Freisinn und Kettensäge

Menschen auf der Aussichtsplattform der Freiheitsstatue in New York. Zeitschrift info3. © National Geographic
© National Geographic

Global gesehen scheint Freiheit bedroht und gefragt zugleich. Gleichzeitig ist eine Suchbewegung zu beobachten, was Freiheit, Liberalismus und Autoritarismus eigentlich ausmacht. Zu Besuch bei dem Thinktank Republik21 in Berlin, der sich für neue bürgerlich-liberale Politik stark macht.

Viele Tweed-Sakkos und graue Haare, etliche elegante Mittfünfziger, aber auch junge Damen in schwarzen Strumpfhosen und joviale Männer Anfang 20, die mit blitzenden Augen der Diskussion folgen: So stellt sich die Szenerie im Maritim Hotel in Berlin Mitte an diesem Novembertag dar, und so extrem polarisiert wie das Publikum wirkt auch der Diskurs auf den Podien: Die Denkfabrik Republik21 hatte zur Konferenz „Freiheit in der Krise? Zur Zukunft des Liberalismus“ geladen und viele teils hochkarätige Referent:innen und Gäste waren dem Ruf gefolgt.

Eine Personalie schwebt über dem Event, denn kurz zuvor war Javier Milei in Argentinien als Präsident wiedergewählt worden. Man merkt schnell, dass dessen libertäre Haltung, die mit einer fast religiösen Ablehnung des Staates einhergeht, hier beliebt ist. Libertäre lehnen den Staat komplett ab, während Liberale bei einer Betonung des Individuums dem Staat gewisse Spielräume lassen wollen. Bekannt wurde in diesem Zusammenhang die von Javier Milei geschaffene Metapher der „Kettensäge“: Staat, Steuern, Bürokratie und wirtschaftliche Regulierung wollte er verschlanken, notfalls mit grobem Gerät. In Argentinien scheint das angesichts einer seit Jahrzehnten angewachsenen Posten-Beschaffungs-Mentalität im Staatsapparat nicht einmal unverständlich. Ob das von Erfolg gekrönt ist, wird zwiespältig beurteilt, jedenfalls sind weite Teile der deutschen Öffentlichkeit grundsätzlich gegen den Argentinier eingestellt. Hier auf der Veranstaltung ist es anders: „Ganz sicher braucht es eine libertäre Kraft in Deutschland. Der Vordenker und Vormacher dafür heißt Javier Milei“, sagt die notorische Frauke Petry, ehemalige AfD-Mitgründerin und mittlerweile bei Team Freiheit unterwegs.

Minimalkonsens und Differenzen

Man muss es den Veranstaltern hoch anrechnen, dass sie eine wirkliche Vielfalt an Referent:innen für das Podium gewinnen konnten – Gerüchte kommen mir zu Ohren, die Veranstaltung hätte eigentlich im Genscher-Haus stattfinden sollen, aber durch die Einladung von Frauke Petry in ein neutrales Hotel verlegt werden müssen. Auch manch anderer Teilnehmer hat sich seine Zusage wahrscheinlich zweimal überlegt: Damian Boeselager von Volt Europa macht daraus keinen Hehl: „Es gibt hier so unglaublich viel, dem ich nicht zustimme.“ Als Minimalkonsens sieht er jedoch „eine liberale Demokratie, die wir alle wollen!“ Mit Petry und dem Philosophen Sven Gerst diskutiert er mehr als lebhaft über grundlegende weltanschauliche Fragen zum Liberalismus. Der Philosoph vertritt die These, es gäbe eine kosmopolitische und eine nationalistische Ausprägung der liberalen Demokratie – für ihn mit deutlichen Sympathien für die kosmopolitische, weltoffene Variante. Für Boeselager ist die Hauptunterscheidung die zwischen liberal und illiberal, wofür ihm Orban, Trump und natürlich die AfD gelten. Auf die Frage des Moderators, wie viele Illiberale es denn bei den Grünen, den Linken und Volt gäbe, bringt Boeselager nur die Floskel vom demokratisch zulässigen Spektrum der Wählerschaft, womit für ihn der Fall bei dieser Veranstaltung erledigt ist – und er selbst auch. Der Saal kocht, als Boeselager dem liberalen Vordenker Hayek eine Parteinahme für ein bedingungsloses Grundeinkommen in den Mund legt, weil man ja frei wählen können sollte, ob man einem Arbeitsvertrag zustimmt. Die versammelte konservative Elite protestiert lauthals, sodass er schließlich zurückrudern muss. Man solle Freiheit nicht als Abwesenheit von Zwang verstehen, sondern positiv als Entfaltung. Bashing von Linken und Grünen, was hier schon zum guten Ton gehöre, finde er langweilig.

Die Nervosität überträgt sich auf das Auditorium. Ein älterer Mann mit weißen Haaren und rotem Pullunder beschwert sich mehrfach bei seinem Hintermann, dass er an seinem Stuhl wackele. Der, mit hippem Bart und Glatze, beteuert seine Unschuld. Der Übeltäter sitzt eine Reihe vor dem Beschwerder neben mir mit restless leg Syndrom, unablässig mit den Füßen wippend. Er ist um die 30, Jurist, Ostdeutscher und Fördermitglied bei R21. Mit ihm gemeinsam spreche ich beim Empfang voller Delikatessen mit vielen weiteren Gästen: Ein sehr schöner Mann Mitte 40 leitet einen Rüstungs-Fonds und ist nur mal aus Interesse hier, weil ihn die Frage nach Freiheit umtreibt. Ein etwas vorsichtiger Unternehmer aus Stuttgart genießt, leicht überfordert wirkend, die Hauptstadtluft. Eine hübsche junge Frau mit Locken diskutiert angeregt mit uns: sie sei Jüdin mit Migrationshintergrund und wählt die AfD. Ein Boomer war Vorsitzender der Grünen in Baden-Württemberg und arbeitet jetzt als Lobbyist. Ein Privatier in eleganter Kleidung prahlt, dass er vier Kinder habe, zwei Exfrauen und sich nach dem Verkauf seines Unternehmens nun seinem Landsitz widme, was er mir ungefragt zur Nachahmung empfiehlt. Befremdlich wirken auf mich zwei Herren in Bayerischen Lodenjacken, die sich als Emblem konservativ-bürgerlicher Politik eignen würden.

Demokratie muss gelebt werden

Vor dem Hotel hört man unzählige verkleidete Jecken den Karnevalsbeginn begießen. Im Saal spricht ein etwas maskenhaft wirkender Christian Dürr, Bundesvorsitzender der FDP, über die Zukunft der Partei. Es gehe darum, die Freien Demokraten im persönlichen Kontakt mit den Mitmenschen wieder attraktiv werden zu lassen. Das kommt hier nur bedingt gut an, weil zu wenig Substanz dahinter erkennbar ist. Ganz anders als einer der heimlichen Stars des Abends aufs Podium steigt: der über 80-Jährige Schweizer Publizist Frank A. Meyer. Linda Teuteberg spricht etwas Wahres aus als sie sagt: „Die Schweiz ist wohl das Traumland aller hier Anwesenden, weil der Liberalismus dort lebt.“ Frank A. Meyer betont, wie in der Schweiz der Bürger als Souverän zum Amt gehe und bedient werde, während in Deutschland die Verhältnisse radikal umgekehrt seien: der Staat als Gängeler seiner Untertanen. Schon in der Bibel sei verankert, dass Freiheit „eine tiefe, existenzielle Kraft und eine Frage der Praxis, nicht der Theorie“ sei. Dafür brauche es „Freisinn“ in der Politik. „Erschrecken Sie nicht!“, versetzt der Schweizer charmant: „Freiheit ist Sinnlichkeit! Liberale Demokratie muss nicht erneuert, sondern gelebt werden. Letztlich ist Freisinn das Urbedürfnis des Menschen und wenn man ihn lässt, dann lebt er freiheitlich.“

An diese starken Sätze kommt der Rest der Veranstaltung nicht mehr heran. Der Ökonom Jan Schnellenbach berichtet, wie sich empirisch gezeigt habe, „dass wirtschaftliche Freiheit und politische Freiheit meist zusammengehen.“ FAZ-Journalist Rainer Hank schlägt den Bogen wieder zu Milei und fragt: „Wie lange muss ein Land abrutschen, bis nur noch die Kettensäge hilft?“ Dazu sagte Markus Lanz in einem Podcast kürzlich, in Deutschland werde höchstens mit der Laubsäge gearbeitet. Martin Hagen, Geschäftsführer der Denkfabrik R21, betont: „Man muss nicht alle Überzeugungen von Javier Milei teilen, zum Beispiel glaube ich, dass die liberale Staatsskepsis eine Tugend ist, die anarchokapitalistische Staatsverachtung hingegen ein Exzess.“ Was deutsche Liberale aber von ihm lernen könnten, sei, „wie man Menschen mit Leidenschaft und klarer Kante für die Idee der Freiheit begeistert.“ Freiheit beginne „mit der Anerkennung des Anderen als freiem, gleichberechtigtem Menschen.“

Dafür das kulturelle Fundament zu bauen, sieht der R21-Vorsitzende Andreas Rödder in seinem Abschlussplädoyer als Aufgabe des Thinktanks: „Uns geht es nicht um den Schaum auf der Welle, sondern um die Tiefenströmung.“ Ob die ihm vorschwebende „Gesellschaft der gestaltungsfähigen Bürger“ entstehen wird, daran haben die beim Empfang munter weiter debattierenden Menschen ihre Zweifel, auch wenn die Bekenntnisse in diese Richtung vollmundig sind. Wird die Sanierung unserer Demokratie eher durch Freisinn oder durch die Kettensäge gelingen? Wahrscheinlich braucht es beide Energien, das Weitblickende, Intuitive ebenso wie das Fakten schaffende Handeln. Wie stark Abgrenzungen gegen Links-Grün, den Staat und Brandmauern dabei behilflich oder hinderlich sein werden, wird die Zeit zeigen. Die Jecken im Brauhaus vor dem Hotel haben jedenfalls schon alle Mauern fallen lassen, als ich mich auf den Heimweg mache. Das Karnevaleske eines Javier Milei ist in jedem Fall erfrischend für die bierernste Politiklandschaft. ///

Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe Dezember 2025.

Diese Ausgabe kaufen:

Zeitschrift info3, Dezember 2025 - Cover

Die Zeitschrift info3 abonnieren:

Zeitschrift info3 - Abonnements

Über den Autor / die Autorin

Alexander Capistran

Alexander Capistran studierte Philosophie in Berlin, an der Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues und an der Universität Witten/Herdecke. Er
arbeitet als Organisationsentwickler bei Gravitage.org und als
Publizist, lebt bei Dresden und promoviert über die Philosophie der
Mobilität. Seit Januar 2021 ist er Mitarbeiter in der info3-Redaktion.