Haben Sie auch den Eindruck, dass mancher Mitmensch unter „Meinungsfreiheit“ versteht, frei von einer Meinung zu sein, sprich: keine Meinung zu haben? Vor allem im Gespräch mit jungen Leuten fällt mir auf, wie oft sie „Keine Ahnung!“ sagen. Mein Mann und ich erkundigen uns gern nach Gründen für Überzeugungen oder Handlungen. So nutzten wir zum Beispiel die Begegnung mit einem Jugendlichen zur Nachfrage, warum er sich tätowieren lässt. Die Antwort: „Keine Ahnung. Weiß nicht.“ Man macht einfach – ohne zu hinterfragen, weshalb.
Relevant erscheint mir auch die Frage nach den Quellen, die Menschen als Grundlage für ihre Meinungsbildung nutzen. Zeigt sich in einer Diskussion, dass sich Gesprächspartner zu einem Thema nur über Social Media informiert haben, während man selbst Fachbücher gelesen hat, stellt sich bald eine argumentative Schieflage ein, die eine sachliche Auseinandersetzung mit Erkenntniszuwachs auf beiden Seiten erschwert oder unmöglich macht. Algorithmen vermitteln einen oft engen Blickwinkel auf Sachverhalte, während wir etwa in einer Bibliothek eine Bandbreite an Texten vor uns haben und mit unserer natürlichen Intelligenz entscheiden, welche gegebenenfalls auch kontroversen Autoren wir zu einem Thema konsultieren möchten.
Das Recht auf Meinungsfreiheit zu nutzen, setzt also voraus, dass man überhaupt eine eigene, möglichst auch noch fundierte, wenngleich im besten Fall nicht fundamentalistisch zementierte oder irreversible Meinung hat. Wo Rechte sind, gelten in der Regel auch Pflichten. Zwar gibt es keine gesetzlich verordnete Pflicht zur Ausübung des Rechts auf freie Meinungsäußerung, doch für mich persönlich schwingt schon immer eine moralische Pflicht in diesem sowohl historisch als auch weltweit betrachtet keineswegs selbstverständlichen Grundrecht mit. Man kann diese moralische Verpflichtung auch Zivilcourage nennen. Zur eigenen Meinung zu stehen, fällt relativ leicht, solange man damit zur Mehrheit gehört. Als weiße heterosexuelle, akademisch gebildete Mitteleuropäerin mit gemäßigten politischen Überzeugungen befand ich mich bis 2020 höchstens in meiner Eigenschaft als Frau manchmal in Minderheitssituationen oder aber aufgrund unbedeutender Merkmale wie etwa meiner Linkshändigkeit. 2020 erlebte ich erstmals, was es heißt, zu einer öffentlich diffamierten Minderheit zu gehören: Meine nach gründlicher Lektüre von Sachbüchern bewusst getroffene Entscheidung gegen die Covid-Impfung ließ mich am eigenen Leib erfahren, wie viel mehr Mut und Überwindung es kostet, vor aller Welt zu seiner Überzeugung zu stehen, wenn diese nicht nur konträr zur herrschenden Meinung ist, sondern auch noch als brandgefährlich und unsolidarisch geframt wird. Auch auf den entsprechenden Demonstrationen erlebte ich ein neues, sehr unangenehmes Gefühl, denn vorher war ich immer auf der gesellschaftlich anerkannten „richtigen“ Seite gestanden, etwa nach Anschlägen auf jüdische Einrichtungen oder Attentaten auf Menschen mit Migrationshintergrund. Erstmals zur diskreditierten Minderheit zu gehören, empfand ich als ungeheuer belastend.
Seither zolle ich den Menschen noch mehr Respekt, die als medial oder physisch verfolgte Minderheiten in angemessener Form mutig von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machen. Um wieviel mehr sollten wir das tun, wenn wir weder mediales Bashing noch lebensbedrohliche Sanktionen befürchten müssen. Ein Hoch also auf die Bildung einer Meinung und den Mut, zu ihr zu stehen!
Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe Juni 2026.



