Als Polly wie so oft nach dem abendlichen Feiern mit ihren Freundinnen mit einem mächtigen Kater aufwacht, beschließt sie, von jetzt auf gleich mit dem Trinken aufzuhören, für immer. Sie ist diszipliniert und sicher eine Ausnahmeerscheinung. Aber das Hörspiel, das die ARD zum diesjährigen Dry January produziert hat, setzt den Schwerpunkt weniger auf den Kampf mit dem Alkohol als auf die inneren Freiräume, die Polly in sich entdeckt.
Polly ist beruflich erfolgreich in einer Szene, in der der Rausch dazugehört – bei jeder Gelegenheit wird gefeiert. Nun aber hat sie „das Gefühl, das Trinken nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Ich weiß eigentlich überhaupt nicht mehr, wer ich bin ohne Alkohol.“
Bei ihren Abstinenzbemühungen stützt sie sich auf einen Chat, in dem sie sich mit Gleichgesinnten austauscht und Unterstützung findet, aber auch die Rückfälle anderer Teilnehmer begleitet. Das Hörspiel besteht größtenteils aus einem Protokoll dieser Chats und reflektiert immer wieder auch die gesellschaftlichen Bedingungen, die ein Leben ohne Alkohol erschweren. So meidet Polly das Ausgehen mit den Kolleginnen, erzählt denen aber, sie nehme Antibiotika und trinke deshalb gerade keinen Alkohol. Im Chat erfährt sie, dass das Umfeld verständnislos reagiert, wenn jemand nicht mittrinken will. Es wird einen Monat dauern, bis sie einer Freundin von ihrer Abstinenz erzählt.
Nach und nach lernt sie, sich nichttrinkend im trinkenden Umfeld zu bewegen. Konversationen, die sie mit trinkenden Menschen führt, erlebt sie „wie hilflose Versuche gegen tatsächliches Empfinden, tatsächliche Begegnung.“ Sie entdeckt, dass sie den Alkohol besonders in solchen Situationen benutzt hat, „als Euphorievergrößerer und Kommunikationsbrücke. Aber auch als Abstandhalter zu mir selbst.“ Aber nach und nach lernt sie, dass „Verantwortung für mich zu übernehmen auch heißt, die Verantwortung für den kulturellen Aspekt des Alkohols zu übernehmen. Ich merke, wie ich aus dem Selbstbezogensein der Abstinenz hinwachse zu einem neuen Normal – in dem ich die Kultur kapere und das selber herstelle, was Alkohol sonst ganz nebenbei hergestellt hat: Verschwisterung, Nähe, Zugewandtheit, Festivität.“ Es sind Beobachtungen wie diese, die das Hörspiel anhörenswert machen.
Natürlich kämpft sie auch mit den „Biestern“, die sie abhalten wollen von der Abstinenz, sie bildet neue Routinen aus und beobachtet, was sie triggert. Spannender aber ist der innere Freiraum, der entsteht. „Zum ersten Mal kommt der Schmerz spitz und klar und nicht als dumpfer Brei“, beobachtet sie am Jahrestag des Todes ihres Partners. „Ich spüre so viel auf einmal. Jede kleine Regung wird mir zum Ereignis. Jedes Teilchen vibriert. Ich fühle in einer Tiefe, mit einer Klarheit, mit einer Ehrlichkeit von vierdimensionaler Qualität. Als könnte ich mich durch die Zeit hindurch reparieren.“ Sie begrüßt „diese Klarheit, die die Nüchternheit mit sich bringt: dass ich immer zu jeder Zeit zu allem in der Lage bin. Was für ein Geschenk!“
Nach einem halben Jahr bemerkt sie an sich: „Auch wenn die Dunkelheit an manchen Tagen durchdrückt – ich fühle eine Freiheit wachsen, die ich liebe.“ Und nach neun Monaten: „Ich kann die Welt aushalten ohne den Puffer. Ich kann Euphorie empfinden, ohne sie durch Alkohol auszulösen.“
Und am Ende des ersten Jahres freut sie sich: „Die Klarheit ist immer noch überwältigend schön. Ich wusste nicht, wie viel ich wahrnehmen kann, wie tief ich in mich tauchen kann, wie funkelnd Bewusstsein ist. Wie frei ich entscheiden kann.“
Es ist eine fundamentale Veränderung, die Polly erlebt und die der Alkohol zugedeckt hatte. Dabei hört man Sandra Hüller und ihren sprechenden Kollegen gerne zu. ///
Polly – Leben ohne Alkohol: Eine Selbsterfahrungsreise. Hörspiel von Karen Köhler mit Sandra Hüller in der Titelrolle, 2026, 74 Minuten.
Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe Februar 2025.



