Waldorfschule: Aufruf zur Demokratie

Foto: Unsplash
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Waldorfschulen stehen heute unter hohem Erwartungsdruck – von innen wie von außen. Wenn sie öffentlich angegriffen werden, reagieren viele Schulen inzwischen vorsichtig, manchmal übervorsichtig. Unsere Autorin hat sich umgesehen, wie das in der Praxis aussieht und was durch Mut zum Dialog geschehen kann.

Von Silke Hohmuth

Mitten in den Sommerferien 2025 erscheint auf dem Schweizer Blog Flimmer ein Artikel, der sich bemüht, die Anthroposophie in die Nähe extremistischer Ideologien zu rücken. Er richtet sich unter anderem gegen eine Lehrerin, die als freie Mitarbeiterin der Waldorfschule Görlitz eine Sommerwoche mit waldorfpädagogischen Inhalten am Schloss Ober-Neundorf bei Görlitz mitgestaltet hat. Kritisiert werden in dem Artikel nicht die Inhalte, sondern der Ort der Veranstaltung, an dem auch – zu ganz anderen Zeitpunkten – Veranstaltungen mit Mitgliedern der Anastasia-Bewegung stattgefunden haben, einer Bewegung, die ökologische und die Demokratie ablehnende Positionen verbinden soll. Ein klassischer Fall von „Kontaktschuld“ also, wo Menschen nicht nach ihrem eigenen Handeln, sondern nach ihrem Umfeld beurteilt werden.

Die Schule reagiert schnell – in einer offiziellen Mitteilung gibt sie das sofortige Ende der Zusammenarbeit mit der Lehrerin bekannt. Die Stellungnahme der Schule vermittelt den Eindruck, der von Flimmer vorgebrachte Vorwurf gegen die Lehrerin habe sich bestätigt. Diese Pressemitteilung der Schule hat mich tief bewegt und brachte mir den „Aufruf für Demokratie“ des Bundes der Freien Waldorfschulen vom Jahresbeginn 2024 in Erinnerung. Auch dort wurde Position bezogen: Bestimmte parteipolitische Haltungen seien mit den Werten der Waldorfschulen nicht vereinbar – gemeint waren nicht nur extremistische Tendenzen, sondern konkrete Parteien. Eine klare Haltung auf den ersten Blick, die jedoch Fragen aufwirft – gerade in Regionen, wo gesellschaftliche Realität und schulische Haltung aufeinanderprallen. Was bedeutet eine solche Abgrenzung im Schulalltag? Einige Eltern bewegt die Sorge, dass sich hierdurch Schulgemeinschaften, die ohnehin vielerorts durch die Corona-Zeit erschüttert wurden, noch stärker spalten könnten. Dass sich Gräben vertiefen, statt dass der dringend notwendige Dialog ermöglicht wird.

Ich beobachte, dass Menschen zunehmend verunsichert sind, ob sie ihre Meinung überhaupt noch äußern dürfen – ohne sofort in eine bestimmte politische Ecke gestellt zu werden. Dabei wollen sie meistens Brücken bauen und die Dialogfähigkeit in ihren Schulgemeinschaften erhalten.

Schule als Begegnungsraum

Im März 2025 nutzten wir die in Dresden stattfindene Bundeselternratstagung – organisiert von einem engagierten Team von Waldorfeltern aus Ostsachsen – um uns vertieft der „Kunst des Sozialen“ zu widmen. Rudolf Steiner nennt sie die höchste aller Künste – und gerade im schulischen Alltag fordert sie uns immer wieder heraus: im Miteinander, im Dialog, in der gemeinsamen Verantwortung. Neben Workshops zu Kommunikation, Schutzkonzepten, Friedensfähigkeit, innerer Haltung und Verletzlichkeit als Ressource gestalteten wir auch einen Raum für Demokratie. Nicht als Vortrag, nicht als fertiges Konzept – sondern als offenes Werkstatt-Format: Anthroposophie, Demokratie und gesellschaftliches Engagement. Das Interesse daran war groß – der Raum bis auf den letzten Platz gefüllt.

Was in der Werkstatt als politisches Thema begann, wurde schnell zu einer tief sozialen Frage: Wie gelingt es uns, Strukturen lebendig zu gestalten? Wie werden unsere Schulen zu Erfahrungsräumen von echter Mitgestaltung? Wir erkannten bei jener Tagung:
Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und politischen Fragen ist für viele Menschen in unseren Schulen kein Randthema – sie ist ein zentrales Anliegen. Denn Schule wird nicht nur als Lernraum verstanden, sondern als Ort der Haltung, der Verantwortung und des gemeinsamen Menschseins.

Gerade im Licht des Gründungsimpulses der Waldorfpädagogik – jener Idee, die aus der Dreigliederungsbewegung hervorging – erscheint dieser Ansatz nicht nur berechtigt, sondern hochaktuell. Er ermutigt uns, Abgründe zu überwinden, Schubladen zu sprengen und das starre Rechts-Links-Denken hinter uns zu lassen. Stattdessen können wir einander begegnen – suchend, ringend, im ehrlichen Bemühen, den anderen wirklich zu verstehen. Gerald Häfner von der Sozialwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum schilderte dies eindrücklich in seinem Impulsvortrag während jener Tagung.

Wenn das gelingt, könnten gerade Waldorfschulen oder überhaupt Lernorte, an denen Waldorfpädagogik praktiziert wird, zu Modell-Orten für gesellschaftliche Zukunft werden – dort, wo Freiheit nicht als Beliebigkeit verstanden wird, sondern als Fähigkeit, aus innerem Erkennen zu handeln. In diesem Sinn wird Schule zum Raum echter Mitgestaltung: wo Menschen sich selbst bilden, Verantwortung übernehmen und einander in Freiheit begegnen.

„Bei uns findet eine Erziehung zur Mündigkeit statt!“, sagen die Elternvertreter der Görlitzer Waldorfschule mit Blick auf ihre Elternschule und die Befähigung ihrer Eltern zur Selbstverwaltung. Gerade das Miteinander zwischen Eltern und Lehrern scheint hier einen besonderen Stellenwert zu haben. Im Rahmen einer Webinarreihe für Waldorfeltern teilen die Elternvertreter ihre Erfahrungen – und es wird spürbar, wie vertrauensvoll gewachsen dieses Zusammenspiel ist.

Was sie schildern, erinnert an einen Hinweis Rudolf Steiners von einem der ersten Elternabende der Waldorfschule: „Und wenn die Eltern unserer Kinder das einsehen, dass wir ja eigentlich arbeiten wollen, um in den nächsten Jahrzehnten Menschen hinzustellen, die für das immer schwerer werdende Leben tüchtig sind … dann stehen die Eltern in der richtigen Weise zu unserer Schule … In dem Bewusstsein können unsere Lehrer am besten unterrichten. Wir hier lieben unsere Kinder … und um uns herum baut sich auf … die Liebe der Eltern zu diesem unserem Schulwesen. In dieser Gemeinschaft nur können wir … wirklich weiterarbeiten zu einer gedeihlichen Menschenzukunft.“ (13. Januar 1921, GA 298)

Jenes Miteinander von Lehrern und Eltern innerhalb der Schule zu stärken – in einer Verbindung von geisteswissenschaftlicher Tiefe und ganz praktischer Verantwortung – scheint heute mehr denn je ein Schlüssel für gelingende Waldorfpädagogik. Und oft beginnt dieses Miteinander ganz einfach: im Zuhören, im ehrlichen Interesse füreinander, im persönlichen Gespräch.

Sprechen von Mensch zu Mensch

Ich will die betroffene Lehrerin kennenlernen und fahre nach Görlitz. Wir treffen uns bei ihr zu Hause. Wir sprechen von Mensch zu Mensch. Wir sprechen über unser Wirken, über Motive und innere Antriebe. Über das, was uns – aus Verantwortung heraus – manchmal zu Rebellinnen macht. Und darüber, wie es gelingen kann, im Feuer zu stehen, ohne dabei zu verbrennen.

Vor allem aber sprechen wir über unsere Liebe zu den Kindern und Jugendlichen und die tiefe Freude, mit ihnen zu wirken. Für sie und vor allem mit ihnen wollen wir eine lebenswerte Zukunft gestalten – in den Schulen und in unserer Gesellschaft.

Der Elternrat der Schule hat für diesen Abend zu einer Sondersitzung eingeladen. Zum ersten Mal seit Erscheinen des Blog-Artikels soll die Lehrerin selbst dort innerhalb der Schule die Gelegenheit bekommen, sich zu den Vorwürfen zu äußern. In jener Sitzung, so höre ich am nächsten Tag, entscheiden die Eltern, zum Vorfall einen Schulrat einzuberufen, bei dem alle Interessierten der Schule teilnehmen können. Eine gute und mutige Entscheidung der Eltern – ein „Aufruf zur Demokratie“ im besten Sinne einer Schule in Selbstverwaltung: Nicht, um zu urteilen, sondern um in den Dialog zu treten. Um Räume zu öffnen, in denen alle Stimmen gehört werden dürfen.

Es geht darum, wach und klar hinzuschauen: Welche Kräfte wirken – und durch wen? Nicht pauschal, nicht im Vorurteil, sondern im ernsthaften Bemühen um Verstehen. Denn was unserer Demokratie wirklich schadet, ist: Wenn wir Stimmen von außen – etwa von Bloggern, die weder unsere Schulen noch unsere Regionen kennen, geschweige denn echtes Interesse an ihnen haben – mehr Glauben schenken und Einfluss zugestehen als den Menschen, die Tag für Tag in unseren Schulen Verantwortung übernehmen.

Wenn wir in solchen Momenten nicht achtsam kommunizieren, wenn wir vorschnell handeln oder durch mangelnde Transparenz Raum für Gerüchte lassen – dann entsteht genau das Klima, das wir eigentlich vermeiden wollen. So wie in Görlitz, wo nach dem Vorfall die Behauptung in Schülerkreisen kursierte: „Hätte man die Lehrerin nicht entlassen, wäre die Schule geschlossen worden!“ Eine offensichtlich übertriebene Vermutung. Wer sagt so etwas? Und wer prüft solche Aussagen?

Genau hier liegt das Risiko: Wenn in einer Schulgemeinschaft unklare Kommunikation auf diffuse Ängste trifft, entsteht ein Raum, in dem sich Unsicherheit verselbständigt – und Vertrauen schwindet. Ein Raum, in dem nicht mehr gefragt, sondern gemutmaßt wird. Und in dem Worte plötzlich eine Macht bekommen, die niemand bewusst gewählt hat.

So befeuern wir dann auch jenes Misstrauen, das sich heute vielerorts gegen „den Staat“ richtet – gegen Strukturen, die als übergriffig empfunden werden und gefühlt die persönliche Freiheit beschneiden.

Gerade als Waldorfschulen stehen wir in einer besonderen Verantwortung – nicht nur im Umgang mit jungen Menschen, sondern auch im Schutz des freien, individuellen Urteils. Besonders dann, wenn es unbequem wird. Denn Erziehungskunst im Sinne Rudolf Steiners heißt doch, den Menschen zur Freiheit zu begleiten – nicht durch Anpassung, sondern durch Wahrhaftigkeit, Vertrauen und innere Haltung. Wenn wir diese Verantwortung mutig annehmen und dabei auch zu unseren eigenen Schwächen stehen, können wir unseren Kindern in einer zerrissenen Gesellschaft ein Vorbild sein – im aufrichtigen Bemühen, Brücken zu bauen für ein neues Miteinander. ///

Silke Hohmuth gestaltet mit der Initiative „Kunst des Sozialen“ Begegnungsräume, die im Miteinander der Generationen und in einer Verbindung von Ost und West Impulse für ein neues Füreinander setzen. Sie ist außerdem Mitarbeiterin der Sozialwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum und engagiert sich für konstruktive Elternkraft und werteorientierte wirtschaftliche Bildung in Schulen.

Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift info3, Ausgabe September 2025

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