Eine Reise ins innere Atlantis

Alexander Kluge Foto: Martin Kraft / Wikipedia

Vor kurzem ist der bedeutende Filmemacher und Zeitbeobachter Alexander Kluge gestorben. Wenig bekannt ist, dass er zusammen mit dem Regisseur Andrej Tarkowski einen Film über Atlantis und Rudolf Steiners Akasha-Ideen machen wollte. Eine Erinnerung daran, wie sich zwei poetische Geister den rätselhaften Ausführungen Steiners zu nähern versuchten.

Rudolf Steiners Aufsatzsammlung Aus der Akasha-Chronik gehört wohl zu den kryptischsten Texten, die jemals geschrieben worden sind. Wenn man darin nicht nur ein Plagiat früherer theosophischer Autoren (Scott Elliott oder Blavatsky), sondern eine eigenständige Schau von Steiner sehen will, so bleibt doch offen, wie sich das darin Geäußerte mit unserer heutigen Weltsicht vertragen soll. In diesem Text beschreibt Steiner die Entstehung des Menschen nicht als immer komplexere Organisation von Materie, sondern als ein Herabsteigen von „Seelen- oder Astralvorfahren des Menschen” auf eine urzeitliche, noch „dunst- und dampfförmige” Erde. Dort „bildeten sie sich ätherische Leiber. Dieselben hatten eine länglich elliptische Form, doch waren durch zarte Schattierungen des Stoffes Gliedmaßen und andere später zu bildende Organe bereits veranlagt”, so Steiner. Dies soll in einer Zeit weit vor den uns bekannten Hochkulturen geschehen sein, in der sogenannten  „hyperboräischen Epoche“, benannt nach einem Mythos der Griechen von einem hoch im Norden lebenden Volk, wo ewiger Frieden herrscht und Apollo seine Winter verbringt. Für Steiner ist das kein Mythos, sondern eine historische Tatsache, die jedoch nur dem mit „übersinnlicher Erkenntnis“ ausgestatteten Menschen zugänglich ist. Später entwickelten sich die Hyperboreer zu der Bevölkerung von Atlantis weiter, für Steiner ebenfalls eine reale historische Größe. In diesem wässrig-diffusen Reich, an das laut Steiner der germanische Mythos von „Nebelheim“ erinnert, bildeten die Menschen allerlei wundersame Fähigkeiten aus, wie etwa die Beherrschung der in den Pflanzensamen schlummernden „Lebenskraft”.

Die Führer dieser unserer „atlantischen Vorfahren” hätten ihre Weisheit von „höheren, nicht unmittelbar zur Erde gehörenden Wesenheiten erhalten” und seien daher „Boten der Götter” genannt worden. Zu Beginn der Flutkatastrophe, die Atlantis schließlich verschlang, habe der höchste dieser Führer die „Befähigtesten“ der Atlantier nach Innerasien geführt, um von dort aus neue Menschheitskulturen zu begründen. Steiner behauptet, dass der heutige Mensch durch eine spirituelle Entwicklung seiner Denkfähigkeiten in die Lage versetzt werden könne, diese Ereignisse der Urzeit zu schauen und damit die Kulturgeschichte um Hunderttausende von Jahren zu verlängern.

All dies ist für den heutigen Zeitgenossen, der mit dem historischen und archäologischen Wissen unserer Tage aufwächst, schwer verdaulich, zumal Steiner nicht etwa als Dichter daherkommt, sondern mit einem wissenschaftlichen Anspruch. Daher stürzen sich Steiner-Kritiker gerne auf diese z. T. bizarr klingenden Passagen, um sich dann schon des Echos der meisten Leser sicher zu sein: hier spricht ein verrückter Esoteriker, der im Besitze letzter Wahrheiten zu sein glaubt, aber in Wirklichkeit nicht mehr zwischen überprüfbaren Beobachtungen und Halluzinationen unterscheiden kann.

Stellt sich dann noch heraus, dass Inhalte wie „Atlantis“ auch gelegentlich in Heften von Waldorfschülern auftauchen, wird die Entrüstung noch größer. Man befürchtet, dass die Köpfe der Jugendlichen mit okkulten Inhalten vernebelt würden und die Errungenschaften der Aufklärung auf dem Spiel ständen.

Anregende Zumutung

Ich gebe zu: Auch ich stehe immer wieder ratlos vor Steiners Darstellungen der Akasha-Chronik, die ich kaum anders als mythologisch oder literarisch verstehen kann, gerate aber dadurch keineswegs in so helle Aufregung wie manche Kritiker. Doch die Texte bleiben ein Rätsel, eine Zumutung, wenn auch eine durchaus anregende. Für meinen Film Abenteuer Anthroposophie habe ich viele Anthroposophen zu diesem Thema befragt, aber von keinem eine wirklich befriedigende Antwort erhalten. Ich hatte den Eindruck, dass auch sie diese Texte nicht mit unserer heutigen Lebenswirklichkeit vermitteln können, aber aus bestimmten Gründen an der Autorität Steiners festhalten. Manche glauben, dass unsere Erkenntnisorgane diese Inhalte später einmal begreifen können.

Wie erstaunt war ich nun zu erfahren, dass die beiden von mir hochgeschätzten Filmregisseure Alexander Kluge und Andrej Tarkowski eine Verfilmung von Steiners Buch Aus der Akasha-Chronik geplant hatten. Im ersten Band seines Werkes Chronik der Gefühle hat Kluge davon berichtet. Auch dies ist ein kryptischer Text, der eigentlich nur aus ein paar Ideen zu dem Projekt besteht, das wegen Tarkowskis Tod im Dezember 1986 nicht mehr zustande kam. Trotzdem ist die Beschäftigung mit dem Essay lohnend, weil man lustvoll daran teilnehmen kann, wie zwei freie poetische Geister sich den rätselhaften Ausführungen Steiners nähern.

Kluge und Tarkowski wollten keine jener archäologischen Expeditionen nach Atlantis unternehmen, wie wir sie immer wieder im Fernsehen präsentiert bekommen. Sie sind auch keine gläubigen Adepten, die Steiner überall wörtlich nehmen. Aber als Künstler sind sie daran interessiert, was Bilder und Mythen in der menschlichen Seele auslösen können – und sie kennen natürlich auch die Lust an der Provokation. Anders als Wissenschaftler spielen sie gerne mit unserem Verständnis von „wirklich“ und „unwirklich“, von „Mythos und „Realität“ und lassen sich mit einer kindlichen Freude auf die untergründigen Wirkungen auch bizarr klingender Theorien ein.

Eingang zur Unterwelt

So erzählt Tarkowski Kluge, er habe bei Neapel einen uralten Brunnen entdeckt, von dem schon der griechische Dichter Ovid gesprochen habe. Der Eingang zu ihm sei jedoch unter dem Boden einer christlichen Kapelle verborgen, über die man wiederum ein modernes Landhaus gebaut habe. Er habe an diesem Ort, so Tarkowski, das Gefühl gehabt, „dass der Weg … unterhalb des Bodens zu einem jener Brunnen führt, die die Verbindung zur Unterwelt herstellen.” Kluge entgegnet, dort zu filmen wäre sinnlos, weil man dabei doch nichts im Sinne von Rudolf Steiner finden würde. „Nein”, erwiderte Tarkowski, „aber jene Empfindung, wenn Sie sie teilen (und dazu müssen wir gar nicht nach Süditalien fahren, es genügt, wenn Sie es mir hier in diesem Zimmer nachempfinden und bestätigen), werde der seismographische Führer sein, der die Bilder lenkt.”

Das Bild verrät einiges von den geheimen Intentionen der Regisseure. Die von Steiner geschilderte spirituelle Herkunft der Menschheit wird nur zugänglich, wenn ich durch verschiedene Zivilisationsschichten zu einer Art verschüttetem Urquell hinabsteige. Jedoch nicht buchstäblich, sondern geistig-seelisch. Es ginge, so äußert sich Kluge mir gegenüber im Gespräch, um das Auffinden des „inneren Atlantis”. Auch wenn Tarkowski solch einen Ort in Italien tatsächlich gesehen haben mag, so wirkt er jetzt eher als geistiger Impuls weiter. Das Landhaus symbolisiert vielleicht unsere Gegenwart mit ihrer darwinistischen Schöpfungserklärung, die Kapelle darunter die biblische Genesis, aber noch tiefer liegt ein anderer Mythos, der die Filmemacher besonders zu erregen scheint. Kluge nennt ihn den „Brunnen der Götter” und meint damit wohl eine häretische Spur abseits der monotheistischen Traditionen, die sich nur noch in okkulten und mystischen Überlieferungen findet: das geheime Wissen über die Abstammung der Menschen von göttlichen Wesenheiten, vom einstigen Herabsteigen der Seele aus himmlischen Gefilden auf die Erde, wo sie erst nach und nach ihre heutige Form gefunden hat. An eine solche esoterische Evolutionsauffassung glaubten Helena Blavatsky und Rudolf Steiner, aber solche Gedanken finden sich auch in der Kabbalah und der Gnosis sowie in manchen Schöpfungsmythen außereuropäischer Völker.

Tarkowski, so berichtet Kluge, schlug als Drehorte für die Akasha-Chronik bestimmte entlegene Täler im Hindukusch vor, wo sich angeblich noch uralte „Gärten von außerordentlicher Schönheit” befänden. Diese Gärten seien bepflanzt „nach ältesten Vorschriften von Atlantis und enthalten durch ihre Vegetation und ihre Bearbeitung Kunde von jenem Gestirn, von dem die PERFEKTEN sich ableiten. Wenn man sucht, meint Tarkowski, wird man dort auch alte Bücher finden.”

Mit den „Perfekten“ meint der russische Regisseur wohl die Eingeweihten der Katharer, die überzeugt waren, dass die menschliche Seele einst aus transzendenten Lichtreichen auf die Erde gekommen und seither als „göttlicher Funke“ im materiellen Leib gefangen sei. Durch Askese und spirituelle Übung aber könne sie sich davon wieder befreien, um dereinst wieder zu ihrer Sternenheimat zurückzukehren. Kluge und Tarkowski als verkappte Gnostiker, die in einem Film verdrängte spirituelle Inhalte wieder unters Volk bringen wollen?

Kunst als Waffe gegen die Materie

Bei Tarkowski muss einen nichts wundern, wenn man seine Filme kennt. Hier spricht ein Kino-Magier, der unter dem Materialismus der Neuzeit leidet. Für ihn ist, wie er in seinen Tagebüchern 1970-1986 schreibt, die Kunst „eine Waffe im Kampf des Menschen gegen die Materie, die seinen Geist zu verschlingen sucht.” Tarkowski dreht Filme nicht in erster Linie um sein Publikum zu unterhalten, sondern um es zum „Absoluten“ und „Unendlichen“ zu führen. Das hat er in seinem Buch Die versiegelte Zeit in einer für heutige Künstler ungewöhnlich spirituellen Sprache beschrieben. Das Kino soll dem abgefallenen Menschen von heute mit Hilfe einer suggestiven Bildsprache zeigen, dass er ein „Ebenbild“ einer höheren göttlichen Geistigkeit ist, die er durch die „Hieroglyphen“ der Kunst wieder erahnen kann. Daher auch Tarkowskis großes Interesse an Johann Sebastian Bach, Hermann Hesse, Novalis, indischer Philosophie, russischer Ikonenmalerei und japanischer Haiku-Dichtung, aber eben auch an den Schriften Rudolf Steiners.

Bereits im September 1978, während der Dreharbeiten zu Stalker, erwähnt der Regisseur in seinem Tagebuch Steiners Vortragszyklen Die Erkenntnis der Seele und des Geistes und Die Erkenntnis des Übersinnlichen in unserer Zeit. Am 31. Januar 1986 schreibt er: „Wenn ich leben werde, was für einen Film soll ich dann drehen: die Apokalypse oder die Geschichte Johannes des Täufers? Hamlet? … Das Evangelium nach Steiner? Liegt mir dieses Thema überhaupt? Ich wünschte, es würde mir liegen. Ob ich es wohl bewältigen kann? Und wie wär’s, wenn ich statt des Evangeliums nur eine Episode daraus verfilmen würde?“ Tarkowskis Vertrauen in Steiner äußerte sich wohl auch darin, dass er seine Krebserkrankung im Sommer 1986 in einem anthroposophischen Krankenhaus, der Klinik Oeschelbronn, behandeln ließ.

Aber wie steht es mit Alexander Kluge, dem wortgewandten Linksintellektuellen und Adorno-Schüler? Welches Verhältnis hat er zu Spiritualität, zu Helena Blavatsky und Rudolf Steiner? Esoterik und Wissenschaft, so sagt er mir in einem Gespräch, seien für ihn nicht unverrückbar voneinander getrennt. Kluge sieht sich weder als Wissenschaftler noch als Anthroposoph, er will in erster Linie ein Geschichtenerzähler und Bilder-Collageur sein. Auch die Wissenschaft ist für ihn nur „ein Fortsetzungsroman“, ist modellhaft, umschreibt Wirklichkeit in immer neuen Varianten, erzählt auch in Metaphern („schwarze Löcher“, „dunkle Materie“ etc.). Sie hat für Kluge keine dem Mythos von vornherein überlegene Ontologie, sondern basiert wie jener auf apriorischen Grundannahmen, die nicht empirisch ableitbar sind, sondern Erfahrung überhaupt erst ermöglichen. Realität ist für Kluge immer objektiv und subjektiv zugleich, d.h. sie „besteht aus Tatsachen und einer lebendigen Antwort“. So kann er auch Steiners Akasha-Chronik als „lebendige Antwort“ etwa auf den Darwinismus und den biblischen Schöpfungsmythos nehmen und schauen, ob etwas für ihn Wichtiges dabei herauskommt.

Poetische Geschichtsauffassung

Kluge favorisiert eine poetische Geschichtsauffassung, die sich nicht von bloßen „Tatsachen“ dominieren lässt, sondern weiß, dass Geschichte ein Gewebe aus „Fakten“, Interpretationen, Gefühlen, Bildern und Ideen ist. Geschichte, auch Ur- und Schöpfungsgeschichte, ist für ihn etwas, das von uns immer wieder neu gesucht und gefunden werden will. „Ich nehme Steiner sehr ernst”, sagt er zu mir, „auch da, wo er flunkert.”

Kluge schlägt Tarkowski als Hauptdarsteller für den geplanten Akasha-Film einen körperlich und geistig robusten Landvermesser vor, der eine Expedition in das Pamir-Gebirge leitet, wo er – ohne es eigentlich zu wollen – jene geheimnisvollen Gärten findet, die auf Atlantis zurückweisen. „Die Tiere führen unseren Helden, der nicht weiß, was er sucht”, sagt Tarkowski. „Sie wollen in jenes Tal vordringen, haben Verlangen nach dem Garten, auch wenn Tiere ‘nichts wissen’… ich sehe es vor mir, eines der schönsten Täler der Welt. Hochwüchsige weiße Pferde finden sich dort, von Lysimachos gepflanzte Baumalleen.” Etwas, das dem Spürsinn der Tiere nähersteht als unserem Verstand, soll uns in der Zeit zurückführen.

In den wundersamen Tälern zwischen den Siebentausendern des Pamir fließen Flüsse, zum Teil lange Zeit unterirdisch, mit einem Wasser, das in die Jahrtausende zurückreicht. Wer darin badet, so Tarkowski, „wird Stärke empfinden, weil die Äonen ihn durchfließen.” Er schlägt vor, alle Verschiedenheiten des Fließens zu filmen, denn „es sind die Gewässer, die die Verbindungen halten durch die Zeitalter.” Gewaltige Bergtäler, angeblich bis in die Antike zurückreichende Gärten und Bilder des Wassers sollen also den Zuschauer nach Atlantis geleiten, wo – laut Steiner – die Erde noch nebelhaft-wässrig und die menschliche Seele androgyn und ohne feste Körperhülle war.

„Tragen wir solche Stimmungen nicht immer noch in uns?“, mögen sich die beiden Regisseure gefragt haben. In Zuständen, wo wir uns männlich und weiblich zugleich fühlen, nicht festgelegt, eher schwebend als konturiert? Wo Potentiale in uns weben, die erst auf eine Materialisierung warten? Kennt nicht jeder Künstler dieses „innere Atlantis“, das Auftauchen von atmosphärischen Vorstufen zu Ideen und Projekten, die noch nicht greifbar, aber schon voller energetischer Gerichtetheit sind? Überhaupt das Wunder, dass sich Gedankliches im schöpferischen Prozess langsam in feste Formen auskristallisiert, bis es als fertiges Werk vor einem steht. Ist der Künstler nicht heimlich an die großen Schöpfungsmythen angeschlossen, bei denen sich die materielle Welt aus „Ur-Ozeanen“ (Sumerer), aus der „atmenden Leere“ (Inder), dem „Chaos“ (Griechen) oder dem mit Kräften erfüllten Raum „Ginnungagap“ (Germanen) herausbildet?

Spirituelle Lockerungsübungen

Ich denke an die vielen langen Regenfälle in Tarkowskis Filmen, die unseren auf Festlegung dressierten Verstand in solche mythischen Gestimmtheiten zurückbringen. Sind es spirituelle Lockerungsübungen, vielleicht auch sie ein Eintauchen in den „Brunnen der Götter“, wo wir wieder an Zustände der großen Ungeschiedenheit erinnert werden? Eigentlich führen viele Elemente der Tarkowski-Filme dorthin, auch die abgedämpften Farben, der Nebel, die Lichtstimmungen, die Träume und die Tonebene mit ihren Tropfen, aus der Ferne hallenden Stimmen und belebten Stille.

Kluge schlägt vor, für den Akasha-Film „Elementares“ zu verfilmen: „Den ersten Windstoß des Herbstes, den längsten Moment des Winters, die Morgenröten, von denen jede verschieden ist.” Solche Nuancen jenseits aller abstrakten und festlegenden Begrifflichkeit mögen in ähnliche Zwischenreiche führen wie die, die man beim Lesen von Steiners Atlantispassagen erlebt. Und sie werden als wirklich erlebt, weil sie in uns wirken, wobei die Frage, ob wir dabei an reale Spuren früherer Menschheitsphasen angeschlossen sind, offenbleiben kann. Wir spüren diese „Vorstufen“, dieses „Frühere“, „Ältere“, noch Ganzheitlich-Ungeschiedene im ästhetischen Erlebnis. Ein unergründlicher und offener Raum tut sich auf, aus dem unsere geistigen Ideen, Bilder und Gestalten kommen. Vielleicht auch unsere physische Gestalt?

Das Geheimnis, so schreibt Kluge in Chronik der Gefühle, liegt darin, „dass nichts von den vergangenen Reichen je verschwindet. Es zerstreut sich und überlebt in Augenblicken weit unter einer Sekunde, in Körperelementen verborgen, in der Sprache der Menschen vereinzelt, so dass nur der Initiierte etwas davon entdeckt.” Sind die heutigen Initiierten die Künstler, weil ihr besonderes Sensorium das längst Vergangene und Abgelebte wieder reaktiviert? Andrej Tarkowski, der in seinem Film Andrej Rubljow das Russland des 14. Jahrhunderts überzeugend vor unsere Augen stellte, hätte vielleicht zusammen mit Alexander Kluge auch die Akasha-Chronik zu einem faszinierenden Bilder-Leben erwecken können. Beide hätten Steiner in einen ganz neuen Diskurs gestellt, jenseits von wissenschaftlicher oder spiritueller Rechthaberei, die die Diskussion um anthroposophische Inhalte oft so unergiebig macht. Sie hätten Steiners Denkbewegungen in einen filmisch-poetischen Essay umgesetzt, in vielschichtige Collagen, die ständig zwischen Bildern, Tönen und Texten zirkulieren und die unseren Evolutionsbegriff poetisch erweitert hätten. Vielleicht wären wir mit dem Gefühl aus dem Kino gekommen, dass unsere Herkunft tatsächlich immer noch in einem geheimnisvollen Dunkel liegt und dass jede eindeutige Aussage darüber vermessen sei.

Für Kluge kann der Mensch durch das Medium der Kunst seine „Großzügigkeit“ entdecken. Er kann für einen Moment wegkommen vom manischen Unterscheiden zwischen Wirklichem und Unwirklichem, bzw. zu dem Vermögen, im Unwirklichen Wirkliches zu sehen und umgekehrt. War dies der von ihm und Tarkowski anvisierte Weg zur Erfahrung des „inneren Atlantis“? Die Ermöglichung von Erfahrungen, die nicht von den gängigen Regelsystemen von Wissenschaft, Logik und Alltagspragmatik abgedeckt sind, aber dennoch so dicht, stimmig und lebensbefördernd sein können, dass ihnen die allerhöchste Wirklichkeit zukommt? ///

Dieser Text erschien erstmals im Sommer 2008 in der Zeitschrift info3.

Rüdiger Sünner lebt als Filmemacher, Musiker und Autor in Berlin.

Über den Autor / die Autorin

Rüdiger Sünner

Rüdiger Sünner lebt als Filmemacher, Musiker und Autor in Berlin.