Die aktuellen Gewaltkonflikte auf der Welt bringen nicht nur direkt beteiligte Täter und Opfer hervor, sie sorgen nicht nur für grausamstes Handeln und unvorstellbares Leid, sondern auch für eine Verheerung des Seelenlebens der mittelbar Betroffenen. Wie können wir damit umgehen, wie uns nicht vereinzeln und uns der Depression ergeben, wie einigermaßen gesund bleiben?
Meine wenigen russischen Freunde leiden unter der Gewalt, mit der ihrer Armee befohlen wurde, gegen die ukrainische Bevölkerung Krieg zu führen. Zwar fürchten sie sich, dies offen und klar auszusprechen, aber es ist immer wieder erlebbar, wie sehr sie das Leid der Opfer belastet und wie schlimm sie es finden, wie sich das Bild ihrer Nation und die Kontakte zu anderen Ländern in der Welt verändert haben.
Meine Freunde in den USA sind wie paralysiert durch das disruptive, zerstörerische Vorgehen ihres Präsidenten in der Welt und bei sich zu Hause. Die Schlägertrupps der ICE, die marodierend durch die Quartiere fahren und aufgrund des Augenscheins wahllos Menschen verhaften oder in einem Fall sogar gleich erschießen, der Einsatz der Nationalgarde gegen die eigene Bevölkerung machen sie verzweifelt und sprachlos.
Meine Freunde in Israel sind entsetzt über das Vorgehen ihrer eigenen Armee gegenüber der Zivilbevölkerung im Gazastreifen und den Umgang mit den Palästinensern überhaupt. Sie sind traumatisiert durch die maßlose Gewalt, die die Hamas bei ihrem Überfall am 7. Oktober und später gegen die Geiseln ausgeübt hat. Wie damit leben? Wird man gelähmt? Muss man verstummen?
Einen individuellen Versuch macht nun mein Freund Udi Levy mit den von ihm übersetzten und herausgebrachten Gedichten unter dem Titel Sprache ist mein Schutzraum. Hebräische Lyrik nach dem 7. Oktober 2023.
Im Vorwort schreibt Udi Levy: „Die Erniedrigung und der Graus, welche 1945 enden, waren Voraussetzungen, auf deren Hintergrund mit der Gründung des israelischen Staats ein Biotop entstanden ist, in dem manches vom Erlittenen geheilt werden konnte. Die verfolgten und überlebenden Juden wurden zu Pionieren der Staatsgründung: eines sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Erfolgs, der während langer Jahrzehnte weltweit bewundert wurde. Das Ergehen der palästinensischen Menschen, deren Leid, Schmerz, Vertreibung und deren Präsenz und Identität wurden dabei in der Allgemeinheit kaum wahrgenommen; sie wurden weitgehend ignoriert und verdrängt.
Der 7. Oktober 2023 ist ein Bruch- und Wendepunkt des israelischen Selbstbewusstseins. Jetzt tendiert die Entwicklung der Gemüter einerseits in die Richtung eines politischen Rechtsrutsches, bedingt durch eine Mischung von Opferbewusstsein, Existenzangst und dem Gefühl der Überlegenheit gegenüber der palästinensischen Bevölkerung. Andererseits jedoch, dort wo eine entsprechende Sensibilität vorhanden ist, kommt solches zum Ausdruck, wie es hier in Druckerschwärze geprägt vorliegt: Vulnerabilität, Sensibilität, Verlust der Orientierung, Verzweiflung, Mitgefühl und auch Keime der Hoffnung. Und die Erkenntnis, dass der Weg der Gewalt und der Verkennung des Anderen zu keiner Befriedung führen kann.“
Diese Gedichte legen Zeugnis davon ab. Sie sind im hebräischen Original und in der deutschen Übersetzung einander gegenübergestellt. Zum Beispiel dieses hier:
Schutzraum
Jetzt, da der Tod umherschleicht
und die Pekannüsse sich an ihre Schale drücken
ist Hebräisch der Schutzraum
nichts wird mir zu Schaden kommen,
wenn ich unschuldig schönschreibe
nichts kommt zu Schaden
wenn ich in die Buchstaben gesaugt werde
wenn ich die Linie nicht verlasse –
zu einem i-Punkt geschrumpft bin
in ein S gedrängt bin oder
in den Bauch des G
mit den rollenden Tränen
des Umlautes.
Geliebte, Heilige Sprache –
jetzt, da alles zu seiner Zeit Frucht trägt
und alles diese Furcht erträgt,
da die Plantage ausgibt
und die Erde gepflügt
tue ich nur was Rilke sagt:
Lasse Schönheit und Schrecken mit mir geschehen,
ohne zu denken,
es sei endgültig.
Agi Mishol
Die Gedichte sind selbstverständlich von unterschiedlicher lyrischer Qualität. Es eint sie aber der Wunsch nach dem Freiheitsmoment zwischen Reiz und Reaktion, nach Beheimatung in der eigenen Sprachschöpfung, dem einzigen sicheren Ort.
… und dann, in einem Moment, eine Explosion.
Tausend Stücke
Tausend Teile,
Hier war ein Mensch,
Der sich überall hin zerstreute
und jetzt in aller Welt ist
und nirgendwo.
Am nächsten Tag, in einer Reihe, die Gutmütigen und Gutäugigen
überlegen,
wie man die Leere in einen leeren Sarg legt.
… den Hass hält man hier in der Hosentasche
und ist bemüht, sie nicht zu öffnen. Die Hoffnung
hängt man sich um und bemüht sich in den Spiegel nicht zu blicken …
… ein Rotkehlchen
wunderbar klein
rötlich
ernst
braune, ehrliche Augen
deshalb glaubte ich
als es an meinem Fenster weilte,
dass es etwas gibt wofür,
etwas für wen.
Meine Freunde in aller Welt und ich wollen nicht den Hass, nicht die Gewalt. Wir wollen den Anderen wahrnehmen und anerkennen, in seiner Andersartigkeit, in seinem Sosein. Wir alle sind in unserer Sprache zuhause. Wir werden eingeladen, laden die anderen ein zu verstehen. Manchmal braucht es nur die Übersetzung, wie hier von Udi Levy geleistet, damit wir verstehen: Sprache ist universell und kann uns daher im Frieden vereinen. Am Anfang war das Wort. ///

