Fragile Aufmerksamkeit

Fragile Aufmerksamkeit, info3 Februar 2026
@Montessori-Foundation

Gegenwärtig wird bei vielen Erwachsenen ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS/ ADHS) diagnostiziert. Gemeinsam ist den Betroffenen eine erhöhte Empfindlichkeit auf Sinneseindrücke.

Schon die morgendliche Fahrt in S-Bahn oder Bus bedeutet für sie eine anstrengende Reizüberflutung. Die bei ADHS meistverschriebene konventionelle Behandlung mit Stimulanzien wie Ritalin setzt da an und dämpft für einige Stunden diese „Filterschwäche“. Das kann gleichzeitig die Kreativität beeinträchtigen und den Appetit vermindern. Eine 16jährige Patientin in meiner Praxis möchte dennoch diese Tabletten einnehmen. Ihre Schulleistungen waren auch vorher nicht schlecht, kosteten sie aber so große Konzentrationsanstrengungen, dass sie nach der Schule stets zwei bis drei Stunden schlafen musste. Mit den Stimulanzien strengt es sie wesentlich weniger an, sich zu konzentrieren und „ihre Leistung abzurufen“. In der Stimulanzienfrage ist für mich im Kindes- wie im Erwachsenenalter maßgeblich, ob der Patient oder die Patientin selbst vorwiegend eine Hilfe oder eine Beeinträchtigung durch die Tabletteneinnahme erlebt.

Unruhe oder Hyperaktivität (dafür steht das H in ADHS) und regelverletzendes, „hereinplatzendes“ Verhalten wird bei Jungen und Männern rund viermal häufiger beobachtet als bei Mädchen. Bei neunjährigen Jungen in Deutschland war 2014 jeder Siebte (13,9 Prozent) von dieser Diagnose betroffen. Im Strafvollzug finden sich weltweit rund 95 Prozent Männer – davon geschätzt 25 Prozent mit ADHS. Diese haben nicht nur die stärkeren Gliedmaßen, sondern – auch hormonell bedingt – mehr Probleme, deren Aktivität zu kontrollieren. Eine Schlüsselstellung kommt dabei dem männlichen „Rollenmodell“ des Vaters zu: 70 Prozent aller Strafgefangenen in Deutschland und 85 Prozent aller Strafgefangenen in den USA sind ohne Vater aufgewachsen! Insbesondere Jungs brauchen auch männliche Erzieher und Lehrer, um ihre Impulsivität beherrschen zu lernen. Tabletten können das nicht ersetzen.

Therapeutisch mache ich in jedem Lebensalter sehr gute Erfahrung mit der Heileurythmie. Dabei lernen die Betroffenen, durch ruhige, innerlich geführte Bewegungen ihre Unruhe und Impulsivität zu bändigen. Es ist auffallend, dass viele Menschen mit ADHS Heileurythmieübungen gerne machen, weil sie die positive Wirksamkeit unmittelbar spüren.

Was kann sonst bei Aufmerksamkeitsstörungen hilfreich sein? Wichtig sind in jedem Fall geklärte Rollen in der Paarbeziehung und zu den Eltern. Ich habe bewegende Erfolge erlebt, nachdem ein betroffener Junge mit neun Jahren erstmals im Leben seinen Vater kennenlernte! Viele Väter, aber auch Mütter, sind ja selbst Betroffene, und es ist sehr hilfreich für das gegenseitige Verständnis, wenn alle familiär Betroffenen offen mit ihren Schwierigkeiten umgehen. Wie oft gestanden mir Väter auf meine Frage: „Ich war genauso!“

Erholsam sind Wanderungen und Tätigkeiten in der Natur – beim Angeln können hartgesottene ADHS-Jungs und -Väter völlig zur Ruhe kommen! Naturbasierte homöopathische und anthroposophische Arzneimittel können hilfreich sein.

Eine Basis unserer Aufmerksamkeit stellt die Ernährung dar. Es ist von großer Bedeutung, selbst das Essen zuzubereiten, „junk food“, Farb- und Konservierungsstoffe zu meiden, Nahrungspausen einzuhalten. Die Zuckermengen eines üblichen Kindergeburtstages wirken auf Kinder wie Alkohol auf Erwachsene, die Impulskontrolle kann dramatisch sinken. Beim Essen sollte unsere Aufmerksamkeit entspannt dem Gespräch und den Speisen gelten. Handys und soziale Netzwerke gehören nicht dazu. Die gespaltene Aufmerksamkeit zwischen Display und Gegenüber wirkt zerstörerisch auf unsere Beziehungen und unsere Konzentrationsfähigkeit.

Demgegenüber belegen Studien, dass Musik wirksam hilft, einer Störung der Aufmerksamkeit und unkontrollierter Hyperaktivität zu begegnen. Nach meiner Beobachtung gibt es an Eigenaktivität nichts Wirksameres auf diesem Feld als Singen im Chor, das Üben eines Musikinstrumentes und gemeinsames Musizieren.  ///

Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe Januar 2026.

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Zeitschrift info3, Januar 2026

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Über den Autor / die Autorin

Georg Soldner

ist anthroposophischer Kinder- und Jugendarzt
in München.

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