Ich mag Teppiche bis heute. Das könnte daran liegen, dass ich in der „Freiarbeit“ in der Montessorischule mehrmals die Woche zu einem Regal ging, wo kleine Teppiche aufgerollt waren und mir einen aussuchte, den ich dann auf dem Boden ausbreitete, um darauf mit ästhetisch ansprechenden Gegenständen spielend zu lernen. Besonders versunken war ich bei Stecklandkarten – da wird eine geografische Karte aus Holz mit Steckfähnchen ergänzt – oder beim Betrachten der umfangreichen Mineraliensammlung. Später saß ich häufig an einem Tisch am Rande des Klassenraums und verfasste eigene Geschichten über einen tollpatschigen Protagonisten namens „Herr Meier“. Zwar hatten mich die Lehrerinnen durchaus im Blick und unterstützten bisweilen, aber größtenteils ließen sie mich einfach eintauchen, ohne Agenda oder Bewertung. Die Geschichten musste ich nicht einmal vor allen vorlesen, was mich unter Druck gesetzt hätte. Heute liebe ich Mineralien, Landkarten und schreibe unzählige Texte. Was die Montessorischule mir ermöglichte, war die gelungene Umsetzung eines der Hauptprinzipien ihrer Namensgeberin Maria Montessori: die „Polarisation der Aufmerksamkeit.“ Was aber ist Aufmerksamkeit überhaupt?
„Die Aufmerksamkeit gehört zu den nomadischen Begriffen, die nirgends recht seßhaft werden“, schrieb der Phänomenologe Bernhard Waldenfels. Aufmerksamkeit ist mehr als ein bloßes Gewahrsein, nicht nur Präsenz: sie ist, wie das Metzler Lexikon Philosophie sagt, ein „konzentriertes Gerichtetsein auf Objekte (Gegenstände, Ideen, Vorgänge), die dadurch aus der Fülle der möglichen Wahrnehmungen herausgehoben werden.“ Wann immer ich auf etwas Bestimmtes mein Augenmerk richte, bin ich aufmerksam. Bernhard Waldenfels fragt provokativ: „Ist Aufmerksamkeit ein Geschehen, ein Ereignis, ein Akt, eine Disposition, ein Können, eine Pflicht, ein Geschenk?“ Wir können fragen, ob nicht jede Pädagogik die Aufmerksamkeit lenkt und ob nicht jede Aufmerksamkeit bereits eine Polarisation, also Konzentration, voraussetzt?
Stille und Beobachtung
Anders als in der Waldorfpädagogik wird dem stillen Beobachten von Seiten der Lehrenden bei Montessori ein großer Stellenwert beigemessen. In Über das Beobachten schreibt Maria Montessori 1921: „Jede methodische Beobachtung erfordert Vorbereitung. Das Ziel der Vorbereitung ist, zu sehen, was die Kinder unabhängig von unserer Gegenwart tun.“ Dabei ist Montessori radikal: „Der Beobachter muss absolut schweigsam und bewegungslos sein, auch eine Unbeweglichkeit der Seele einhalten, sodass er sich nicht störend an den Handlungen der Kinder mit seinen Gefühlen beteiligt.“ Diese Gabe der Beobachtung führte Montessori auch zum Kern ihrer Pädagogik. Ein Schlüsselerlebnis für sie war die Beobachtung eines dreijährigen Mädchens im Kinderhaus von San Lorenzo. Montessori beobachtete „ein Mädchen, das tief versunken war in die Beschäftigung mit einem Einsatzzylinderblock, aus dem es die kleinen Holzzylinder herauszog und wieder an ihre Stelle steckte. Der Ausdruck des Mädchens zeugte von so intensiver Aufmerksamkeit, dass er für mich eine außerordentliche Offenbarung war.“ Das verwunderte die Pädagogin, weil auch damals – vor dem Handyzeitalter – Kinder meist eine sprunghafte Aufmerksamkeit an den Tag legten und sich nicht lange konzentrieren konnten. Das Mädchen absolvierte die Übung insgesamt 44 Mal, völlig unbeeindruckt von dem, was sonst im Raum passierte, selbst als Montessori die anderen Kinder zum gemeinsamen Singen animierte. Am Ende der Stunde „schaute das Mädchen zufrieden um sich, als erwachte es aus einem erholsamen Schlaf“. Montessori beschreibt solche Flow-Zustände als „notwendige Nahrung“. „Es schien, als hätte sich in einer gesättigten Lösung ein Kristallisationspunkt gebildet, um den sich dann die gesamte chaotische und unbeständige Masse zur Bildung eines wunderbaren Kristalls vereinte“, fasst sie die Beobachtung poetisch zusammen. Mit der Zeit und weiteren Beobachtungen dämmerte Montessori, dass diese Zustände von tiefer Konzentration ein allgemeines Merkmal von kindlichem Lernen sind. Die Aufmerksamkeit ist ganz und gar gerichtet, ein Band aus Intensität zwischen Kind und Objekt geknüpft. Für Montessori ein wichtiger Ausgangspunkt: „Jedes Mal, wenn eine solche Polarisation der Aufmerksamkeit stattfand, begann sich das Kind vollständig zu verändern. Es wurde ruhiger, fast intelligenter und mitteilsamer. Es offenbarte außergewöhnliche innere Qualitäten, die an die höchsten Bewusstseinsphänomene erinnern.“
Schon bei Kleinkindern zeige sich diese Dynamik, bei Schulkindern solle man es ab der ersten Klasse beherzigen. Das aktive Nichttun der Lehrkräfte sei dabei der Schlüssel: „Ich schlug einigen Lehrern vor, eine Perlenkette zu nehmen und jedes Mal, wenn sie den Impuls hätten, sich einzumischen, eine Perle zur Seite zu schieben“, schreibt Montessori. Es ginge darum, an den Punkt zu kommen, wo man keine Perle mehr schieben müsse: „Dann würden wir finden, dass wir eine große Stille und das Gefühl der Ruhe erlangt hätten.
Die Lehrkraft als Leitstern der Aufmerksamkeit
Auch wenn in der Waldorfpädagogik der Begriff Aufmerksamkeit nicht den gleichen Stellenwert einnimmt, lassen sich ganz wesentliche Momente der von Rudolf Steiner ausgehenden Pädagogik mit ihm in Verbindung bringen. Die gesamte Gestaltung der „Erziehungskunst“ Steiners, die seit einhundert Jahren in Waldorfschulen ein- und ausgeübt wird, ist ein Gesamtkunstwerk der Aufmerksamkeit. Ob Epochenunterricht, Monatsfeiern, Klassenspiele, Sprachgestaltung, Eurythmie, Klassenkonferenzen oder die rhythmische Gestaltung des Hauptunterrichts mit Morgenspruch, Singen, Sprüche rezitieren, Klatsch- oder Zählübungen, Schreiten im Reigen und Flöte spielen: Alles zielt auf eine bestimmte Lenkung der Aufmerksamkeit bei den Kindern, die genau auf ihr Alter abgestimmt ist.
Steiner sagt in einem Vortrag: „Der Menschheitsentwickelung kann nur die notwendige Aufmerksamkeit zuwenden, wer Sinn hat für die feinsten Lebensäußerungen des Menschenwesens. Ein solcher Sinn muss in der Kunst des Erziehens und Unterrichtens walten.“ Auffallend sind eine Gemeinsamkeit und ein Unterschied zu Montessori, was den Fokus der Pädagogik angeht: Bei Steiner und Montessori sind gleichermaßen der ganze Mensch und der Kosmos, das Weltganze für die Pädagogik wichtig. Steiner legt das Augenmerk ebenfalls auf das Mindset der Lehrkräfte. Wo aber bei Montessori die aufmerksame Zurückhaltung gefordert wird, steht in der Waldorfpädagogik die Vorbildfunktion der Lehrperson im Vordergrund: „Die so besonderen Gefühle wie Achtung, Ehrfurcht und Dankbarkeit bemüht sich auch der Klassenlehrer so intensiv wie möglich aufzubringen, wenn er im Stillen an seine Schüler denkt und sich dabei auf ihr eigentliches Wesen konzentriert, um so der Individualität eines jeden zunächst ahnend zu begegnen“, heißt es in einem Buch für Klassenlehrer von Helmut Eller. Hier wird nicht die Polarisation der Aufmerksamkeit der Kinder im Lernen gefordert, sondern die meditative Versenkung der Lehrkräfte in Bezug auf ihre Schüler:innen.
Die Inhalte sind in der Waldorfpädagogik viel klarer vorgegeben: in der ersten Klasse werden Märchen erzählt, in der dritten Klasse Geschichten aus dem Alten Testament, in der fünften Klasse Griechische Götter- und Heldensagen – das sind nur wenige der zahllosen konkreten inhaltlichen Empfehlungen Steiners. Ihre lebendige Ausgestaltung und Authentizität, transportiert durch den Lehrer, ist von größter Wichtigkeit. Die herausgehobene Rolle der Lehrkraft sieht Steiner menschenkundlich als angemessen: In den ersten Lebensjahren lerne das Kind nur durch Nachahmung, bis sich um den Zahnwechsel mit circa sieben Jahren das Seelische in den Vordergrund spiele, Verstand und Urteilskraft aber nur angelegt, noch nicht voll da seien. Darum gilt laut Steiner: „Vom siebenten bis zum vierzehnten oder fünfzehnten Lebensjahre ist das Bestimmende für das Kind nicht diejenige Orientierung an den Menschen seiner Umgebung, die durch die Urteilskraft, sondern diejenige, die durch die Autorität bewirkt wird.“ Oft missverstanden, meint Autorität hier ein Verhältnis, das von demjenigen freiweillig anerkannt wird, der sie empfindet, und vom Führenden nicht erzwungen werden kann. „Man kann nicht auf die Verstandesbeurteilung des Kindes bauen, sondern man muss durchschauen, wie das Kind annehmen will, was ihm als wahr, gut, schön entgegentritt, weil es sieht, dass sein vorbildlicher Erzieher dies für wahr, gut, schön hält.“ Das Lehren selbst müsse ein Kunstwerk, kein abstrakter Inhalt sein: „Was er, der Erzieher, ist, geht auf das Kind über, nicht was er ihm lehrt.“ Man könne den Unterricht so gestalten und damit die Aufmerksamkeit entsprechend lenken, „dass der Zögling im Aneignen es selbst individuell für sich fasst. Dazu ist nur nötig, dass, was der Lehrende tut, genügend stark lebt.“ Die Samen der Erkenntnis, die so angelegt sind, sollen das ganze Leben über Frucht tragen.
Aufmerksam für das Ganze
Montessori stellt in ihren „Geboten für die Erzieher“ die Rahmen haltende Funktion der Lehrkräfte im Bild als Diener der Kinder dar: Der Pädagoge schafft für das Kind eine vorbereitete Umgebung „wie es ein treuer Diener tut, der das Haus in Erwartung seines Herrn bereitet.“ In der Waldorfpädagogik kommt den Erziehenden eine stärker gestaltende Rolle zu. Trotz starker Führung und Lenkung der Aufmerksamkeit in der Waldorfpädagogik ist für Steiner klar: „Der Erzieher muss vielmehr in jedem Augenblicke seines Wirkens aus lebendiger Erkenntnis des werdenden Menschen heraus neu geboren sein.“
Bei aller Verschiedenheit sind die Gemeinsamkeiten beider Pädagogik-Ansätze augenfällig. Auch Montessori verfolgt einen entwicklungsbasierten Ansatz, der auf die Besonderheiten des Alters Bezug nimmt. Von Null bis Sechs lerne das Kind durch die Arbeit seiner Hände – dieses „Sehen mit den Händen“ führe zur „Konstruktion der Einbildungskraft“. Von etwa Sieben bis Zwölf gehe es um eine „Vision des Ganzen“: in dieser „Periode von Sozialinteresse und Geistesschärfe“ solle das Kind „immer seine Phantasie (Imagination) zur Hilfe nehmen.“ Für Steiner sind die ersten zwei Jahrsiebte des Lebens zwar anders akzentuiert, der Verstand wird noch nicht im gleichen Maße angesprochen, aber beiden gemeinsam ist die Verankerung im Weltganzen.
Dem absorbierenden Geist des Montessori-Schülers solle bereits von Anfang an eine „riesige Wissensmenge“ im Sinne „panoramaartiger Überblicke der Vision des ganzen Universums“ ermöglicht werden. Für Steiner ist „die Waldorfschul-Pädagogik überhaupt kein pädagogisches System, sondern eine Kunst, um dasjenige, was da ist im Menschen, aufzuwecken.“ Dazu gehört für Steiner die ganze Menschenkunde, also auch übersinnlich erschlossenes Wissen über die Geistnatur des Menschen, die letztlich das Geistige im Kosmos mit dem Geistigen im Menschen wiederverbinden möchte. Auch Montessoris Pädagogik ist vor einem mystischen Hintergrund zu sehen: Alle Dinge sind „Teil eines Universums und miteinander verbunden, um eine große Einheit zu bilden.“ Der Mensch könne durch „kosmische Erziehung zum Bewusstsein seiner kosmischen Verantwortung“ gelangen. Waldorf- und Montessoripädagogik ergänzen einander und wir tun gut daran, ihre Impulse und Augenmerke aufzunehmen und in eine umfassende Pädagogik zu integrieren. ///
Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe Januar 2026.



