Ein Gespenst geht um im digitalen Europa: der Populismus der Gerechten, Guten und moralisch Unangreifbaren. Die Medienlandschaft selbst ist dabei zum Tanzplatz der wechselseitigen Niveauunterbietung geworden.
Moment mal, haben wir nicht ein ganz anderes Problem? Zum Beispiel, dass die Zahl rechter, separatistischer und hasserfüllter Meinungsäußerungen und Gewalttaten in den letzten Jahren enorm zugenommen hat? Laut Reporter ohne Grenzen gab es 2024 einen starken Anstieg körperlicher Attacken gegen Medienschaffende in Deutschland. Viele Übergriffe ereigneten sich bei Demonstrationen der rechten Szene oder verschwörungsideologischen Gruppen. Die Angriffe umfassen körperliche Gewalt, Bedrohungen und Pöbeleien, was die Arbeit von Journalisten und damit die Pressefreiheit erheblich einschränkt. Zudem gibt es ein wachsendes Feld von rechten Hasskampagnen im Netz, antisemitische und rassistische Hetze sowie koordinierte digitale Einschüchterung gegen Journalisten. Besonders betroffen sind Frauen, migrantische Journalisten oder Menschen, die über Rechtsextremismus berichten. Hierbei spielen auch Medien und Telegram-Gruppen eine Rolle, denen bei der Verbreitung solcher Pöbeleien eine wichtige Rolle zukommt.
Die Ironie des Zeitgeistes wollte es leider so, dass gerade die einst Anständigen und moralisch Sakrosankten sich vieles bei diesen Demagogen und reißerischen Medien abgeguckt haben. Einige Medien aus dem sogenannten linken Spektrum tun so, als seien sie die letzten Verfechter von Demokratie, Wissenschaftlichkeit und gutem Journalismus, bedienen sich aber genauso populistischer Mittel und arbeiten mit fragwürdigen journalistischen Methoden. Momentan beschäftigten einige solcher Fälle die Gerichte, woraus sich manches über unsere Zeit und die Krise der Meinungswillkür, Verzeihung: Meinungsfreiheit, ableiten lässt.
Correctiv wird selber Korrekturfall
Der bekannteste Fall ist die Recherche des Medienportals Correctiv zu einem Treffen am 25. November 2023 in Potsdam, an dem der Recherche nach unter anderem der österreichische Rechtsextremist Martin Sellner, AfD-Politiker und weitere Personen aus dem rechten Milieu teilgenommen haben. Im Zentrum stand der Begriff „Remigration“ und die Frage, ob damit nur Abschiebungen gemeint seien oder auch Pläne, Menschen mit Migrationsgeschichte aus Deutschland zu verdrängen. Seitdem wird darüber politisch und juristisch gestritten: über den Inhalt des Treffens, über die Deutung des Begriffs „Remigration“ und darüber, welche Zuspitzungen Correctiv in seiner Berichterstattung verwenden durfte. So entschied das Landgericht Berlin im März 2026 über eine Klage der AfD-Abgeordneten Gerrit Huy: Drei konkrete Aussagen über das Potsdamer Treffen durften in Bezug auf sie nicht weiter verbreitet werden, darunter die Formulierung vom „Masterplan zur Ausweisung von deutschen Staatsbürgern“. Correctiv hat dagegen im April 2026 Berufung eingelegt, ein finales Urteil bleibt abzuwarten. Dass das Medium viele Ungereimtheiten verbreitet hat, wurde im Prozess deutlich.
Es zeichnet sich ein Muster ab: Erst einmal einen Artikel publizieren, der mit Falschaussagen spielt, Rufschädigungen billigend in Kauf nimmt, komplexe Inhalte polemisch verkürzt, populistisch aufgemacht ist bis in die grafische Umsetzung hinein, um dann in weiteren Schritten den Text wieder abzuändern, zu kassieren, abzuschwächen. Der Schaden für die Betroffenen und der Gewinn für die betreffenden Medien ist aber erstmal da.
Zwei weitere Fälle
Interessant sind neben dem Correctiv-Fall zwei kleinere Fälle: Der Schweizer Blog flimmer.media veröffentlichte im Sommer 2025 einen Artikel über zwei Pädagogen, die bei Görlitz eine Sommerschule auf einem in rechtslastigen Verruf geratenen Schloss durchführten. Die eine Lehrerin verlor daraufhin ihren Job an der Waldorfschule. Der andere Lehrer der Sommerschule, ein Schweizer, klagte gegen den Blog und erreichte einen gerichtlich vermittelten Vergleich, durch den das Blogportal seinen Namen komplett entfernen musste und seine Persönlichkeitsrechte gewahrt blieben. Seine Kollegin, eine Deutsche, konnte diesen Weg nicht gehen, da das Presserecht in Deutschland so weit ausgelegt wird, dass fast alle Äußerungen, auch wenn sie falsch sind, als „Meinung“ durchgehen und gerichtlich kaum erfolgreich gegen sie vorgegangen werden kann.
Um ebenjene Waldorflehrerin drehte sich auch ein Text von mir in der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung, in dem ich die Umstände ihrer Entlassung kritisch unter die Lupe nehme. Das linke Blogportal Volksverpetzer veröffentlichte daraufhin einen umfangreichen Schmähartikel über mich persönlich und die Ostdeutsche Allgemeine – wir würden „rechte Esoterik“ verharmlosen. Allerdings habe ich explizit vor den rechten Gefahren, um die es ging, gewarnt. Mit den von mir recherchierten Gründen der nicht souverän abgelaufenen Kündigung der Lehrerin meint das Medium, sich nicht auseinandersetzen zu müssen. Derzeit läuft ein presserechtliches Verfahren, wo wir Volksverpetzer durch eine einstweilige Verfügung dazu bewegen wollen, diffamierende und sachlich falsche Darstellungen aus dem Text zu widerrufen. Vor allem geht es um uns unterstellte Zitate in direkter Rede, die wir nie getätigt haben, um Faktenfehler und persönliche Herabwürdigungen Wir warten ab, was dieser Rechtsstreit bringt. Es wäre nur gerecht, sollten diejenigen, die die Faktentreue wie eine Monstranz vor sich hertragen, gerichtlich nachgewiesen bekommen, dass sie selbst Fakten missachtet haben.
Habe Mut, dich deines Wutköders zu bedienen
Interessant ist, dass Volksverpetzer zumindest in ihrem Mission Statement auf der Webseite gar keinen Hehl daraus macht, populistische Methoden anzuwenden. Sie schreiben: „Wir haben uns bewusst entschieden, auf Emotionen zu setzen, um Faktenchecks genau da viral gehen zu lassen, wo sie es normal schwer haben: In sozialen Medien. Wir nutzen die Methoden der Fake-Verbreiter gegen sie. Im Gegensatz zu diesen unseriösen Medien schreiben wir aber natürlich nichts, was nicht stimmt oder belegbar ist.“ Gerade der letzte Satz ist unwahr, aber die Richtung ist klar: Die Waffen des Populismus gegen ihn selbst wenden. Das ist ein heikles Spiel, schon Brechts „Die Maßnahme“ wurde von der RAF so ausgedeutet, dass jedes Mittel, auch Gewalt, legitim ist, sofern es einem guten Zweck dient. Dieser Gedanke ist sehr gefährlich, denn wer legt fest, was gut und richtig ist?
Der Ansatz von Volksverpetzer lässt sich auch als „Rage Bait“ bezeichnen. Dieser merkwürdige Begriff war das internationale Wort des Jahres 2025 und bedeutet zu Deutsch „Wutköder“. Genauer sind damit bewusst provozierende Inhalte gemeint, die gezielt Empörung, Wut oder Unverständnis auslösen sollen, um Klicks, Kommentare und Shares zu maximieren. Diese manipulativen Posts, Videos oder Aussagen nutzen die emotionale Reaktion der Nutzer, um den Algorithmus zu füttern und Reichweite zu generieren, oft unabhängig von der Wahrheit. Genau das tut Volksverpetzer, nur für die „Aufgeklärten“ und vermeintlich moralisch besonders Hochstehenden. Auch sie sollen sich mal richtig polemisch und emotional dem Hass und der Häme hingeben dürfen. Warum sollte das ein Privileg der Rechten sein? Das könnte man ihnen zugestehen, aber pervertiert ist doch das gleichzeitige Postulat von Faktentreue und journalistischer Sorgfalt, das viele dieser Medien vor sich hertragen. Die Zuspitzungen einer Bild-Zeitung oder von Nius stehen dem in nichts nach, mit dem Unterschied, dass diese Medien nie von sich behauptet haben, die Speerspitze der Objektivität zu sein.
Nur noch Position statt Diskurs
Ganz grundsätzlich scheint etwas Markerschütterndes an diesen medialen Entwicklungen auf: Moralische Position und Netzwerk ersetzen sachliches Argument und Diskurs – und zwar links wie rechts. Es geht immer weniger darum, was jemand zu sagen hat und welche Inhalte oder Gründe sein Wirken bestimmen, als vielmehr darum, mit wem er gemeinsame Sache gemacht hat. Für viele etablierte Medien ist klar, dass, wer beispielsweise mit Björn Höcke spricht oder den Friedensforscher Daniele Ganser einlädt, seinen Ruf verwirkt. Durch so eine Kontaktschuld kompromittiert zu sein, macht in den Augen der oben genannten Medien jeden rationalen Diskurs überflüssig: man hat sofort seine Berechtigung zu sprechen verwirkt durch die Besudelung der moralisch Verfemten, deren negatives Ansehen in einem magischen Akt auf einen selbst überzuspringen scheint. Der kürzlich verstorbene Philosoph Jürgen Habermas forderte den rationalen Diskurs, in dem der „zwanglose Zwang des besseren Arguments“ walten sollte. Davon sind wir meilenweit entfernt. Es gilt eher der schadlose, weltanschaulich reine Ort des moralisch absolut Integren. Wer hat die moralisch angesehensten Netzwerk-Verbindungen? Wer gilt den etablierten Medien als frei von jeder Kontaktschuld? Luisa Neubauer, Heidi Reichinnek, Gott? Ich weiß es nicht.
Moralische Visitenkarten statt geistiger Argumente
Es geht also um soziale Positionen in einem Netz der Moral. Dieses Geflecht von moralinsüßen und -sauren Positionen ist das Gegenbild zum rationalen Diskurs, in dem es um den Austausch von Argumenten geht. Hier geht es um moralisch aufgeladene Visitenkarten. Dieses wirkmächtige Ungetüm könnte man den „Normos“ nennen. Wo Diskurs war, soll Normos werden, ließe sich mit einem pessimistischen Seufzer der Zeitgeist apostrophieren. Ein wenig erinnert mich diese Ersetzung von Inhalten durch Netzwerkeffekte an Musiker-Biografien: In der Kurzvita eines Musikers stehen Sätze wie: „Er musizierte mit Anna Netrebko“, oder „Sie spielte an der Seite von Miles Davis“ und so weiter. Mein Wert als Musiker wird nicht durch einen Preisgewinn oder ein Ideal bestimmt, sondern mit wem ich auf der Bühne gestanden habe. Bei der Musik geht es um Schönheit, bei den journalistischen Medien um eine Verquickung des Wahren und Guten. Das Gute, Wahre und Schöne hat vielleicht den Mangel, nicht quantifizierbar oder eindeutig messbar zu sein. Darum gilt hier als Maßstab, was eine bestimmende Gruppe für gut, wahr und schön hält. Am Ende ist die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe wichtiger als die Inhalte, Musikstücke oder ethischen Handlungen. So weit ist es gekommen: Überwucherung der Zwecke durch die Mittel.
Auch in anderen politischen Lagern findet diese Verkürzung statt – jeder Grünen-Politiker wird ein Lied davon singen können. Statt bei den wichtigsten Aspekten unseres Lebens immer nur die Schulhof-Frage „wer mit wem?“ zu stellen, wäre es doch vielversprechender, die polyphone Symphonie der Demokratie zum Klingen zu bringen. Etwas Ordnung täte dabei gut: Worte Worte sein zu lassen und Taten Taten, und soziale Verbindungen als nicht mehr und nicht weniger als was sie sind: Beziehungen. Dann könnte man auch wieder mit Gewinn jemanden wegen einer schwierigen Personalverbindung kritisieren. Wenn es aber nur noch und ausschließlich um Positionen geht und gar nicht mehr um inhaltliche Standpunkte, kommen wir nicht vom Fleck und laufen Gefahr, uns in eine allumfassende Kontaktschuld zu verstricken. ///
Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe Juni 2026.



