Wer kennt es nicht? Man begegnet unerwartet einem Menschen, kommt ins Gespräch und nach einem kurzen Moment hellt sich im Innern die Stimmung etwas auf. Am Ende dieses Austauschs, wenn man sich wieder trennt, bleibt ein Gefühl zurück: eine stille Zufriedenheit, die einen wieder anders auf die Welt blicken lässt, voll Zuversicht und Hoffnung, gestärkt und aufgerichtet.
So kann es auch mit einem Buch sein. Es gibt Texte, die sprechen einen an wie ein wohlgesinntes menschliches Gegenüber. Sie lassen etwas anklingen, das zuvor kaum gehört wurde oder lange verstummt war. Und obwohl man Büchern nicht zufällig auf der Straße begegnet, sind sie nicht weniger wirkungsvoll. Gerade in einer Zeit multipler Krisen können Bücher ein Wegweiser sein. Umso mehr lohnt es sich nach solchen Lektüren Ausschau zu halten – nach Stimmen, die uns innerlich in Bewegung setzen.
Eine solche Stimme findet sich bei Gabriele von Arnim. Die 1946 in Hamburg geborene Journalistin und Autorin setzt sich in ihren Texten immer wieder reflektiert und mit großer Sensibilität mit persönlichen wie gesellschaftlichen Krisen auseinander. Mit dem Briefband Liebe Enkel oder die Kunst der Zuversicht tritt sie als unsere erste Gesprächspartnerin in Buchform auf.
„Es sind die kleinen Gespräche“
Was uns zuerst begegnet, ist der feine, poetische, aber dennoch fast schon plauderhafte Ton, den unser Gegenüber anschlägt. Schon nach wenigen Seiten hat man den Eindruck, einem charmanten, nachdenklichen und erfahrenen Menschen gegenüberzusitzen, der mit klarer Stimme von der Welt spricht, jedoch nicht abgehoben, sondern aus der Mitte des Lebens heraus.
Bereits zu Beginn formuliert sie einen ersten Impuls, einen Aufruf zum Mitgestalten:
„Ein Mensch mit Zuversicht sieht und erkennt die Wirklichkeit, wie sie ist, und ist trotzdem oder gerade entschlossen, die Welt oder jedenfalls den kleinen Ausschnitt von ihr, in der er oder sie lebt, so mitzugestalten, dass sie wird, wie sie sein sollte und sein könnte.“
Immer wieder durchweben kluge Gedanken, Beobachtungen aus dem Alltag, politische Einschätzungen und sehr persönliche Gespräche aus ihrem Umfeld das Buch. Von Arnim gelingt das Kunststück, ohne Beschönigung in die Gegenwart zu blicken und dennoch nicht zu verzweifeln. Statt Resignation und fortwährendem Lamentieren plädiert sie für einen Perspektivwechsel: „Denn wenn wir fokussiert bleiben auf Elend, Tumult und Not, reden wir uns den Lebensmut immer wieder selber weg.“
Doch daraus folgt für sie keine naive Weltabgewandtheit. Im Gegenteil ruft sie dazu auf, die Realität bei aller Schwere nicht aus den Augen zu verlieren, so dass wir „trotzdem gern und engagiert in ihr leben“. So kann auch eine Krise zu einem Wendepunkt werden, zu einem Neuanfang. Dafür müssen wir den Blick auf die Welt weiten. Früher hieß es über den Tellerrand hinaus, heute ist es aber der Blick aus der eigenen sozialen und digitalen Blase. Denn „wir leben immer in Verbindungen, Beziehungen, Geflechten“, so die Autorin. Diese zu reflektieren, sie bewusst zu gestalten und zu erweitern, ist Teil unserer gesellschaftlichen Verantwortung. Ist es nicht gerade im Umgang mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen wichtig, einen Ton der Zuversicht zu bewahren, anstelle einer allzu oft kultivierten Unzufriedenheit oder gar Missmutigkeit?
Doch wie sieht es in der Praxis aus? Auch hier bleibt von Arnim nicht abstrakt: „Es sind die kleinen Gespräche, die kleinen Anregungen, die kleinen Aktivitäten, die jeder und jede sich vornehmen kann.“ Also kein Berg an Aufgaben, der einen zu erschlagen droht, sondern ein schrittweises In-die-Tat-kommen mit dem Glauben an Zukunftsmöglichkeiten. Wie selbstverständlich fließen wunderbar ausgewählte Zitate von Albert Camus bis Hilde Domin in ihren Text ein, so zum Beispiel deren Gedicht „Nur eine Rose als Stütze“. Worte und Bilder werden zur Stütze und zur Deutungshilfe: „Wir brauchen Geschichten, wir brauchen Bilder, um die Wirklichkeit zu verstehen. Und wir brauchen die guten Geschichten und die guten Bilder, um zuversichtlich zu bleiben oder zu werden.“
Ein zentraler Begriff des Buches ist neben der Zuversicht die Hoffnung. Hier gelingt von Arnim eine spannende Differenzierung. Oft wird die Hoffnung als passive Haltung oder als ein vertröstendes Warten abgetan, das uns zur Untätigkeit verleitet. Doch in Verbindung mit Zuversicht kann sie zu einer aktiven und tragenden Kraft werden. So spricht sich von Arnim für ein Miteinander von Hoffnung und Zuversicht aus, denn beide brauchen sich gegenseitig, um sich zu erhalten.
Ohne Hoffnung keine Freiheit
Genau diesem Spannungsfeld zwischen Passivität und Aktivität der Hoffnung widmet sich unser zweiter literarischer Gesprächspartner, der Philosoph Byung-Chul Han. Der in Seoul geborene Kulturwissenschaftler lehrte an der Universität der Künste in Berlin und setzt sich mit gesellschaftlichen Entwicklungen der Gegenwart auseinander. So auch in seinem Werk Der Geist der Hoffnung – wider die Gesellschaft der Angst.
Hoffnung sei, so Han, kein bloßes Gefühl, sondern vielmehr eine Praxis, die dem lähmenden Affekt der Angst etwas entgegensetzt. Er gliedert sein Werk in drei Teile: Hoffnung zum Handeln, Hoffnung und Erkenntnis sowie Hoffnung als Lebensform. Alle drei entfalten eine gedankliche Tiefe, die Aufmerksamkeit einfordert.
Man merkt schon nach den ersten Zeilen, dass wir hier einen klugen Kopf vor uns haben, der uns auch gerne einmal herausfordert. Bereits in der Einleitung entwirft Han ein apokalyptisches Bild unserer Gegenwart, geprägt von Katastrophenstimmung und Vereinzelung. In dieser Welt wird Leben zum reinen Überleben und Angst dominiert das soziale Klima: „Wo Angst herrscht, ist keine Freiheit möglich. Die Hoffnung hingegen errichtet Wegweiser und Wegmarken. Nur in der Hoffnung sind wir unterwegs. Sie gibt uns Sinn und Orientierung.“
Hoffnung wird bei Han zum Gegenbild der Angst, zur Kraft, die Gemeinschaft stiftet, Kreativität freisetzt und über das bloß Faktische hinausweist. Sie ist mehr als Optimismus, der in seiner Passivität ausschließlich von einer besseren Welt träumt, anstatt sie aktiv zu gestalten. Sie ist eben gerade nicht naiv, sondern visionär.
Besonders eindrücklich ist seine Abgrenzung gegenüber der Vernunft: „Die Hoffnung baut nämlich einen Steg über den Abgrund, in den die Vernunft nicht hineinzublicken vermag. Sie vernimmt einen Oberton, für den die Vernunft taub ist.“ Die Hoffnung bildet somit einen Resonanzraum für das Ungeborene, das Noch-nicht-Seiende und eine Offenheit gegenüber dem Kommenden.
Han bringt in seinem Buch viele philosophische Stimmen zum Klingen, unter anderem Erich Fromm, Hannah Arendt, Friedrich Nietzsche und Ludwig Wittgenstein. Besonders Hannah Arendt ist für ihn von Bedeutung, vor allem die von ihr betonte Kraft des „Verzeihens“ als Grundlage, um uns von der Schuld zu befreien, die unser Handeln auch ungewollt hervorrufen kann.
Im letzten Drittel rückt Han nochmals das Grundgefühl unserer Zeit in den Fokus: die Angst und ihre lähmende Wirkung auf das Denken, Fühlen und Handeln. Dagegen stellt er die Hoffnung als „belebende Kraft“, die dem Leben Tiefe, Richtung und Sinn verleiht.
Menschenfreundliche Haltungen
An dieser Stelle lassen sich die beiden Bücher wunderbar miteinander vereinen. Von Arnim schreibt: „Zuversicht heißt nicht, die Welt bewahren zu wollen, wie sie ist, sondern die Kraft zu haben, mit den Veränderungen umzugehen, mit Unbestand und Neubeginn.“ Hier begegnen sich Hoffnung und Zuversicht nicht als Illusion, sondern als realitätsnahe, menschenfreundliche Haltungen und als Einladung zum Weiterdenken. Wenn Hoffnung über das Sichtbare hinausweist, dann ist Zuversicht der Wille, mit dem wir im Sichtbaren handeln. Hier ist jeder Mensch selbst gefragt, wie er leben möchte. Welche Lebensform er ergreifen möchte.
Am Ende dieser doppelten Lektüre bleibt der Eindruck: Wie bei einer echten Begegnung ist es nicht nur entscheidend, was gesagt wird, sondern was es in uns auslöst. In einer Welt, in der viele Gespräche und Nachrichten geprägt sind von Zynismus, Überforderung und Angst, liegt es an jedem von uns, dem etwas entgegenzusetzen. Wer beginnt, über das Gute, das Mögliche und das Verbindende zu sprechen, öffnet einen anderen Denkraum und vielleicht auch einen Handlungsspielraum.
Die beiden Bücher erinnern an einen Ansatz der Psychotherapie – die Bibliotherapie –, bei dem Literatur gezielt zur seelischen Unterstützung eingesetzt wird. Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur das stille Lesen, sondern die persönliche, oft auch gemeinschaftliche Reflexion über das Gelesene. Ein Prozess, der klärend, entlastend und stärkend wirken kann. So können Worte trösten und sogar heilen. Sie können Brücken bauen zu uns selbst, zu anderen, zur Zukunft und manchmal kommt ein Buch genau zur richtigen Zeit.
Wie ein Mensch, den man nie vergisst, weil er in einem schwierigen Moment da war, begleiten einen auch solche Bücher durch unsichere Zeiten. Leise, aber nachhaltig. ///
Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe September 2025.





