Großes entsteht

Fröhlicher Schüler. © Racle-Fotodesign, AdobeStock
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Aus “Beziehungsweise Schule”, der monatlichen Kolumne von Nadine Mescher in der Zeitschrift info3.

Wir haben April und das Theaterprojekt ist geschafft. Wie, das weiß ich noch nicht, denn ich schreibe noch im März. Stand jetzt stehen da unfassbar riesige Kulissen – so fleißig haben meine Schülerinnen und Schüler gemessen, gehämmert, gepinselt. Aufgeführt wird Der Prinz und der Bettelknabe von Mark Twain. Das Himmelbett des Königs wurde dreimal überarbeitet, die Behausung der Armen immerhin zweimal. Manche Dinge entstanden erst im Tun. Doch irgendwann war klar: Das ist es. Lasset die Spiele beginnen!

So erlebe ich gerade ein Achtklassjahr, das sich nicht schonen lässt. Es ist laut, nicht selten ruppig, voller Ungeduld – und gleichzeitig von einer Ernsthaftigkeit und Dynamik, die mich immer wieder überrascht. Diese Achtklässler:innen spüren, auch wenn sie es nicht in Worte fassen könnten, dass sie an einer Schwelle stehen. Das achte Jahr ist kein normales Schuljahr. Es ist das letzte der Mittelstufe, das Ende von etwas, das mit der ersten Klasse begann. Und wie alle echten Abschiede trägt es beides in sich: Mangel und Fülle.

Der Mangel ist spürbar. In der Probenphase vor allem. Texte, die noch nicht sitzen. Szenen, die auseinanderfallen. Stimmen, die sich verstecken, wo sie gebraucht werden. Gesten, die kaum sichtbar sind. Zeit, die knapper wird. Und darunter, kaum ausgesprochen: die Ahnung, dass das hier nicht nur Theater ist. Dass sie sich zeigen müssen. Dass es auf jeden einzelnen ankommt.

Und dann die Fülle. Parallel zu den Proben werden in der Werkstatt bereits die Paddel gebaut. Jede und jeder baut sein eigenes für unsere große Paddeltour auf der Ems im Juni. Holz, das geformt wird. Hände, die lernen, was sie können. Es ist dasselbe Prinzip wie auf der Bühne: Niemand kann das für dich tun. Du musst es selbst in die Hand nehmen. Und am Ende trägt es dich (jedenfalls im besten Fall und dieser ist bisher glücklicherweise immer eingetreten).

Dieses Jahr dürfen auch einige Kinder unserer Patenklasse in großen Szenen beim Theaterstück mitspielen. Kinder der ersten Klasse, die dann mit den Großen auf dieselbe Bühne treten. Was dabei passiert, ist kaum zu planen: Die Achtklässler:innen wachsen. Nicht durch Lob, nicht durch Anleitung – sondern weil jemand zu ihnen aufschaut und sich ganz vertrauensvoll auf sie verlässt. Schließlich stehen meine lieben Achter seit ihrem ersten Schultag im August ganz liebevoll und sicher an ihrer Seite.

Das Finale unseres achten Schuljahres wirft seine Schatten voraus. Die Oberstufe wartet, und alle wissen es, auch wenn niemand gern darüber spricht. Manch neue Lehrer:innen, andere Fächer, ein anderer Rhythmus. Das Klassenlehrerprinzip endet. Was bleibt, ist das, was diese acht gemeinsamen Jahre eingeschrieben haben – in die Art, wie jemand zuhört, widerspricht, tröstet, aushält.

Ich schaue in diese Wochen und sehe beides gleichzeitig: den Mangel, der antreibt, und die Fülle, die entsteht, wenn Menschen füreinander einstehen. Auf der Bühne, hinter den Kulissen, in der Werkstatt. Ein selbst gebautes Bühnenbild, ein selbst gehobeltes Paddel. Ein bisschen schief vielleicht, aber gerade deshalb so wahr. Gemacht von diesen Händen, für diesen Moment.

Der Vorhang geht auf. Und die Ems wartet schon.

Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe April 2026.

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Über den Autor / die Autorin

Nadine Mescher

Nadine Mescher ist Waldorflehrerin und freie Autorin. Seit die eigenen drei Kinder groß geworden sind, publiziert sie Pädagogisches, unter anderem auf montagskindblog.de und bei Instagram.

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