Von mutigen Frauen

Michaela Schnur und Franziska Meinel, Geschäftsführerinnen vom Pflege-Impuls Dresden.
Michaela Schnur und Franziska Meinel, © Pflegeimpuls Dresden

2026 wird der 150. Geburtstag von Ita Wegman gefeiert. Das erinnert daran, was die Mitbegründerin der Anthroposophischen Medizin alles auf den Weg gebracht hat und wie sie heute noch wirkt. Doch es erinnert auch daran, welche Kräfte in jeder Frau zu Hause sind. Unsere Autorin hat einige Frauen aufgesucht.

Am 22. Februar 2026 jährte sich Ita Wegmans Geburtstag zum 150. Mal. Solche großen Jubiläen laden uns ein, zurückzuschauen. Doch was wäre, wenn wir diesen Anlass nutzen, um mit Ita Wegmans Augen ins Heute zu schauen, ins Hier und Jetzt? Was hat sie uns mitgegeben? Etwas, das in uns, in jeder einzelnen Frau lebt? Es ist jenes Wort mit nur drei Buchstaben: Mut.

Heilen braucht Mut und dieser Mut zeigt sich besonders in der Art, wie Ita Medizin als gemeinschaftliche, menschliche Aufgabe gedacht hat, als Heilkunst. Doch hinter all diesem wegweisenden Mut stehen immer einzelne Menschen: eine Seele, eine Situation und ein Moment, in dem Angst und Zweifel überwunden werden.

Mit Ita können wir heute nicht mehr sprechen. Aber wir können mit anderen mutigen Frauen sprechen, die heute in der Heilkunst wirken. In einer Zeit, in der Schnelligkeit, Termin- und Leistungsdruck viele Menschen immer weiter von sich selbst und voneinander entfernen, setzen sie Impulse für eine Welt, die wieder auf Vertrauen, Intuition und Augenhöhe gründet. Die beiden Geschäftsführerinnen Franziska Meinel und Michaela Schnur der Pflegeimpuls Dresden gGmbH sowie Maja Thiesen, Geschäftsführerin des Bürger- und Patientenverbands Gesundheit aktiv e.V., nehmen uns mit in die Heilkunst, aber vor allem in ihre persönliche Welt, in das Mutig-sein.

Gemeinsam heilen, gemeinsam führen

Für Ita war klar: Gesundheit entsteht nicht isoliert. Heilung braucht Zusammenarbeit. Zwischen medizinischen Berufen, zwischen Ärzt:innen und Patient:innen, aber auch zwischen Menschen, die gemeinsam Verantwortung für Gesundheit übernehmen. Zusammenarbeit ist auch das Rezept des Pflegeimpuls Dresden, denn Franziska und Michaela teilen sich die Geschäftsführung mit zwei weiteren Frauen. Der ambulante anthroposophische Pflegedienst (siehe auch Info3 im Oktober 2024) wurde 2016 gegründet. Heute wirken dort gemeinschaftlich über 15 Mitarbeitende. In der Gemeinschaft fällt es leichter, Ja oder Nein zu sagen. Im Miteinander wächst der Mut.

Auch wenn anfangs Steine im Weg lagen, denn von Banken und anderen Institutionen werden männliche Gründer schlicht ernster genommen. Doch weibliches Gründen trägt eine eigene Kraft in sich, sagt Michaela: „Ein männlicher Gründerkreis denkt oft sehr nach Vernunft. Wir als Frauen gehen auch ein Stück weit intuitiv vor. Wir verlassen uns darauf, dass in diesem intuitiven Raum etwas entsteht, auch wenn der nächste Schritt nicht ganz geklärt oder logisch ist.“ „Und wir haben den Mut, jeden einzelnen Menschen zu sehen und sich entwickeln zu lassen. Das intuitive Führen, dazu stehen wir!“, fügt Franziska hinzu.

Die Dynamik eines Führungskreises zu viert ist natürlich nicht immer einfach, aber in der Summe doch ein weit besserer Weg, als sich einem streng hierarchischen System unterzuordnen. Den besten Beweis liefert das Team selbst, wenn die Menschen sagen: „Unglaublich, was ihr für eine Einheit seid.“ Dazu gehört sicherlich auch der offene und ehrliche Umgang mit Fehlentscheidungen.

Klassische Frauenprobleme

Zwei Rollen, ein Leben. Als Mutter präsent sein, als Führungsperson Verantwortung tragen. Ansprüche, die täglich befriedigt werden wollen, manchmal auch zur gleichen Uhrzeit. Ein zerrissenes Bild, das viele Mütter nur zu gut kennen. Vereinbarkeit ist kein Bonus, der verhandelt werden muss. Sie ist eine Haltung. Und die beginnt nicht bei der Urlaubsregelung, sondern bei der Frage, wie ein Unternehmen den Menschen wirklich sieht. Bei Gesundheit aktiv werden diese Werte nicht nur nach außen vertreten, sondern auch innen gelebt. Der unabhängige, gemeinnützige Bürger- und Patientenverband unterstützt Menschen darin, die eigene Gesundheit aktiv selbst zu gestalten, Selbstheilungskräfte zu aktivieren und auch im Fall einer (chronischen) Krankheit eine gute Lebensqualität zu erhalten. So wird der Verband getragen durch die Leitlinie: „Wir wollen ein zukunftsfähiges Gesundheitswesen, das nah an den Bürger:innen und Patient:innen ist. Das bedeutet für uns, Menschen in den Mittelpunkt zu stellen statt den wirtschaftlichen Gewinn.” Für Maja Thiesen bedeutet das vor allem: Wer für die Gesundheit der Menschen eintritt, muss das auch von innen heraus leben. Alle, die dort arbeiten, sollen Bedingungen vorfinden, die das, was im Kleinen gilt, auch im Großen tragen. Menschen mit Kindern sind hier kein Ausschlusskriterium, im Gegenteil. Das echte Leben ist bei Gesundheit aktiv herzlich willkommen.

Das Konzept des Pflegeimpuls Dresden trägt einen besonderen Grundsatz in sich: emotionale Wurzeln „dranlassen“. Emotionale Radikalität bedeutet, dass Emotionen da sein dürfen. Auch die Wut. Kritik darf Platz haben, und manchmal ist die eben auch laut. So wird die Menschlichkeit immer wieder auf den Tisch gebracht und Wut wird transformiert in Mut. Denn Wut ist ein Ausdruck von Kraft – eine Kraft, die etwas bewegen kann. Und diese Kraft dürfen auch Frauen spüren, selbst wenn es in vielen Erziehungsstilen lange anders eingetrichtert wurde und wird. Auch Maja appelliert an junge Frauen: „Seid mutiger. Nicht wütend bleiben, sondern machen.“ Aus Wut wird Mut.

Sei, wer du bist, alle anderen gibt es schon

Majas Botschaft klingt einfach und ist gleichzeitig so mutig: Tu das, woran du Freude hast, und lass dich nicht verrückt machen. Lass dir deine Rolle im Leben nicht von anderen oder äußeren Erwartungen schreiben. Such dir deine Freiräume! Lust auf Kuchenbacken mit dem Kind am Nachmittag? Dann back ihn. Raus aus dem Kopf, rein ins Spüren.

Das knüpft an ein weiteres Element an, das Franziska und Michaela ergänzen: Authentizität. Alle vier Geschäftsführerinnen vom Pflegeimpuls sind so unterschiedlich und jede darf sein, wie sie ist. Genau darin liegt eine stille Stärke. Denn so verschieden sie auch sind, ein Impuls verbindet sie von Anfang an: das echte Interesse am Menschen.

Vielleicht ist es genau diese Haltung, die auch den nächsten Glaubenssatz ins Wanken bringt. Freundschaft und Beruf gehören getrennt, so lautet das gängige Credo. Doch was wäre, wenn wir genau das loslassen? Das Verbindende unter Frauen, die Schwesterlichkeit, trägt eine eigene Kraft in sich. Wir alle tragen eine 4000jährige patriarchale Prägung in uns, und es ist längst an der Zeit, sie aufzulösen. Arm in Arm durch die Welt zu gehen, ohne Konkurrenzdenken, ohne Neid, das ist keine Schwäche. Es ist eine der größten Stärken, die Frauen miteinander entfalten können.

Ins Vertrauen gehen

Angst und Mut sind keine Gegensätze, sondern Geschwister. Wo die eine ist, wartet der andere bereits. In Gesprächen über Angst und Mut taucht schnell ein weiteres Wort auf: (Ur-)Vertrauen. Ein Gefühl, das uns überallhin begleitet, auch an die finstersten Orte der Welt, und leise sagt: Du bist nicht allein. Du bist eingebunden in etwas Größeres. Michaela bringt es auf den Punkt: „Ich bin eingebunden in ein größeres Geschehen, das größer ist als das, was ich überblicke!“ Dieser Gedanke, verbunden mit einer aufrechten Körperhaltung, hat sie schon an dunklen Orten ganz alleine sehr mutig sein lassen. Auch Franziska kennt dieses Gefühl: „Ich bin eingehüllt, ich fühle mich eingehüllt vom Universum, vom höheren Selbst, denn alles ist verbunden.“ Wo Franziska sich diese Kraft holt, verrät sie auch: in der Natur, im Wald und an einer ganz bestimmten Wasserquelle, die nicht weit von ihrem Alltag entfernt liegt.

Mut klingt oft so groß. Dabei passiert er meist im Kleinen, im Alltäglichen. Dort gibt es viele Momente, die dazu auffordern, immer wieder über den eigenen Schatten zu springen. So beschreibt Maja das kleine Mutig-sein. Doch wenn es um große (Lebens-)Entscheidungen geht, um echte Ängste, verlässt auch sie sich darauf, dass schon alles gut werden wird, dass Entscheidungen, egal wie, ihre Richtigkeit haben. Und wenn die Überdenkerin in ihr doch mal wieder die Oberhand gewinnt, hat Maja einen pragmatischen Tipp: Das Schlimmste einmal aktiv durchdenken, und dann loslassen. Oder ganz nach dem Motto: Cross the bridge when you come to it. Löse Probleme, wenn sie auftauchen, nicht vorher.

Ich bin mir meiner selbst bewusst

Was alle drei Interviewpartnerinnen vereint, ist also diese eine Botschaft: Sei, wer du bist. Kenne deine Werte, denn genau das lässt uns mutig sein. Für Michaela ist es das Rückgrat, die Aufrechte: ihr Wegweiser zu dem, was ihr wirklich wichtig ist, und ihr Motor auf dem Weg zu Lösungen. Franziska spricht von Selbstbewusstsein in einem tieferen Sinne: Ich bin mir meiner selbst bewusst. Was ist mir wichtig? Welche Werte trage ich in mir? Diese Klarheit prägt auch, was im Unternehmen gelebt wird. Und auch wenn es ab und zu bedeutet, auf etwas zu verzichten, fühlt sich Franziska glücklicher, zufriedener, weniger anfällig für Krankheiten.

Selbstbewusstsein bedeutet aber auch, es nach außen zu tragen. Gegenüber der Gesellschaft, gegenüber Behörden. Wenn Bestimmungen der Gesundheitsbehörden nicht stimmig erscheinen, gehen Franziska, Michaela und ihre Mitgründerinnen Lisa und Yvonne in die Diskussion, sachlich und bestimmt, um gemeinsam kreative Lösungen zu finden. Kreativ zu sein in eingefahrenen Prozessen und das selbstbewusst nach außen zu kommunizieren – hier kommt ihnen ihre Sozialisation als Eltern in der Waldorfschule zugute: Fantasie entwickeln zu dürfen und Eigenständigkeit zu leben.

Ebenso braucht es das Bewusstsein und die Kreativität von Frauen wie Maja, offen auszusprechen, dass bestimmte Formen der Zusammenarbeit, wie beispielsweise Gremienarbeit, überdacht werden müssen. Denn Frauen sind dort noch oft unterrepräsentiert. Vielleicht auch, weil Gremienarbeit schlicht nicht mehr die richtige Form ist. Selbstbewusst müssen bestimmte Strukturen hinterfragt werden, um echte Gemeinschaft zu erschaffen und nicht nur eine weitere Möglichkeit, Positionen zu sammeln.

Typisch weiblich?

Eigenschaften wie Fürsorge, Empathie oder Beziehungsfähigkeit versteht die anthroposophische Menschenkunde grundsätzlich nicht als „weiblich“, sondern als Fähigkeiten, die jeder Mensch entwickeln kann. Gleichzeitig haben sich – auch in anthroposophischen Einrichtungen – historisch gewachsene Rollenbilder erhalten, in denen Sorgearbeit häufiger Frauen zugeschrieben wurde. In der anthroposophischen Perspektive geht es jedoch langfristig darum, dass sich sogenannte männliche und weibliche Qualitäten im Menschen verbinden und gegenseitig ergänzen.

Vielleicht stellt sich einfach eine ganz andere Frage als die nach dem typisch Weiblichen? Was sind zutiefst menschliche Eigenschaften, die wir nicht mehr leben können, weil wir als Menschen nicht mehr „artgerecht“ leben? Wie kann jede und jeder von uns mutiger sein, um das zu ändern?

Und wenn uns selbst mal wieder der Mut fehlt, dann erinnern wir uns an die mutigen Frauen um uns herum – oder an unsere Inspirationsfigur Ita Wegman. Denn Mut muss nicht immer aus uns selbst kommen; manchmal genügt es, den Blick auf jene zu richten, die uns vorangegangen sind. So wird aus der Suche nach dem Mut eine viel persönlichere Frage: Wie kann jede Einzelne und jeder Einzelne von uns Itas Leitspruch „Ich bin für Fortschreiten” in den eigenen Alltag tragen und damit ein kleines Stück ihres Geistes lebendig halten? ///

Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe Mai 2026.

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Über den Autor / die Autorin

Veronika Much

Veronika "Vroni" Much ist Gestalterin von Kommunikation und Begegnung. Nach fünfzehn Jahren in den Bereichen Pressearbeit, Online-Marketing, Social Media, Eventmanagement und Teamführung hat sie sich kürzlich mit ihrer Kommunikationsagentur timetosmile selbständig gemacht. Außerdem ist sie Dozentin an der Burke Akademie in München, wo sie Menschen in Ausbildung ihren schöpferischen Blick auf Kommunikation weitergibt.

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