Wenn die Zukunft Gegenwart wird

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Zeitreisen sind ein beliebtes Thema im Kino. Der Regisseur Christopher Nolan geht aber weiter: Er zeigt das auch von Rudolf Steiner bekannte Motiv des „Doppelstroms der Zeit“ als Film-Thema. Auf der Suche nach einem Geheimnis.

Ein Film, der mit dem Ende beginnt und dann rückwärts erzählt wird; ein Hauptdarsteller, der verglichen mit seiner alternden Tochter immer jung bleibt; eine Kraft, die aus der Zukunft agiert und die Vergangenheit auslöschen will – das sind drei beispielhafte Motive aus dem Schaffen des Regisseurs Christopher Nolan, der ganz offensichtlich eine besondere Beziehung zum Thema Zeit hat. Werfen wir einen Blick auf diese drei Filme.

Memento: rückwärtslaufende Zeit

Memento aus dem Jahr 2000 war der zweite Film von Christopher Nolan und machte den bis dahin noch wenig bekannten, britisch-amerikanischen Regisseur schlagartig berühmt. Hier erzählte jemand nicht einfach einen Krimi, sondern konfrontierte das Publikum mit einer ungewohnten, nicht-linearen Darstellung der Handlung. Denn Nolan ließ einen Strang der Geschichte rückwärts laufen, Anfang und Ende des Films sind gleich. Memento ist in zwei Modi gedreht: Schwarz-weiß für die objektive, nacheinander ablaufende Zeit, farbig für die subjektive Perspektive des Hauptdarstellers, die rückwärts verläuft. Weil der Anfang auch am Ende noch genauso rätselhaft bleibt wie zuvor, spürt man am Ende den Drang, den Film sofort noch einmal zu sehen. Vorsicht – es könnte eine Endlos-Schleife werden.

Interstellar: Wenn Zeit relativ wird

Einige Produktionen später – Nolan drehte zwischenzeitlich unter anderem die Batman-Trilogie – griff er das Spiel mit den gegenläufigen Zeitrichtungen wieder auf. Weil die Erde durch Klimaveränderungen immer unbewohnbarer wird, verlassen bei Interstellar (2014) Astronauten auf der Suche nach einem neuen bewohnbaren Planeten unsere eigene Galaxie. Technisch gelingt diese interstellare Reise durch ein in der Nähe des Saturn aufgetretenes „Wurmloch“, eine Zeit-Raum-Anomalie, durch welche sich das Problem der ungeheuren Entfernung zu einer nächsten Galaxie bewältigen lässt. Auf der anderen Seite des Wurmlochs angekommen, gerät die Crew der Endurance in den Einflussbereich eines Schwarzen Lochs, das durch seine extreme Schwerkraft zu einer Änderung der Zeit führt. Die Alterung der Figuren ändert sich: Bei der Hauptfigur Cooper bleibt alles gleich (obwohl er Jahrzehnte unterwegs ist), während bei seiner auf der Erde zurückgelassenen Tochter der Prozess des Älterwerdens normal fortschreitet. Am Ende seiner Reise (und nach vollbrachter Weltrettung) wird er sie wiedertreffen, wie er es bei seiner Abreise versprochen hatte – aber da ist sie schon uralt und liegt im Sterben.

Auf seinem Rückflug war Cooper in den Sog des Schwarzen Lochs geraten und erlebte dort eine Einweihungsszene. Er kommt in einen Hyper-Raum mit fünf Dimensionen, wo man sich in der Zeit so bewegen kann wie im Raum. Hier kann sich Cooper in die Vergangenheit zurückbegeben und seiner Tochter wichtige Daten vermitteln, durch die schließlich die Erde evakuiert werden kann – die ikonische Szene mit Bücherregal, Uhr und Morsesignalen dürfte allen Interstellar-Fans tief eingeprägt sein. Das Konzept des Films beruht somit auf einer Zeit-Schleife, in der sich Zukunft und Gegenwart verbinden: Es ist die Menschheit selbst, die aus einer künftigen Entwicklungsstufe ihre eigene Rettung ermöglicht. „Es waren nicht ‚die anderen‘. Wir selbst waren es“, sagt Cooper an einer entscheidenden Stelle des Films.

Tenet: Angriff aus der Zukunft

2020 kam Nolans Film Tenet heraus. Die Handlung erwies sich als derart kompliziert, dass viele Kritiker schier daran verzweifelten. Schon im Namen des Films spiegelt sich das Grundmotiv: Tenet lässt sich vorwärts und rückwärts lesen, es handelt sich um ein sogenanntes Palindrom. Entsprechend einfach wirkt zunächst die Handlung: Von der Zukunft her wird ein Zerstörungskrieg in die Gegenwart hinein geführt, weil eine Menschheit der Zukunft ihre eigene Gegenwart sichern will, die durch die ökologischen Zerstörungen der Jetzt-Zeit bedroht wird. Bis hierher ein scheinbar gewohnter Action-Plot. Aber Nolan schafft eine originelle Form des Antagonismus: Diesmal sind es nicht außerirdische Mächte und es ist kein einzelner Bösewicht wie in den Bond-Filmen, sondern wir werden von uns selbst als zukünftiger Menschheit bedroht. Durch diverse technische Innovationen ist es möglich geworden, dass Gegenstände (vor allem Waffen), aber auch Menschen zurück in die Gegenwart geschleust werden können. Nolan treibt die Konfrontation mit diesem inversen Zeitstrom so weit, dass der Hauptdarsteller an einer Stelle der Handlung (freilich ohne es zu wissen) sogar mit sich selbst kämpft. Rätselhaft bleibt bis zum Schluss, wie der Kampf zwischen Zukunft und Gegenwart ausgeht. Am Ende scheint alles von vorn zu beginnen – oder doch nicht?

Rudolf Steiners Schlüsselerkenntnis

Die Idee der Gegenwart als Verschränkung zweier Zeitströme provoziert Bezüge zum Denken Rudolf Steiners, der ebenfalls von einem gegenläufigen Zeitverlauf gesprochen hat. Steiner verwendet allerdings den Terminus des „Doppelstroms“ der Zeit nur in einem nicht für die Öffentlichkeit gedachten Notizbucheintrag; inhaltlich ausgeführt hat er diesen Zusammenhang in einer autobiografischen Skizze für den französischen Gelehrten und Dramatiker Eduard Schuré, wo er eine Begebenheit um sein 20. Lebensjahr herum beschreibt. Dort heißt es: „Es war die Erkenntnis, dass es eine mit der vorwärtsgehenden interferierende, rückwärtsgehende Evolution gibt – die okkult-astrale. Diese Erkenntnis ist die Bedingung für das geistige Schauen.“ Dass Steiner über diesen methodischen Schlüssel des „Schauens“ nur ganz Weniges näher ausgeführt hat, ist eigenartig. In seinen Schulungsschriften findet sich praktisch nichts dazu.

In einem Vortrag vor Mitgliedern im März 1905 stellt er zunächst noch einmal das Bild der zwei Zeit-Strömungen vor seine Zuhörer hin: „In jedem Zeitabschnitt ist Ihr Leben ein Durchschnitt von zwei Strömungen, von denen die eine von der Zukunft nach der Gegenwart geht und die andere von der Gegenwart nach der Zukunft. Wo sich die Strömungen treffen, tritt eine Stauung ein. Alles, was der Mensch noch vor sich hat, muss er als astralische Erscheinung vor sich auftauchen sehen. Dieses ist etwas, was eine unglaublich eindrückliche Sprache spricht.“

Dann geht er im Vortrag dazu über, das, was auf den betreffenden Menschen in der Zukunft wartet, in Art eines Bildes zu deuten, als ein „astralisches Panorama“, in dem ihm die Zukunft seiner weiteren Inkarnationen entgegentritt. Hier müssen sich Fragen stellen: Was kann es bedeuten, die gesamte Zukunft in einem einzigen Panorama zu „sehen“? Und lässt sich die Zukunft etwa nicht ändern, wenn wir eingreifen?

Steiner beschreibt weiter: „Wenn der (geistige) Schüler bis zur Schwelle vorgeschritten ist, dann tritt an ihn die Frage heran: Willst Du dieses alles in der denkbar kürzesten Zeit durchleben? Denn darum handelt es sich für denjenigen, der die Einweihung empfangen will. Wenn Sie sich das überlegen, so haben Sie Ihr eigenes zukünftiges Leben in einem Moment als äußeres Panorama vor sich. Dies ist für den einen Menschen so, dass er sich sagt: ‚Nein, da gehe ich nicht hinein.‘ Für den anderen dagegen ist es so, dass er sich sagt: ‚Ich muss hinein.‘ Diesen Punkt der Entwickelung nennt man die ‚Schwelle‘, die Entscheidung, und die Erscheinung, die man da hat, sich selbst mit allem, was man noch zu erfahren und zu erleben hat, die nennt man den ‚Hüter der Schwelle‘. Der Hüter der Schwelle ist also nichts anderes als unser eigenes künftiges Leben. Wir selbst sind es.“

Es bleiben selbstverständlich mehr Fragen als Antworten. Vor allem: Ist die Zukunft etwas ganz Feststehendes? Oder handelt es sich hier um Verhältnisse (im Astralen), wo die Vorstellungen des gewöhnlichen Lebens ohnehin nicht greifen? Wo es mehr um Möglichkeiten geht als um fertige Tatsachen?

Ins Materielle gespiegelt

In jedem Fall ist die Entscheidung, ob man die Zukunft annimmt, die wesentliche Schwellenerfahrung. Und etwas ganz Ähnliches bewegt auch Christopher Nolan in Tenet, an dessen Drehbuch er nach eigenen Worten fast 20 Jahre gearbeitet hat. Die Konfrontation mit einem künftigen Menschheits-Schicksal, in dem man selbst eine Rolle hat, ist bei Steiner und Nolan gleich. Allerdings geht es im Film weniger um innere Erfahrungen, sondern es wirkt alles ins Äußerlich-Materielle gespiegelt. Der umgekehrte Zeitstrom ist in Tenet mechanisch bewirkt: Es gibt komplizierte Maschinen, die Dinge ebenso wie Personen invertieren, also zeitlich umdrehen können. Eine dieser Maschinen, von denen aus Menschen von der einen in die andere Zeitdimension wechseln, sieht aus wie ein überdimensioniertes, stählernes Mühlrad. Die Verschränkung des vorwärtsgerichteten mit dem rückwärtsgerichteten Strom liefert reizvolles Bildmaterial, besonders in wilden Verfolgungsjagden, bei denen die beiden Zeitströme aufeinandertreffen. Was in Blockbustern ohnehin immer beliebt ist, wird hier noch spektakulärer, indem einige Autos aus der Zukunft kommen und in rasender Geschwindigkeit rückwärts zu fahren scheinen.

Auch in Interstellar rutscht die an sich spirituelle Vorstellung, dass die Menschheit sich selbst aus der Zukunft Hilfe in die Gegenwart sendet, immer wieder ins Mechanische ab: So stößt Cooper während seiner Ausnahmeerfahrung jenseits von Raum und Zeit in einem Schwarzen Loch auf eine komplexe, aber eben doch mechanische Struktur, die an eine Mischung aus Lagerhalle und dreidimensionale Computerplatine erinnert. Gewiss, das ist alles nicht auf die Weise spirituell, wie man es sich vielleicht vorstellt. Es fehlt eine übersinnliche Dimension. Und doch ist es mehr als nur ein Spiel.

Man müsse nicht alles in Tenet verstehen, hat Nolan einmal über seinen Film gesagt, es ginge ihm vor allem darum, ein bestimmtes Erlebnis zu vermitteln. Dieses Erlebnis liegt in der Ahnung, dass Zukunft und Gegenwart anders zusammenhängen als wir es mit dem Verstand erfassen können. Das wird insbesondere am Ende von Tenet noch einmal deutlich. Wo wir sonst gewohnt sind, dass sich alles in Normalität auflöst, dass die Mission erfüllt ist und die Figuren wieder ihren gewohnten Weg gehen, scheint hier alles noch einmal von vorn zu beginnen. Der Grund des bisher Gewordenen ist noch gar nicht gelegt. Man kann nur ahnen, aus welchen Untergründen ein Christopher Nolan solche Motive holt – aus einer schicksalhaften Vergangenheit oder aus einer vorweggenommenen Zukunft? Die Idee einer anderen Auffassung von Zeit in den Mainstream gebracht zu haben ist jedenfalls ein geistiges Faktum ersten Ranges. ///

Zum Weiterstudieren:

  • Rudolf Steiner: Anthroposophie, Psychosophie, Pneumatosophie (GA 115), Vortrag vom 4.11.1910; Briefwechsel Rudolf und Marie Steiner (GA 262), S. 15ff; Die vierte Dimension (GA 324a), Vortrag vom 17.5.1905.
  • Christoph Hueck: Die Zeit und ihr Geheimnis, www.christoph-hueck.de/der-doppelstrom-der-zeit
  • Andreas Neider: Der Mensch und das Geheimnis der Zeit. Zum Verständnis der Zeit im Werk Rudolf Steiners, Verlag Freies Geistesleben.

Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe März 2025.

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Über den Autor / die Autorin

Jens Heisterkamp

Jens Heisterkamp, geboren 1958 in Duisburg, wuchs im Ruhrgebiet auf. Er studierte an der Ruhruniversität Bochum Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie und wurde 1988 zum Dr. phil. promoviert. Nach der Begegnung mit der Anthroposophie lernte er während seines Zivildienstes die Heilpädagogik kennen und arbeitete als Dozent in der Erwachsenenbildung, kurzzeitig auch als Waldorflehrer, dann als Herausgeber und Autor. Seit 1995 ist er verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift info3 sowie Verleger und Gesellschafter im Info3 Verlag in Frankfurt am Main. Seine Themen sind Dialoge in Religion, Philosophie und Spiritualität, Offene Gesellschaft, Ethik.

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