An einem frühsommerlich warmen Wochenende findet in Wien ein mit 113 Ständen ausnahmslos der Kulinarik gewidmetes „Genussfestival“ statt. Schon zur Mittagszeit fließt der Wein in Strömen, an den Essensbuden bilden sich lange Schlangen. Mein Weg führt quer durch das große Parkgelände; ich kämpfe mich durch die Menschenmassen und höre lächelnd den Kommentar eines hinter mir ebenfalls feststeckenden Mannes – ich zitiere wörtlich: „Gfressn und gsoffn wird immer.“
Der Teil der integralen Theorie Ken Wilbers geht mir durch den Sinn, der die Stufen des Bewusstseins beschreibt, die man auch anhand der individuellen Entwicklung eines Menschen gut nachvollziehen kann: Bei unserer Geburt starten wir auf der untersten Bewusstseinsstufe, auf der das Stillen der Grundbedürfnisse absoluten Vorrang hat: essen, trinken, verdauen, schlafen, Wärme und Geborgenheit spüren. Im Lauf des Lebens hangeln wir uns Stufe um Stufe nach oben und erweitern bestenfalls unser Bewusstsein von einem egozentrierten Weltbild hin zu der Erkenntnis, dass alles mit allem verwoben ist und wir Teil des großen Ganzen sind, das es im Sinne der Evolution weiterzuentwickeln und zugleich zu schützen und zu bewahren gilt. Diese Entwicklung ist keine lineare, sondern wir können auf der Bewusstseinsleiter wieder nach unten rutschen. Diese Theorie der „Spiraldynamik“ geht davon aus, dass uns Angst in bereits überwundene Erkenntnisstufen zurückfallen lässt. Auch Steiner schreibt in seinem Ergebenheitsgebet: „Durch Angst und Furcht wird unsere Entwicklung gehemmt.“ Ich werde den Gedanken nicht los, dass die derzeit zuhauf grassierenden Ängste geeignet sind, uns kollektiv in diese Falle zu locken. Vielleicht liegt es auch an Vielfalt und Komplexität der Themen, mit denen wir uns beschäftigen sollten, dass wir – ähnlich reizüberfluteten Kindern – kapitulieren und uns stattdessen in oft überbordendem Ausmaß dem Essen und Trinken zuwenden oder anderen Konsumräuschen frönen. Ich will mich nicht als stoische Spaßbremse gegen die Kunst des Genießens aussprechen, doch frage ich mich: Können wir als mit brillanten Gehirnen ausgestattete Spezies andere Formen und Inhalte des Genusses finden, zum Beispiel den Zugewinn an Erkenntnis oder den Denkprozess an sich?
Was bedeutet für Sie „Genuss“? Wann können Sie beim Tagesrückblick im Brustton der Überzeugung sagen: „Diesen Tag habe ich genossen“? Für mich gehören meist Begegnungen mit Menschen dazu, gute Gespräche mit Gleichgesinnten oder zumindest in einer Gesprächskultur, in der man einander respektvoll zuhört und versucht, die Position des anderen nachzuvollziehen. Manchmal genieße ich es auch, allein zu sein, ganz bei mir, versunken in meine Gedanken und Gefühle, wahrnehmend, was aus meinem Innersten aufsteigt und in mein Bewusstsein dringt. Genießen kann ich auch, Neues zu lernen, durch gute Lektüre meinen Horizont zu erweitern oder von jemand anderem etwas beigebracht zu bekommen. Nicht zuletzt sind es für mich genussreiche Momente, wenn ich spüre, dass ich zumindest im Kleinen etwas bewegen oder verändern kann von dem, was ich an Veränderungswürdigem in dieser Welt erkannt habe. Wirksamkeit als Quelle von Genuss! Von einem Sportartikelhersteller erfuhr ich, dass die Werbeabteilung nicht mehr Nachhaltigkeit in den Vordergrund stellen darf, sondern „Fun“. Die Spaßgesellschaft will das offenbar so. Bedeutet „Fun“ Genuss? Vielleicht nehmen Sie diese Frage mit in hoffentlich genussreiche Sommermonate, die ich Ihnen von Herzen wünsche.
Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe Juli/August 2026.



