„Aber indem wir so anthroposophisch empfinden wollen über das Weihnachtsfest, können wir uns nicht bloß auf das beschränken, was christliches Weihnachtsfest war oder ist.“ (Rudolf Steiner)
Bis heute ist die Weihnachtszeit eine Hochphase traditioneller Brauchtümer: Man wichtelt, räuchert und orakelt, errichtet einen Weihnachtsbaum und gedenkt im Stillen seiner Ahnen. Einige dieser Bräuche stammen aus dem Christentum. Andere sind deutlich älter und gehen zurück auf heidnische Mythen und Riten.
Schon für die vorchristlichen Völker in Europa, zum Beispiel die Germanen, waren die zwölf geweihten Nächte nach der Wintersonnenwende am 21. Dezember, die sogenannten Raunächte, eine besondere Zeit im Jahr, die mit allerlei Geschichten und Gebräuchen einherging. Das deutsche Wort „Weihnachten“ ist laut Duden urgermanisch und bezieht sich auf eben diese zwölf geweihten Winternächte.
Viele Weihnachtsbräuche, die wir bis heute pflegen, rühren nachweislich noch aus dem Altertum. Sie gehen mithin auf eine Weltanschauung zurück, die von magischem Denken und Handeln geprägt war. Die Interaktion mit der geistigen Wirklichkeit galt damals nicht als Aberglaube oder Esoterik, sondern war etwas völlig Normales: Jeder brachte Göttern Opfergaben dar, kommunizierte mit Natur- und Hausgeistern und führte Gespräche mit verstorbenen Verwandten.
Im Folgenden werden sieben heidnische Weihnachtsbräuche vorgestellt, die im magisch-schamanischen Weltbild der Germanen wurzeln und meistenteils auch heute noch bekannt und in Gebrauch sind. Man mag vielleicht nicht mehr so ganz an ihre Wirkung glauben. Aber ihnen allen wohnt noch immer eine besondere Magie inne, die offenkundig stark genug ist, dass diese Bräuche seit Jahrhunderten und Jahrtausenden mindestens einmal im Jahr begangen werden.
1. Der Weihnachtsbaum
Ein Paradebeispiel für das magisch-schamanische Weihnachtsbrauchtum ist gewiss die noch heute weitverbreitete Sitte, sich einen immergrünen Weihnachtsbaum ins Haus zu holen und diesen festlich zu schmücken. Zwar lässt sich diese Tradition erst recht spät konkret nachweisen. Aber geisteswissenschaftliche Rekonstruktionen deuten darauf hin, dass der Weihnachtsbaum vorchristliche Wurzeln hat und auf den heidnischen Weltenbaum zurückgeht.
In den Augen C. G. Jungs ist der Weihnachtsbaum ein uralter Archetyp: Er sei mit dem „Weltenbaum“ identisch und gehe ursprünglich zurück auf „Yggdrasil, die Weltesche der nordischen Mythologie, einen erhabenen immergrünen Baum im Weltmittelpunkt“. Für Jung sind die „Kugeln“ am Weihnachtsbaum „nichts anderes als die Himmelskörper Sonne, Mond und Sterne“ und er erkennt im Weihnachtsbaum „ein uraltes schamanistisches Motiv. Der Schamane besteigt in Ekstase den magischen Baum, um in den Himmel, in die Oberwelt zu kommen, wo er zu seinem eigentlichen Selbst gelangt. Indem er den magischen Baum, der zugleich auch ein Erkenntnisbaum ist, erklettert, wird er seiner wahren und umfassenden geistigen Persönlichkeit habhaft“.
Demnach holte man sich ursprünglich also einen Weihnachtsbaum ins Haus, um eine Art Verbindung zwischen dem menschlichen Haus (Mikrokosmos) und dem göttlichen Himmelreich (Makrokosmos) herzustellen, gleichsam zwischen dem Menschen- und dem Gottesgeist.
2. Das Wichteln
Ein weiterer beliebter Weihnachtsbrauch ist das sogenannte Wichteln. Weniger bekannt als der Brauch selbst ist allerdings sein Ursprung im Geisterglauben der Germanen und im vorchristlichen Opferritus an die Natur- und Hausgeister.
Wichtel oder Wichte sind Wesen aus der germanischen Mythologie und nordischen Folklore. In alten Volksmärchen treten sie als zwergenartige, meist gutmütige Haus- und Hofgeister in Erscheinung, als Kobolde und Heinzelmännchen. Im skandinavischen Brauchtum kennt man bis heute den Nisse und den Tomte, Wichtel, die den Weihnachtsmann begleiten. Und schon in den altnordischen Quellen werden die Wichte mit der Weihnachtszeit assoziiert, nämlich mit dem mittwinterlichen Julfest, bei dem diesen Wesen geopfert wurde. Der Mediävist Claude Lecouteux vermutet, dass das große germanische „Opfer an die Alben“ ursprünglich zu Ehren der Wichte in der Julzeit stattfand. Dieses Opfer wurde im Haus vollzogen und von den Hausfrauen angeleitet.
Anders als heute wurden im Altertum also zunächst einmal die Wichtel beschenkt. Mit Opfergaben und Geschenken versuchte man diese Wesen aus der Anderswelt milde zu stimmen. Noch bis in die Neuzeit brachte man ihnen Speise- oder Trankopfer dar, stellte ihnen eine Schale Milch neben den Herd oder hinterließ ihnen ein paar Nüsse, Brot und Äpfel auf den Stufen vor der Haustüre. Im Gegenzug erhoffte man sich Schutz und Haussegen von ihnen.
3. Das Orakeln
Ein Brauch, der in der Weihnachtszeit bis heute gang und gäbe ist, ist das Orakeln. Spätestens an Silvester wird in vielen Haushalten auch heute noch das Blei- bzw. Wachsgießen praktiziert, um nur ein Beispiel zu nennen. Aber schon immer wurde diese Zeit genutzt, um mithilfe verschiedener wahrsagender, mantischer Methoden Auskunft über die Zukunft zu erhalten, etwa die Ernte, die Gesundheit oder die Liebe betreffend. Nicht umsonst werden die Raunächte traditionell auch als Orakelnächte bezeichnet.
Unter den alten Germanen war vor allem das Losorakel weit verbreitet, bei dem man mit magischen Zeichen versehene Holzstäbchen auf ein weißes Laken warf, nacheinander drei davon zog und diese auf eine vorher festgelegte Fragestellung hin deutete. Laut Caesar wurde dieser Brauch von den „Familienmüttern“ ausgeführt, laut Tacitus vom „Hausvater“. Aber auch die mantische Praxis, dem Herdrauch Auskunft über Zukünftiges und Verborgenes zu entnehmen, war bereits den Germanen bekannt, wie frühmittelalterliche Quellen belegen. Der Brauch, in jeder der zwölf Raunächte ein Orakel durchzuführen, das jeweils Aufschluss gibt über einen der zwölf Monate des anstehenden Jahres, geht vermutlich ebenfalls auf die Germanen zurück.
4. Das Lauschen
Die Raunächte werden auch „Losnächte“ genannt. Allerdings bezieht sich dieses Wort nicht auf das bereits beschriebene (aktive) „Losorakel“, sondern auf das (passive) „Lauschen“. Das zugrundeliegende althochdeutsche Wort ist (h)losen, das heißt: „lauschen, heimlich hören“. Diese Form der mantischen Praxis ist heute weitestgehend in Vergessenheit geraten.
Neben dem Hellsehen spielte im heidnischen Altertum das Hellhören eine bedeutende Rolle. Man achtete auf akustische Omina. Antike und mittelalterliche Quellen belegen, dass schon die vorchristlichen Völker dem Gesang der Vögel und dem Gewieher der Pferde besondere Bedeutung beimaßen. Der Bauer horchte beim Ackern in den Erdboden hinein, die Bäuerin beim Wasserholen in den Brunnen. In der kalten, dunklen Winterzeit, wenn man sich abends um den warmen Herd versammelte, lauschte man dem Knacken und Knistern des Feuers, um daraus Rückschlüsse auf Zukünftiges zu ziehen. Ein noch in der Neuzeit belegter volkstümlicher Brauch besteht außerdem darin, an die Haus- oder Stallwand zu klopfen und auf Antwort zu warten.
5. Das Räuchern
Nicht nur in der Kirche liegt zu Weihnachten der Duft von Weihrauch in der Luft, sondern auch in vielen Privathaushalten. Bis heute gibt es gar nicht wenige, die die Raunächte zum Räuchern nutzen. Sie stehen damit in guter Tradition, denn seit alters finden zu dieser Zeit Rauch- und Räucherbräuche statt. Tatsächlich leitet sich vermutlich sogar der Name selbst, Raunächte, vom althochdeutschen Wort rouh „Rauch“ ab. Raunächte sind demnach Räuchernächte.
Geräuchert wurde aus mehreren magischen Gründen. Einerseits räucherte man das Haus, um es von negativen Energien und Entitäten zu reinigen. Dem Weihrauch wurde die Kraft zugesprochen, böse Geister zu vertreiben sowie Unheil und Krankheit von den Hausbewohnern abzuwenden. Andererseits wurde geräuchert, um gute Geister anzulocken und um das Haus den Göttern zu weihen. Man spricht dann vom Rauchopfer. Der Rauch galt als die Nahrung der Götter. Nicht zuletzt spielte natürlich das Rauchorakel eine große Rolle, bei dem man sich kontemplativ in den aufsteigenden Dampf versenkte und auf Visionen hoffte.
Einige der Pflanzen, die verräuchert wurden, waren halluzinogen, etwa das Schwarze Bilsenkraut. Die meisten Pflanzen, die verwendet wurden, waren aber subtiler in der Wirkung, zum Beispiel der Wacholder, dessen Unheil abwendende Bedeutung sich im gesamten Altertum nachweisen lässt, oder der Beifuß, jene echt germanische Zauberpflanze. Auch mit Waldweihrauch und Kiefernharz wurde geräuchert, um die Götter zu nähren, das Haus zu segnen und die Zukunft zu schauen.
6. Das Tischbereiten
Ein weiterer Weihnachtsbrauch, der heute nur noch von wenigen begangen wird, ist das Decken des Tisches mit Geschirr und Speise am Weihnachts- oder Neujahrsabend, bevor man schlafen geht. Es handelt sich um einen alten Opferbrauch zu Ehren der Götter und Geister, aber auch der Ahnen und verstorbenen Familienmitglieder, die in dieser Nacht unsichtbar am Tisch sitzen, schmausen und feiern.
Kultische Totenmahle sind schon für die frühmittelalterlichen Germanen belegt. Bis in die Neuzeit hinein wird vom Brauch des Tischbereitens berichtet, meist übrigens in christlichen Quellen, die diese heidnische Praxis verbieten; die letzten Berichte sind aus dem 19. Jahrhundert.
7. Das Draußensitzen
Der folgende Brauch wird heute wohl von beinahe niemandem mehr begangen. In der Vergangenheit zählte er jedoch zu den zentralen Kultpraktiken der Weihnachtszeit. Die Rede ist vom sogenannten „Draußensitzen“. Dabei verließ man in der Weihnachtsnacht das Haus und setzte sich mit einem Kuhfell auf einen Kreuzweg, um zu meditieren und mystische Eingebungen zu erhalten. Man stellte einen Kontakt zu den Naturgeistern und Totengeistern her, oder man versuchte, Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges hellsichtig zu schauen und hellhörig zu erlauschen. Überliefert ist zudem der Brauch, sich in der Neujahrsnacht auf das Hausdach zu setzen, um das neue Jahr vorauszusehen. Man sprach auch vom „Orakelsitzen“.
Das Draußensitzen wurzelt im magisch-schamanischen Kultus der Germanen. Im altnordischen Gulathingslög heißt es: „Draußensitzen, um Trolle (von den Toten) aufzuwecken“. Die Germanen setzten sich auf ein Hügelgrab oder auf ein erhöhtes Zaubergestell und riefen die Geister mit Zauberliedern bewusst herbei.
Andenken und Wiederverbindung
In seinem Vortrag vom 27. Dezember 1910 in Stuttgart betont Rudolf Steiner, dass es nicht genüge, sich bei der Betrachtung des Weihnachtsfestes auf die christliche Sichtweise zu beschränken: Man müsse auch die „Gefühle und Empfindungen“ derjenigen miteinbeziehen, die schon „vor der Einführung des Christentums“ in „den Gegenden Mitteleuropas“ das „Julfest“ begingen „zu den Zeiten, die entsprechend waren jenen, in denen heute das Weihnachtsfest herankommt“. Denn darin sei „wirklich noch ein Nachklang alter hellseherischer Kräfte“ vorhanden mitsamt der realen Möglichkeit, „das innere Göttliche“, „das höchste Licht des Geistes“ während der Wintersonnenwende wahrzunehmen: „Und das, was sich anschloss an diese Stimmung, war etwas, was uns so recht zeigen kann, wie lange im Grunde genommen das Andenken an die alten hellseherischen Zustände aller Völker gerade in Mittel- und Nordeuropa heimisch geblieben ist“. ///
Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe Dezember 2025.



