„Glaubt ihr, die Welt wäre besser, wenn wir alle immer ehrlich zueinander wären?“ Diese Frage beschäftigt mich, seit ein Freund sie im Gespräch mit meinem Mann und mir aufwarf. Spontan hätte ich bejaht, bei längerem Nachdenken erscheint mir das Thema facettenreicher und nicht mit einem schlichten „Ja“ oder „Nein“ beantwortbar. Zunächst gilt es zu klären, was wir unter Ehrlichkeit verstehen. Bedeutet es lediglich, nicht zu lügen, also nicht die Unwahrheit zu sagen? Oder verstehen wir darunter, immer schonungslos die ganze Wahrheit zu sagen, also nichts wegzulassen oder zu beschönigen? Ich selbst reagiere empfindlich, wenn ich merke, dass ich angelogen werde. Umgekehrt kann man sich bei mir darauf verlassen, dass ich nicht lüge. Vor Jahren wurde mir mein brandneues Fahrrad gestohlen und ich gab der Versicherung gegenüber zu, dass ich es für diesen kurzen Moment nicht abgeschlossen hatte. Die Konsequenzen waren bitter: Als ich um eine Kulanzzahlung bat mit dem Hinweis darauf, das Unternehmen könne sich auch künftig darauf verlassen, von mir nicht belogen zu werden, wurde dies abschlägig beschieden. Im Nachgang überraschte mich, wie viele Menschen aus meinem Umfeld meinten, es sei töricht von mir gewesen, die Wahrheit zu sagen. Als ich mit einem Pfarrer über Wahrheit und Lüge sprach, verblüffte mich seine achselzuckende Einschätzung: Man wisse doch, dass im beruflichen Kontext gelogen werde; auch im Kontakt mit seiner vorgesetzten Behörde sei es normal, dass oft die Unwahrheit gesprochen werde. Offenbar wird das biblische Gebot „Du sollst nicht lügen“ nicht so wörtlich genommen. Eher inflationär scheint mir auch der Begriff der „Notlüge“ verwendet zu werden, nämlich in Situationen, in denen ich mich frage, wo denn die zugehörige Not zur Lüge sei.
Diffizil ist die Frage nach der gebotenen Ehrlichkeit im Fall von Geschenken. Ich erinnere mich an eine Schulfreundin, die grundsätzlich eine ehrliche Rückmeldung zu Geschenken gab. Für mich war das entlastend, denn ich schätzte die verlässliche Authentizität. Umgekehrt sehe ich noch ihre Mutter weinend unter dem Christbaum sitzen, nachdem ihre Tochter ein Geschenk mit der Frage kommentiert hatte: „Was hast du dir denn dabei gedacht, Mama?“ Wesentlich ist sicher die Art, in der wir Rückmeldung geben. Schleudere ich dem anderen die Wahrheit wie einen nassen Lappen um die Ohren oder bemühe ich mich um eine rücksichtsvolle Formulierung? Vielleicht kann es gelingen, die Bemühungen des Schenkers wertzuschätzen und den Versuch, mir eine Freude zu machen – auch wenn ich mit dem Geschenk nichts anfangen kann.
Welchen Grad an Ehrlichkeit wünsche ich mir selbst von meinen Mitmenschen? Kann ich Ingeborg Bachmanns Überzeugung, die Wahrheit sei dem Menschen zumutbar, für mich aus vollem Herzen bejahen? Ich glaube, es braucht ein gerüttelt Maß an innerer Stabilität, um auch kritisches Feedback auszuhalten, und es muss in der richtigen Form und zum rechten Zeitpunkt vorgebracht werden, um annehmbar zu werden. Ich denke an einen Freund, der von einer Fachärztin mit der Diagnose Leukämie konfrontiert wurde, indem sie ihm einen Infoflyer in die Hand drückte und ihn für den Fall weiterer Fragen auf das Internet verwies. Das ist zwar ehrlich, aber zugleich zutiefst rücksichts- und gefühllos. Einer Antwort auf die Eingangsfrage komme ich ein wenig näher mit der Erkenntnis: Ehrlichkeit gepaart mit Empathie – das könnte wahrlich ein Schlüssel sein zu einem angenehmeren Miteinander. //
Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe Januar 2026.



