Willkommen zurück, willkommen im neuen Schuljahr! Same procedure as last year? Völlig unvorstellbar, denn ich bin ja Waldorflehrerin. Und so wie ich das sehe und durchaus auch im Gespräch mit Lehrkräften anderer Schulformen gespiegelt bekomme, scheint mein Beruf einer der abwechslungsreichsten und spannendsten zu sein, den die Schulwelt überhaupt zu bieten hat.
Meine Klasse ist jetzt also im achten Schuljahr und damit stehen nicht nur wieder große Projekte an, sondern auch der Übergang in die Oberstufe, ein Abschied auf Raten. Zum dritten Mal für mich. Aber diesmal bin ich in Klasse 8 nicht mehr die Klassenlehrerin, sondern mit einer Kollegin, Seite an Seite ein neues Betreuerteam. Oberstufenlehrer:innen übernehmen bereits Epochen. Wir arbeiten an einer großen Theaterproduktion, Prinz und Bettelknabe von Mark Twain hat sich die Klasse ausgesucht. Doch fallen in der Werkstatt nicht nur Späne für das Bühnenbild. Jede Schülerin, jeder Schüler arbeitet außerdem an einem eigenen Stechpaddel, für unsere große Paddeltour am Ende des Schuljahres.
Doch die wohl aufregendste und schönste neue Aufgabe wartete bereits am zweiten Schultag. Als älteste Klasse im Klassenlehrerbereich sind wir die Paten der neuen ersten Klasse. Da wurden Schultüten und Namensschilder gebastelt, liebe Willkommensbriefe geschrieben, dann die Kleinen an ihrem ersten Tag zum Rosenbogen und später im neuen Alltag auf dem Schulweg, in die Pausen oder zur Ganztagsbetreuung begleitet. Ganz schön gereift sind meine Lieben in den letzten Wochen, das Halbstarke tritt etwas in den Hintergrund. Jedenfalls im Moment.
Wir sind mit einer fünfwöchigen Geschichtsepoche in das Schuljahr gestartet. Täglich kommen auch politische, aktuelle Entwicklungen auf den Tisch. Schließlich finden wir immer wieder Parallelen zur heutigen Zeit. Ich schreibe hier gerade über die ersten zwei Schulwochen. Liebe Leserin, lieber Leser, spüren Sie den Raketenstart, den wir mal wieder hinlegen? Die vielen Themen, die da nebeneinander herlaufen und doch so viel miteinander zu tun haben. Vielleicht ist das die eigentliche Magie von Schule: Wir können aus der Geschichte lernen, während sie gerade geschrieben wird. Meine Achtklässler:innen erkennen, dass die Welt nicht nur „da draußen“ passiert, sondern dass sie selbst Teil dieser Geschichte sind – und Verantwortung tragen. Das ist manchmal unbequem, oft herausfordernd, aber immer ein Geschenk und übrigens genau der Funke Leben, der diesen Beruf so spannend und abwechslungsreich macht. Wenn ich sehe, wie meine Lieben die Erstklässler an die Hand nehmen, sich lieb kümmern, ihnen Mut machen, dann spüre ich: Hier wächst etwas zusammen, was die Welt dringend braucht. Vielleicht ist das der Clou eines jeden neuen Schuljahres: Es geht eben nicht nur um Aufgaben, Projekte und Arbeiten. Es geht darum, Schritt für Schritt Menschen zu werden, die für sich selbst und andere einstehen können. In einer Zeit, die so viele Fragen stellt, ist das vielleicht das wichtigste Lernziel überhaupt.
Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe Oktober 2025.



