Studie über Vorfälle in den 1990er Jahren
Über 30 Jahre nach schweren Übergriffen durch einen Klassenlehrer hat die Freie Waldorfschule Überlingen diese Vorgänge durch das Münchner Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) extern aufarbeiten lassen. Anfang Oktober wurde die Studie vorgestellt – sie dokumentiert ein dramatisches Versagen der damaligen Schulverantwortlichen. Der Lehrer war 1990 angestellt worden, obwohl es Hinweise auf seine pädosexuellen Neigungen gab. Dreieinhalb Jahre lang scheint er seine Klasse regelrecht terrorisiert zu haben: Ehemalige Schüler:innen schildern impulsive Ausbrüche sowohl körperlicher als auch psychischer Gewalt. In der Studie heißt es, der Lehrer habe seine Funktion als Lehrer grundsätzlich dazu benutzt, „die Schüler:innen einzuschüchtern, zu ängstigen, herabzusetzen und emotional zu manipulieren.“ In mindestens vier Fällen habe er sexualisierte Gewalt an Kindern verübt. 1993 kam es zur Trennung von der Schule, eine Aufarbeitung der Vorgänge blieb jedoch aus.
Angestoßen durch eine Foto-Ausstellung zum 50jährigen Schuljubiläum waren die Geschehnisse 2022 erneut zur Sprache gekommen. Angesichts fehlender verlässlicher Informationen beauftragten die heutigen Schulverantwortlichen die Aufarbeitung durch das IPP. Die Betroffenen waren in diese umfassend eingebunden. Die Untersuchung bringe endlich Licht ins Dunkel, so Schulvorstand Wilko Braa, die Schule habe sich – wenngleich drei Jahrzehnte zu spät – ihrer Verantwortung gestellt: „Die damalige Schulleitung treffen schwere Versäumnisse und Fehler. Für das, was sie in den neunziger Jahren den Betroffenen mit diesem Fehlverhalten auferlegt hat, möchten wir uns heute als Nachfolger der damaligen Schulleitung bei ihnen entschuldigen. Es erfüllt uns mit Fassungslosigkeit, was sie erleben mussten.“
Die Studie halte den Waldorfschulen „einen Spiegel der 1990er-Jahre vor, in den wir blicken müssen“, so Nele Auschra, Vorstand und Sprecherin des Bundes der Freien Waldorfschulen (BdFWS) in einer Stellungnahme. Das Forschungsteam konstatiere „ideologische Risikobedingungen“ der damaligen pädagogischen Praxis. „Es ist schmerzvoll, diese historische Realität zu erkennen. Die lange Zeit der Nichtbeachtung, die offensichtliche Verharmlosung und die Täter-Opfer-Umkehr sind für uns schwer zu ertragen“, so Auschra weiter. Gleichzeitig verweist der Verband auf die wissenschaftliche Weiterentwicklung der Waldorfpädagogik in den letzten 25 Jahren, die „entscheidende Fortschritte“ gebracht habe: „Die Stellung der Klassenlehrkraft, die anthropologischen und persönlichkeitspsychologischen Ansätze der Entwicklungsbetrachtungen und moderne, gesunde Formen der Selbstverwaltung – alles Themen, die durch die Studie im zeitlichen Kontext sehr kritisch reflektiert werden – werden intensiv weiterentwickelt.“
2022 haben sich alle deutschen Waldorfschulen zur Erstellung eines Schutzkonzepts verpflichtet. Der BdFWS hat dazu eine Anlaufstelle eingerichtet, Handreichungen entwickelt und das Thema in seinen Aus- und Weiterbildungsstätten verankert. „Damit sind die Voraussetzungen für einen sensibilisierten, professionellen Umgang in der Gegenwart geschaffen“, so Eva Wörner, Vorstandsmitglied und zuständig für Gewaltprävention im BdFWS, und ergänzt: „Die in der Vergangenheit liegenden Fälle von Gewalt lassen sich jedoch nur durch eine institutionelle Aufarbeitung angemessen bearbeiten.“ Nur dann könne den Betroffenen der ihnen gebührende Respekt gezollt werden und substanzielle strukturelle Voraussetzungen beseitigt werden. – BdFWS/Waldorfschule Überlingen/IPP/Red./lk
Studie zum Download:
=> Sexualisierte, körperliche und psychische Gewalt an der Waldorfschule Überlingen

