Wenn das Licht zurückkommt

Fröhlicher Schüler. © Racle-Fotodesign, AdobeStock
© Racle-Fotodesign, AdobeStock

Aus “Beziehungsweise Schule” – der info3-Kolumne von Nadine Mescher.

Und schon ist Februar, Mariä Lichtmess. Der erste leise Wendepunkt des neuen Jahres. Die Tage werden spürbar länger, das Licht kommt morgens ein wenig früher und verabschiedet sich abends nicht mehr ganz so hastig. Auf unserem „grünen Schulhof“ – er ist als Wiese angelegt – zeigen sich die ersten Frühblüher, noch vorsichtig, aber entschlossen. Da beginnt etwas Neues!

Auch in meiner Klasse ist dieses Mehr an Licht angekommen. Früher haben wir am zweiten Februar im Klassenzimmer Frühblüher in Marmeladengläser gepflanzt, bis alle Fensterbänke vollstanden und wir jeden Tag das neue Wachsen und Werden bestaunen konnten. Dieses Jahr sind wir mitten in der heißen Phase unseres Achtklassspiels angekommen. Die Proben verdichten sich, Stimmen werden (endlich!) lauter, die Geduld knapper. Texte sollen sitzen, Szenen brauchen Präsenz, Abläufe müssen ineinandergreifen, auch die Handgriffe hinter der Bühne. Theaterarbeit fordert. Und sie zeigt sehr ehrlich, wo jemand gerade steht.

Wenn ich zurückblicke, begann dieser Prozess eigentlich schon viel früher, aber er durfte über den Jahreswechsel ruhen. Mitte Dezember waren wir zu Gast in einem riesigen Kostümverleih, der normalerweise die ganz großen Bühnen in NRW ausstattet. Dank einer Familie aus meiner Klasse durften auch wir eintauchen in diese Welt. Kleiderstangen und Kostüme auf mehreren Ebenen, in mehreren Räumen so weit das Auge reichte. Schwere Stoffe, Samt, Leinen und Brokat – und mittendrin meine Achtklässler:innen. Vor Spiegeln und in Kostümen, die so viel mehr waren als eine Verkleidung.

Zwischendurch wurde es erstaunlich still. Keine Witze, keine coolen Kommentare. Nur Blicke. Große Augen, leises Staunen. In Momenten der Anprobe standen sie da und man sah ihnen an, wie sie begannen zu begreifen, was da entsteht. Wie sich etwas fügt. Wie aus einer Rolle ein Ausdruck wird. Und unser Vorhaben ernst und professionell wird. Es auf jeden und jede ankommt.

Dieses Staunen trage ich nun mit mir durch die Proben. Jetzt, Wochen später, wird allerdings erst einmal wieder diskutiert, gezweifelt, einander getröstet. Ironie ist natürlich auch da, ein unsichtbarer Schutzschild. Hier entsteht etwas Großes.

Unser Theaterprojekt und der Februar. Noch winterlich und kantig, aber voller Vorahnung. Es braucht Geduld, Wiederholung, Aushalten. Niemand kann sich wegducken. Man steht da, sichtbar, mit eigener Stimme und eigenem Körper, aber doch als anderer Mensch. Ganz ungewohnt. Und genau darin liegt die Kraft.

Mariä Lichtmess markiert das Ende der dunklen Zeit. Im Schulalltag heißt das für mich: vertrauen. Darauf, dass aus all den Puzzleteilen ein Bild entsteht. Dass das frühe Staunen vor dem Spiegel seinen Weg findet – hinein in die Szenen, in die Verkörperung von Rollen, ins selbst gebaute Bühnenbild. Und dass jede und jeder seinen Platz findet, auf der Bühne und darüber hinaus.

Das Licht kommt zurück. Und mit ihm so viel mehr, das im Stillen, im Verborgenen, entstanden ist. Auch mein Buch erscheint im Februar. Für alle, die gern meine Kolumne lesen und noch tiefer hinter die Kulissen einer Waldorfschule eintauchen möchten. ///

Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe Februar 2025.

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Über den Autor / die Autorin

Nadine Mescher

Nadine Mescher ist Waldorflehrerin und freie Autorin. Seit die eigenen drei Kinder groß geworden sind, publiziert sie Pädagogisches, unter anderem auf montagskindblog.de und bei Instagram.