Die 55jährige Patientin kommt regelmäßig in die Praxis und jedes Mal wog sie bis vor kurzem ein wenig mehr. Das Gewicht belief sich zuletzt auf 128 Kilo bei einer Größe von 165cm. Sie hat viele Beschwerden und jedes Jahr kommen weitere hinzu. Erst die Gewichtszunahme, dann Diabetes, der hohe Blutdruck, die Depression, die Arthrose, die Schmerzen. Die Klagen wiederholen sich seit Jahren, ja schon seit Jahrzehnten. Anregungen zu einer Lebensstiländerung verpuffen regelmäßig. Von sich aus möchte sie nichts tun.
Vor einem Jahr wurde sie vom Diabetologen auf die „Abnehmspritze“ Ozempic eingestellt. Der Wirkstoff Semaglutid ahmt die Wirkung des körpereigenen, im Darm produzierten Hormons GLP-1 nach, welches den Blutzuckerspiegel und das Sättigungsgefühl reguliert. GLP-1 hemmt den Appetit, fördert das Sättigungsgefühl und verzögert die Magenentleerung. Das führt häufig zu einer Gewichtsabnahme, die das Fettgewebe, aber leider auch die Muskulatur betrifft. Das Vorbild für den Wirkstoff fand sich im giftigen Speichel der Gila-Krustenechse, die in den Wüstenlandschaften im Süden der USA und Nordmexikos zuhause ist. Dieses „lebende Fossil“, das sich seit Jahrmillionen kaum verändert hat, hat einen extrem langsamen Stoffwechsel und ist in der Lage, Monate, sogar Jahre ohne Nahrungsaufnahme zu überbrücken. Sie verkörpert in höchstem Maß, was dem Adipösen fehlt: Genügsamkeit, Maßhalten und eine fast stoische Ausdauer. Das Tier wird seit Urzeiten von den indigenen Völkern der Region als Gottheit verehrt.
Der Abnehm-Spritzen-Hersteller Novo Nordisc war 2023 das wertvollste Unternehmen Europas. Seitdem verflachte der Hype allmählich und die Konkurrenz holte auf. So ähnlich ging es auch unserer Patientin. Zwar sank ihr Gewicht deutlich um 8 Kilo und der Blutzuckerspiegel stabilisierte sich. Doch das geschah auf Kosten ihres letzten Genusserlebens: Sie kann nur noch wenig essen, ist schnell gesättigt und es schmeckt ihr auch kaum noch. Parallel verliert sie an Muskelmasse, deshalb ist nun das Laufen unsicherer geworden. Bei anderen Patienten sind nach der Spritze Gallensteine und Bauchspeicheldrüsenentzündungen aufgetreten. Im Tierversuch waren Schilddrüsenkarzinome zu finden, es werden sogar Sehnervenschäden mit Erblindung als Therapiefolge diskutiert. Der Glanz der vermeintlich allmächtigen „Abnehmspritze“ beginnt zu verblassen. Und doch hat sie einen Nerv der Gesellschaft getroffen.
Medikamentöse Stoffwechsel-Unterstützung
mit Arzneimitteln der Anthroposophischen Medizin und der Pflanzenheilkunde
Taraxacum (Löwenzahn) ist besonders zur langfristigen Lebertherapie bei Adipösen geeignet. Er hilft, mit dem inneren „Vermüllungssyndrom“ des Industriezeitalters umzugehen und dem Überfluss entgegenzuwirken:
Taraxacum Stanno cultum D2 Tropfen (Weleda) 2–3 mal täglich 15 Tropfen oder Taraxacum e planta tota D3 oder D6 WALA morgens und abends 10 Globuli
Bei Fettleber mit und ohne Entzündung gibt es nichts Besseres als Extrakte aus der Mariendistel:
Silymarin-Loges 3 mal täglich 1 Kapsel oder Carduus marianus e fructibus D3 WALA 3x täglich 10 Globuli
Die bitterstoffreiche Wegwarte unterstützt die rhythmischen Abläufe im Stoffwechsel und hilft, einen gesunden Essrhythmus zu gestalten z.B. bei der Einübung einer Intervalldiät:
Cichorium e planta tota 5% Globuli (WALA), 1–3 mal täglich 10 Globuli
Phosphorus D6 Tropfen (Weleda) fördern die Willensaktivität und wirken anregend auf den Zuckerstoffwechsel, 2 mal täglich 5 Tropfen morgens und mittags.
Rosmarin (Rosmarinus recens D1 Tropfen, Rezepturarzneimittel zu beziehen über die Apotheke an der Weleda (apowelis.de) und CERES Rosmarinus recens Urtinktur) wirkt psychomotorisch anregend, fördert seelische Klarheit und Konzentration, 2 mal täglich 5–10 Tropfen morgens und mittags.
Äußerlich haben sich Bäder mit Meersalz und Rosmarin Aktivierungsbad (z.B. von Weleda) bewährt, um den Stoffwechsel anzuregen und Ablagerungen entgegenzuwirken, z.B. bei diabetischer Stoffwechsellage.
Achtsamkeit oder Gier?
Es ist tatsächlich Zeit zu erkennen, dass Adipositas, zu Deutsch Fettsucht, eine schwerwiegende Erkrankung darstellt und entsprechend intensiv behandelt werden muss. Heute sind weltweit etwa eine Milliarde Menschen übergewichtig, die Zahlen schwanken von zwei Prozent in Vietnam und 75 Prozent in Samoa im südwestlichen Pazifik. In Deutschland betrifft Adipositas etwa jeden fünften Bürger. Fettleibigkeit ist kein Phänomen allein der „entwickelten“ Staaten. Sie ist sogar mehr zu einem Problem der Ärmeren geworden und sehr viel seltener in gebildeten Schichten zu finden. In den 1960er Jahren füllten Bilder von Hungersnöten die Gazetten. Heute ist das Übergewicht eine Not epidemischen Ausmaßes. Über die Ursachen ist man sich inzwischen fast gänzlich einig: Sie liegen vor allem in der Vorliebe der Betroffenen für hochverarbeitete Nahrungsmittel. Letztlich reicht ein Besuch in einem Bioladen und dann direkt zum Vergleich in einer Supermarktkette, um Aufschluss über die aktuellen Ernährungsgewohnheiten zu bekommen. Im Bioladen dominieren achtsam wirkende, zurückhaltende und meist schlanke Konsumenten, im konventionellen Supermarkt dagegen regiert die unkontrollierte Lust auf alles, was die Werbung gerade als schmackhaft, praktisch oder sogar „gesund“ verkauft und was in schier endlos langen bunten Regalreihen präsentiert wird.
Der anthroposophische Ansatz
Es wird deutlich, dass der Verlust ätherisch-kraftvoller Nahrungsmittel den Menschen insbesondere im Stoffwechselbereich schwächt, bis dieser zu „streiken“ beginnt – mit der Folge von Regulationsstörungen, die den Boden für praktisch alle Zivilisationskrankheiten von Herzinfarkt bis Krebs bereiten. Davon war im ersten Teil dieses Artikels in der Novemberausgabe die Rede.
Rudolf Steiner spricht in seinem Dreigliederungskonzept vom Stoffwechsel-Gliedmaßen-System. Mit diesem System kann ich die Welt erlaufen und mir erarbeiten (Gliedmaßensystem) oder auch die Welt innerlich erfahren durch die Ernährung (Stoffwechselsystem). Beide Möglichkeiten bestehen. Als Extreme finden wir auf der einen Seite hochaktive und durchtrainierte Triathleten, auf der anderen passive Adipöse mit einem „Apfelbauch“-Typ, der aufgrund der Fettansammlungen im Bauchraum als besonders gefährdet gilt.
Dreigliederung der Nahrungsmittel
Wie lässt sich die Ernährung konkret verbessern? Auch hier liefern die Prinzipien der Dreigliederung fruchtbare Hinweise. In Sinne der Dreigliederung ist der Mensch quasi eine umgekehrte Pflanze, wobei die Wurzel dem Kopf entspricht, die Blätter dem mittleren Bereich im Menschen (Herz/Lunge) und die Blüte dem Unterleib:
- Eiweiß (Proteine) aus Blüten und Früchten kräftigt den Stoffwechsel und die Gliedmaßen.
- Fette bilden sich primär in den Blättern und stärken das Herz-Kreislauf-System.
- Kohlenhydrate, Zucker und Salze stammen vielfach aus den Pflanzenwurzeln.
Tatsächlich sind diese Ideen in der Forschung vielfach bestätigt worden. So erhöhen Menschen, die Fitness-Trends folgen und ihr Gliedmaßensystem stärken wollen, gerne ihre Proteinzufuhr. Denn Eiweiß verleiht Körperkraft und fördert das Muskelwachstum. Zuviel davon kann Schaden anderenorts im Organismus anrichten. Heute weiß man, dass die exzessive Eiweißzufuhr, zum Beispiel über Fitness-Drinks, im Blut zu einem Anstieg der grundsätzlich unverzichtbaren Aminosäure Leucin führen kann. Überhöhte Leucin-Spiegel wirken aktivierend auf bestimmte Immunzellen (Makrophagen), welche die Gefäßwände schädigen und dadurch die Entstehung von Arteriosklerose („Gefäßverkalkung“) fördern. Weitere Folgen von zu hohem Eiweißkonsum können Belastungen von Nieren und Leber und sogar eine Förderung des Krebswachstums sein. So kontrovers das Thema Eiweiß derzeit in der Ernährungswissenschaft diskutiert wird, zeichnen sich doch zwei Erkenntnisse klar ab: Erstens kommt es nicht allein auf die Menge, sondern vor allem auf Herkunft und Qualität des Eiweißes an. Pflanzliche Proteinquellen wie Hülsenfrüchte, Nüsse, Samen, Vollkorn- und Sojaprodukte bieten deutliche gesundheitliche Vorteile gegenüber tierischen Eiweißquellen, etwa Fleisch und Wurstwaren. Zweitens haben ältere Menschen ab etwa 60 Jahren einen erhöhten Bedarf an eiweißreichen Lebensmitteln, um ihre Vitalität, Muskelkraft und Regenerationsfähigkeit zu erhalten, also geistig fit, körperlich belastbar und seelisch beweglich zu bleiben.
Bei der Vorbeugung und Behandlung von Herz- und Gefäßkrankheiten stehen die Fette im Mittelpunkt. Natives Olivenöl liefert ebenso wie Lein- oder Walnussöl nicht nur hochwertige ungesättigte Fettsäuren, sondern wertvolle Pflanzenwirkstoffe, die Entzündungsprozesse hemmen und den Zellstoffwechsel unterstützen. Daher wird vielfach eine „Mittelmeerkost“ mit vielen Salaten und Gemüse empfohlen. Diese übertrifft, wenn sie authentisch ist, auch heute noch die Wirksamkeit aller konventionellen Arzneimittel. Jedoch sollten Baguette und andere Formen von industriell gefertigtem Weißbrot dabei nur eine untergeordnete Rolle spielen. Stattdessen sind Vollkornprodukte in Demeter- oder Bioqualität zu bevorzugen. Diese haben im Vergleich zu Weißmehlprodukten einen niedrigeren glykämischen Index (sie erhöhen also den Blutzucker weniger stark) und enthalten wertvolle Faserstoffe sowie schützende Inhaltsstoffe aus der Schale, welche die Vielfalt der „Darmflora“ (Mikrobiom) erhalten. Zudem sind industrielle Transfette (gesundheitsschädliche Fettsäuren, die bei der Härtung von Pflanzenölen entstehen, um diese streichfähig und länger haltbar zu machen) konsequent zu vermeiden, da sie das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Entzündungsprozesse im Körper deutlich erhöhen. Das gilt für viele Bratöle und Margarinen.
Achtung, Diabetes
Bekanntlich sind sitzende Tätigkeit, Bewegungsmangel und einseitige Kopfarbeit zentrale Themen beim Diabetes mellitus Typ 2, dem sogenannten Alterszucker. Hier muss die Zufuhr von Kohlenhydraten (Zucker und stärkehaltige Nahrungsbestandteile) reguliert werden. Das stößt häufig auf Widerstände, denn Industriezucker und Süßigkeiten haben ein hohes Suchtpotenzial. 75 Prozent des Zuckerstoffwechsels findet im Gehirn statt! Diabetikern wird daher zu Recht zur regelmäßigen Bewegung als Ausgleich geraten.
Grundsätzlich sind industriell hochverarbeitete Lebensmittel zu vermeiden. Das bedeutet jedoch nicht, dass Rohkost immer die beste Lösung wäre und jede Form der Verarbeitung als Teufelswerk anzusehen ist. Im Gegenteil, durch das Erwärmen oder Garen vieler Nahrungsmittel erleichtern und ermöglichen wir dem Körper die Aufnahme vieler wertvoller Stoffe. Reine Rohkost kann den Organismus dagegen leicht überfordern. Der Mensch ist ein Wesen der Wärme, und alle Ich-Aktivität sowie der Wille beruhen darauf. Alles im Menschen muss erst einmal in die Wärme gebracht werden. Das gilt auch für die Ernährung.
Die Gestaltung unseres Essrhythmus‘ spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Wenige, klar strukturierte zwei bis drei Mahlzeiten mit längeren kalorienfreien Pausen entlasten und unterstützen das Stoffwechselsystem bei seiner Tätigkeit. ///
Über die Autoren:
Johannes Wilkens und Frank Meyer sind anthroposophische Ärzte und Gesundheitsautoren. Gemeinsam haben sie Bücher und in Zeitschriften veröffentlicht und geben Vorträge und Workshops.
Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe Dezember 2025.



