösen?
Rudolf Steiner, der bei aller missionarischen Zielstrebigkeit stets ein großer Improvisator war, hat keinen Hehl aus seiner Ablehnung des Stundenplans gemacht und nannte ihn bereits 1919 eine „Mördergrube für jede wahre Pädagogik”: „So haben wir nötig, dass, ohne dass der Bogen überspannt wird, nicht durch Anstrengung, sondern durch Ökonomie der Erziehung, Konzentration bei den Kindern erreicht werden soll. Dies können wir in der Weise, wie es der heutige Mensch braucht, nur erreichen, wenn wir etwas abschaffen, was heute noch sehr beliebt ist: wenn wir den verfluchten Stundenplan in den Schulen abschaffen, dieses Mordmittel für eine wirkliche Entwickelung der menschlichen Kräfte.“
Wäre es nicht an der Zeit, sich dessen wieder zu erinnern? ///
Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe März 2025.



