Zeit erleben? Das scheint irgendwie eine verrückte Idee zu sein. Wo wir doch kaum irgendetwas in unserem Alltag objektiver betrachten und messen als die Zeit, im Sport sogar auf die Hundertstelsekunde genau. Zeit ist doch außerdem eine physikalische Größe. Einstein hat sie in seiner speziellen Relativitätstheorie als die Geschwindigkeit, mit der sich Licht ausbreitet, in einen unverbiegbaren Zeitstrahl gefasst. In der allgemeinen Relativitätstheorie ist sie sogar die vierte Dimension unseres Universums. Was also soll das Gerede vom „Erleben der Zeit“?
Nun, seit Augustinus in seinen Bekenntnissen eine lange Meditation über die Zeit angestellt hat, gibt es in der Philosophie eine Tradition, die zwischen der objektiven Zeit, der messbaren, und der subjektiven Zeit, der erfahrenen, unterscheidet. Eine der zentralen Einsichten dieser Tradition ist das Verständnis, dass wir nur die Gegenwart, das „Jetzt“, besitzen können. Die Vergangenheit ist fort. Die Zukunft noch nicht gegenwärtig. Nur das Jetzt ist hier.
Wir kennen alle aus unserer Alltagserfahrung diese unterschiedlichen Qualitäten der Zeit und ihres Erlebens. Manchmal vergeht die Zeit „wie im Flug“: Wir sitzen und sprechen mit einem guten Freund oder einer Freundin, sind ins Gespräch vertieft, vielleicht, weil wir uns einer wichtigen Frage widmen oder Erfahrungen austauschen oder Pläne schmieden – und schon ist eine Stunde vergangen, ohne dass wir es gemerkt haben. Das umgekehrte Phänomen kennen wir auch: Wir sitzen oder stehen an einem Bahnsteig und warten auf einen Zug, der einfach nicht kommt. Immer wieder Durchsagen, warum er denn nun nicht kommt und wann er vielleicht kommt, oder dass er nun doch noch zehn Minuten später dran ist. Und plötzlich werden aus zwanzig Minuten, ja was sag ich, aus dreißig Minuten gefühlte Stunden. Wer Erfahrungen mit Meditation gemacht hat, kennt dann aber vielleicht ansatzweise auch das, was die Mystiker seit Augustinus das „nunc stans“, das „stehende Jetzt“ nennen, also die Gegenwart, die nicht mehr in die Vergangenheit zerrinnt, sondern uns so etwas wie ein Verständnis von Ewigkeit vermitteln kann.
Das Bewusstsein ist der Schlüssel
Wie kommen solche unterschiedlichen Zeiterfahrungen zustande? Und: können wir die Erfahrungen kultivieren, die für uns angenehmer sind? Ich will einen wichtigen Aspekt von vielen herausgreifen. Was ich nicht tun werde, ist die neurobiologische Basis dieses unterschiedlichen Zeiterlebens auffächern. Das hat Marc Wittmann mit seinem sehr lesenswerten Buch Wenn die Zeit stehen bleibt getan. Ich will mich lediglich aufs Bewusstsein konzentrieren, jenes flüchtige Etwas, das wir alle haben, wenn wir solche Texte lesen oder schreiben und nicht gerade im Koma oder Tiefschlaf sind.
Das Bewusstsein vermittelt uns nämlich Erfahrung, genauer gesagt, es ist dasjenige, durch das wir wissen, dass wir Erfahrungen machen. Und daher ist es auch unser Bewusstsein, das zentral ist bei der Vermittlung von Zeiterfahrung. Es ist, nebenbei gesagt, auch das einzige Etwas in diesem weiten Universum, auf das wir direkten Zugriff haben und das einzige, das wir tatsächlich verändern können. Viele beginnen mit der Veränderung der Welt. Denn das scheint einfacher zu sein, als die Veränderung des eigenen Bewusstseins. Die etwas unfreundliche Tatsache ist aber: wir können die Welt nicht direkt verändern. Nur unser Bewusstsein. Und vielleicht, mit viel Glück und Hingabe, durch die Veränderung unseres Bewusstseins auch die Welt.
Franz Brentano, der Philosoph, der 1871 den großen Philosophie-Lehrstuhl in Wien übernahm und dort eigentlich die Psychologie begründet hat – neben seinem Kollegen Wilhelm Wundt in Leipzig – war der erste, der in der neueren Philosophie und Psychologie versucht hat, das Bewusstsein zu verstehen. Er meinte, Bewusstsein sei immer auf etwas ausgerichtet, es sei „intentional“, wie er sagte, habe also immer einen Gegenstand, auf den es sich richtet. Bewusstsein und sein Inhalt, sozusagen. Für die Zustände reiner Bewusstheit ohne Gegenstand ist allenfalls das Bewusstsein sein eigener Gegenstand. Dazu unten ein bisschen mehr.
Für die „normalen“, alltäglichen und den allermeisten Leuten bekannten Bewusstseinszustände bestimmt sich unser Bewusstsein durch seine Inhalte. Und wenn wir unser Bewusstsein auf sehr viele Inhalte nacheinander richten, ja, wenn unser Bewusstseinsfeld immer wieder durch neue, dazwischenblitzende Inhalte gestört wird, dann wird unser Bewusstsein fragmentiert. Dann haben wir sehr viel zu tun, um dies alles zu verarbeiten. Und diese kognitive Last ist ein wichtiges Moment dafür, wie wir Zeit erleben. Ist die Last sehr hoch, empfinden wir Hetze. Greift unser Bewusstsein nichts Bestimmtes, sondern streift an Vieles an, ohne sich wirklich auf etwas einzulassen, empfinden wir Langeweile oder sind unzufrieden.
Wenn Sie für einen Moment die Augen schließen und eine einfache Bewusstseins- oder Meditationsübung machen, zum Beispiel die Aufmerksamkeit aufs Zählen richten und von eins bis zehn zählend Ihrem Atem folgen und wieder bei eins beginnen, wenn Sie entweder bei zehn angelangt sind oder den Faden verloren haben, dann werden Sie Folgendes feststellen, wenn Sie keine Übung haben: Sie werden oftmals die Zehn gar nicht erreichen, entweder weil Ihnen Gedanken dazwischen kommen, oder weil Sie für einen Moment unachtsam waren und vergessen haben, bei welcher Zahl Sie gerade waren. Das ist eine klitzekleine Erfahrung, wie stark unser Bewusstseinsfeld immer wieder gestört wird. Es bedarf einiger Übung, es „rein“ zu halten, also das Bewusstsein auf einen Inhalt und sonst nichts zu richten – sei es ein Gespräch mit dem Gegenüber, eine Aufgabe, an der wir gerade sitzen oder ein Gedanke, dem wir folgen wollen, ein Gefühl, das in uns aufsteigen will, das Essen, das wir grad genießen, oder auch mal nur die Umgebung, die Natur oder was auch immer wahrnehmen, ohne etwas anderes zu denken.
Nur eine Sache
Es ist genau diese Fülle an gleichzeitigen Bewusstseinsinhalten, die um unsere Aufmerksamkeit buhlen, die in uns die Erfahrung von Zeit beeinflussen, und damit auch die Erfahrung von Glück und Zufriedenheit. Denn paradoxerweise fühlen wir uns dann glücklich und zufrieden, und zwar dauerhaft, über längere Zeiträume, und nicht nur in einem rauschhaften Moment, wenn wir ganz und gar mit einer Sache befasst sind, egal was das ist. Das kann das Spielen mit unseren Kindern oder Enkelkindern sein, das Musizieren, das Lesen eines Buches, das Arbeiten, das Spazierengehen und Erleben der Natur, eigentlich egal was. Wann immer wir in dieses Jetzt ganz und gar eingetaucht sind, dann ist unser Bewusstsein voll und ganz nur mit dieser einen Sache identifiziert. Und meistens sind wir dann glücklich und zufrieden, selbst wenn diese Sache objektiv gar nicht zufriedenstellend zu sein scheint, wie etwa eine Arbeit, die wir verrichten müssen.
Der springende Punkt ist: Es ist das Präsentsein und Identifiziertsein mit einer Sache. Dieser Zustand unseres Bewusstseins ist für uns meistens derjenige, der uns am angemessensten ist. Denn unser kognitives System gleicht einer großen Flasche mit einem sehr kleinen Hals: Nur was durch den Hals kommt, kann bewusst werden. Und das ist nur eine Sache zu einem Zeitpunkt. Es scheint zwar so zu sein, als könnten wir als Multitasker Verschiedenes gleichzeitig erledigen. Das ist aber eine raffinierte Selbsttäuschung. Wir machen es dann wie die Computer, die wir ja auch selber erschaffen haben: Wir nehmen etwas ins Bewusstsein, legen es auf die Seite und müssen uns das merken, während etwas Neues ins Bewusstsein drängt, das wir dann wieder kurzfristig auf Eis legen, und so weiter. In Wirklichkeit ist immer nur ein Element voll bewusstseinsfähig. Alles andere ist kognitive Überlast. Die Psychologie kennt das als „switching costs“, Kosten des Hin- und Herschaltens. Das kostet geistige Energie, im wahrsten Sinne des Wortes, und es macht unzufrieden. Denn unsere kognitive Leistung sinkt dabei. Das ist empirisch gut belegt: Stanford-Doktoranden, die sich als starke Multitasker bezeichnen, hatten in einer interessanten Untersuchung ein weniger gutes Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis als diejenigen, die sich nicht so stark mit Multitasking brüsteten.
Aber, und das ist in unsrem Zusammenhang wichtig, ein solches Hin- und Herschalten zwischen Bewusstseinsinhalten verändert auch unser Zeiterleben. Es führt zum Gefühl der Hetze und der Belastung, zur Erfahrung der Beschleunigung und der unaufhaltsam davonrennenden Zeit. Wer sich in diesen modernen Strudel begibt, muss sich nicht wundern, wenn er oder sie sich unzufrieden, gehetzt und ausgehöhlt fühlt. Wir werden nicht dadurch glücklicher, dass wir immer mehr in die uns zur Verfügung stehende Zeit stecken – hier noch schnell ein Youtube-Video während des Essens schauen, da noch rasch die Email neben einem Telefongespräch erledigen, oder die Social-Media-Kanäle scannen, während man zur Bushaltestelle rennt, damit man nichts verpasst. All das kann man lange tun, bevor Folgen bemerkbar werden, aber man muss sich nicht wundern, wenn das Gefühl der Hetze überhandnimmt. Je mehr Inhalte aufs Mal wir in unser Bewusstsein packen, umso mehr haben wir das Gefühl, dass sich unser Leben beschleunigt. Beschleunigung ist kein objektiver Tatbestand, sondern ein subjektiv erfahrener Bewusstseinszustand.
Das Gefühl der Zeitlosigkeit kommt dann auf, wenn wir mit einer Sache befasst sind und mit nichts sonst. Viele kennen das vom Sport und betreiben deswegen irgendeine Sportart. Dann werden wir eins mit den Bewegungen unseres Körpers. Unsere Energie, unser Wollen, unsere Bewegungen und damit auch unser Bewusstsein sind ganz mit dieser einen Sache, zum Beispiel mit dem Laufen oder dem Tanzen oder dem Skilaufen befasst. Wenn wir einen steilen Skihang hinunterfahren oder eine komplexe Bewegung beim Tanz ausführen, dann denken wir in der Regel nicht an die Aufgaben, die zuhause auf uns warten, und wenn wir das tun ist die Gefahr groß, dass wir stürzen oder unsere Bewegung weniger geschmeidig wird als wir uns das wünschen würden.
Gott ist im Zeitlosen
Das Paradebeispiel für die Erfahrung der Zeitlosigkeit haben uns die Mystiker und geübten spirituellen Praktiker gegeben. Dieses stellt sich dann ein, wenn wir unser Bewusstsein ganz leer machen, von allen Gedanken, und in reiner bewusster Gegenwart da sind. Augustinus beschreibt das in seinen Bekenntnissen. Der von mir übersetzte Kartäusermystiker Hugo de Balma formulierte es, sinngemäß, so: Wenn wir alles Denken, alle inneren Bilder, alle kognitiven Akte sein lassen, dann können wir uns immer und überall mit Gott verbinden, hundertmal, ja tausendmal am Tag und in der Nacht. Nun ist der Begriff „Gott“ heutzutage nicht mehr für alle Menschen relevant. Aber wir können das Wort als Chiffre lesen: für die Fülle der Wirklichkeit. Sie wird immer dann in uns präsent, wenn wir einfach ganz gegenwärtig sind, ohne Gedanken, ohne Absicht, ohne Vorstellungen.
Ein mittelalterlicher Kartäuser hatte ja gut reden. Der lebte in seiner Klause mit wenig Ablenkung. Auf jeden Fall weniger als wir heute. Wir müssen auch nicht Kartäuser werden, um das zu erfahren. Aber immer dann, wenn wir nur gegenwärtig sind, egal mit welcher Tätigkeit, dann sind wir in dieser Fülle. Und die Zeit bleibt stehen. Das beglückt. In der mystischen Sprache Hugo de Balmas: Wir verkosten die Seligkeit des Himmels schon jetzt.
Damit das gelingt, hilft es, wenn wir uns ein bisschen disziplinieren und – üben. Eine sehr einfache und wirksame Übung ist es, sich dazu zu ermuntern, immer nur eine Sache zu machen, egal was es ist: lesen, abspülen, sich ärgern, telefonieren, Emails bearbeiten, mit jemandem reden, spazierengehen. Und sich Multitasking abzugewöhnen, genauer gesagt: es sich zu verbieten. Dann wird nämlich die Grundübung, die uns dazu hilft, in diesem einfachen Bewusstseinszustand zu verweilen, einfacher: einmal am Tag eine gewisse Zeit, zum Beispiel zwanzig bis dreißig Minuten am Tag, etwa solange, wie wir auf Körperhygiene verwenden, auf geistige Hygiene verwenden und absichtslos nichts denken. Die Fokussierung auf die Atemzüge, vielleicht verbunden mit der oben beschriebenen Zählübung, hilft dabei. Technisch nennt man das Meditation, oder auch Kontemplation.
Sie merken: ich habe das Wort Achtsamkeit nicht verwendet. Mit Absicht. Obwohl meine Arbeitsgruppe eine der ersten war, die Achtsamkeit in Deutschland beforscht hat. Aber mittlerweile ist Achtsamkeit instrumentalisiert worden. Und das verkehrt die Intention ins Gegenteil. Es geht nicht darum, dass wir Dinge besser, schneller, mehr oder perfekter machen. Es geht darum, dass wir von dieser wahnwitzigen Idee wegkommen, alles perfektionieren zu müssen, auch uns selber. Wir sind genau so, wie wir sind, richtig und gut. Wichtig wäre es, dies zu entdecken. Dazu ist das nötig, was Meister Eckhart ein „einfältiges“ Bewusstsein nannte: Nur eines. Jetzt. Das reicht. Vollkommen. ///
Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe März 2025.



