Entgiftungskur statt Meinungsschlachten

Silhouette eines Kopfes mit einem Vogelkäfig.

Insbesondere in den Sozialen Medien nehmen Meinungsäußerungen oft zwanghafte Züge an. Überlegungen zu der Frage, wie innere Achtsamkeit im Umgang mit Meinungen hilfreich sein kann.

„Eine Meinung zu etwas zu haben, heißt die Kontrolle darüber zu übernehmen. Um etwas nahe zu sein und sich davon ausfüllen zu lassen, ist das Gegenteil erforderlich, es kommt darauf an, die Kontrolle aufzugeben und passiv zu sein. Ob man eine Meinung zu etwas hat oder etwas nahe ist, bildet den Unterschied zwischen Raum einnehmen und Raum lassen. Ersteres hat in unserer Kultur zweifellos Vorrang, und das Passive, nicht zu handeln, wird nicht sonderlich geschätzt.“ – Karl Ove Knausgard in dem Essayband Im Augenblick

Meine fünfzehnjährige Tochter zeigte mir kürzlich YouTube-Videos des Influencers Marcant. Er interviewte Teilnehmer einer mit der AfD sympathisierenden Demo. Dabei war er seinen Gesprächspartnern rhetorisch so haushoch überlegen, dass es ein Leichtes war, diese zu überführen. Sie machten sich von selbst lächerlich, und meine Tochter hatte es mir wegen dieses Unterhaltungswertes auch zeigen wollen – abgesehen davon, dass sie die Aufklärungsarbeit von Marcant gut fand und seine politischen Ansichten teilte. Beim Zuschauen taten uns vor allem die jüngeren Interviewten regelrecht leid, weil sie sich so ungeschickt anstellten und weil sie der Strategie des Interviewers, ihnen ihre Widersprüche zu spiegeln, hilflos gegenüberstanden. Sie wurden darüber gar nicht mal aggressiv. Sie wurden erst unsicher und dann trotzig, fast wie Kinder. Sie kamen mir vor wie Menschen, die gerne unbedingt eine klare Meinung gehabt hätten, aber gar keine formulieren konnten, sondern nur ein diffuses Gefühl. Sie wollten, mit Knausgard gesprochen, Raum einnehmen, wollten aktiv werden, und eine Kundgebung auf der Straße, zusammen mit vielen anderen, eignete sich ihrer Ansicht nach dafür. Hier fühlten sie sich sicher. Hier würden sie von Gleichgesinnten hören, was sie selber denken, hier würden sie „alles sagen“ dürfen.

Aber ob sie überhaupt etwas zu sagen haben? Und ob ihnen die Meinung anderer Mitbürgerinnen und Mitbürger genauso zu denken gibt?

Es mag riskant sein, sich in die Unsicherheit dieser Menschen hineinfühlen zu wollen, um solche Kundgebungen psychologisch zu verstehen. Aber vielleicht macht es dennoch Sinn, sich einmal zu fragen: Wo bin ich selber manchmal unsicher und halte mich lediglich an etwas fest, einem Gefühl oder einem Konzept, das ich dann „meine Meinung“ nenne?

In manchen moralischen Auseinandersetzungen fällt eine klare Positionierung schwer. Bei mir ist es beispielsweise so: Wenn ich mit anderen zusammen etwas diskutiere oder plane und dabei Konflikte entstehen, muss ich schon sehr von meinen Ideen überzeugt sein, um sie durchzusetzen oder auf ihnen zu beharren. Ich vertraue einer Meinung, wie etwas in unserer Gesellschaft oder bei irgendeiner Sache laufen solle oder was in dem Moment gut sei, dann, wenn sie sich gleichsam organisch zwischen allen Beteiligten gebildet hat. Wenn man sich in einer Mitte trifft, die vorher gar nicht da oder sichtbar gewesen war. Diese Mitte ist nicht der faule Kompromiss, und auch nicht die mit Fleiß in langen Nächten verhandelte „Sprachregelung“. Es ist nichts, das ich einräume, und der Andere räumt auch etwas ein und dann herrscht ein trügerischer Friede. Die Mitte ist eher etwas, das aus einem ganz anderen Raum, einer anderen Räumlichkeit und Sphäre kommt, etwas zwischen „meinem“ und „deinem“, etwas für alle Einleuchtendes.

Freiheit von Meinungen

Gewiss, das mag eine sehr idealistische Erwartung sein. Außerdem tangiert diese Dimension von „Meinung“ und das darin verborgene Leitbild der Einmütigkeit den aktuellen gesellschaftlichen Diskurs nur peripher. Das Problem sind ja derzeit eher die vermeintlichen oder tatsächlichen Denkverbote, die Meinungsfreiheit in einem ganz anderen Sinn.

Und dennoch: Kann es auch einen Überdruss an Meinungs-Kundgebung geben? Kann das Bedürfnis entstehen nach einer Freiheit von Meinungen – nach einem wirklich freien Raum der Begegnung und des Austauschs, in dem die eigenen Gedanken im Wortsinn, sozusagen per „Gefangenenaustausch“, in den Kopf meines Nächsten gelangen und sein Herz erreichen? Vielleicht würden es unsere Gedanken ja als Befreiung erleben. Vielleicht würde es sie interessieren zu erfahren, wie es sich anfühlt, von einem Anderen gedacht zu werden und in einen neuen Denk- und Lebenszusammenhang zu geraten. Sie würden danach nicht mehr „meine“ sein, sie würden sich verwandeln (lassen) müssen. In der Tat braucht es dafür Mut. Mut, die Kontrolle aufzugeben. Mut, Fremdes zu erkunden. Mut, sich einzulassen.

Auf allen Kanälen werden heute Kommentare zu Kommentaren abgegeben und Meinungen zu Meinungen geäußert. Man gibt sie ab wie Visitenkarten. Man drückt auf „Senden“ und hat sein Revier markiert. Vor lauter aufgeregtem Geplapper werden die Meinungen tatsächlich austauschbar. Wir sind wie gefangen in einem sich selbst am Leben haltenden System von lauter Ansichten zu etwas. Vor allem halten sie sich im Netz am Leben und können dort jederzeit aufgespürt und willkürlich geframed und skandalisiert werden. Teilen wir unsere Gedanken wirklich noch, oder teilen wir sie einander lediglich mit? Verlieren wir vor lauter Ansichten die Über-Sicht?

Wie wäre es mit einer Entgiftungskur? Wir könnten eine Zeitlang versuchen, bei kontroversen Themen zunächst nur zu schildern, wie wir dieses und jenes erleben, ohne Bewertung. Wir würden gelassen schweigend mit den Schultern zucken, wenn wir mal wieder mit einer Umfrage behelligt werden. Oder würden antworten: „Oh, wir machen gerade eine Meinungsdiät, eine Meinungs-Fastenkur, geistiges Detoxing!“ Statt der Pistole auf der Brust und des gierigen Mikros vor unserer Nase, statt des belehrend wedelnden Zeigefingers und all der gesenkten oder gehobenen Daumen – eine freundlich ausgestreckte Hand.

Vielleicht fänden wir so zu einer wirklich „eigenen“ Meinung. Egal zu welchem Thema. Sie würde so dermaßen „eigen“ sein, so dermaßen überraschend, erfrischend und individuell, dass sie schon gar nicht mehr wie eine Meinung aussähe. Sondern wie ein Mensch.

Fragen stellen statt bloßstellen

Aber so einfach ist es natürlich nicht. Es gibt Orte auf der Erde, wo Menschen sich nach Meinungsfreiheit sehnen, und solche wohlfeilen philosophischen Betrachtungen würden sie vermutlich als Luxus empfinden. Doch gerade in Ländern, wo die freie Meinungsäußerung unterdrückt wird, ist sie eben auch noch etwas Existenzielles, das mit dem wirklichen Leben und mit konkreten alltäglichen Erfahrungen zu tun hat. In Deutschland hingegen herrscht in manchen Foren und Bubbles eher ein Überdruck im Kopf. Allzu viele Schlachten, die wir erbittert vom Zaun brechen, sind hauptsächlich geprägt von Ideologien. Die AfD hat auch deshalb Erfolg, weil Menschen sich aus dem Raum ihrer Erfahrungen und der Gültigkeit dieser Erfahrungen ausgeschlossen fühlen. Sie orientieren sich an Ideologinnen und Ideologen, weil sie keine Idee von sich selber haben und weil in unserer Gesellschaft vielleicht auch grundsätzlich – spirituell betrachtet – Ideen fehlen.

Meine 1925 geborenen und inzwischen verstorbenen Eltern stritten sich so gut wie nie, und wenn sie es einmal taten und ich es mitbekam, beschwichtigten sie: Sie hätten nur eine kleine „Meinungsverschiedenheit“ gehabt. Ein typisches Fünfzigerjahre-Wort. Aber was für ein schönes eigentlich! Wo wir „verschieden“ sind, ruhen wir in Frieden in uns selbst, aber trinken noch Kaffee miteinander. Könnten wir nicht auch unsere Vorstellungen sterben lassen und „opfern“, sobald wir den Raum des Gesprächs betreten, anstatt dass unentwegt Mitmenschen schlagartig „für uns gestorben“ sind, sobald sie eine bestimmte Meinung vertreten, und deshalb auf Podien niedergeschrien werden?

Das Raumöffnende, das die Freiheit der eigenen Meinung und den Meinungsüberdruss miteinander versöhnt, ist die Frage: die wirkliche, echte Frage an den Andern – weder die rhetorisch spitzfindige, politisch überführen wollende, die nur Bestätigung sucht, noch die belanglos-konventionelle Smalltalk-Frage, die gar keine Antwort will. Sondern die den Blick wendende, die sich berühren lassen wollende Frage, aus der Neues hervorgeht. Bei der man allerdings – nach Karl Ove Knausgard – die Kontrolle abgeben muss.

Der Influencer Marcant hat, trotz des aufklärerischen Anliegens und seiner natürlich auch legitimen Strategie, nur zum Schein gefragt, nicht authentisch; eigentlich wollte er bloßstellen. Auch Sympathisanten rechtspopulistischer Parteien fragen oft nicht wirklich interessiert, etwa den Geflüchteten: Was hast du erlebt? Erzähl mir. Und manche Linke würden es ebenfalls als Zumutung empfinden, mit einer solchen Haltung auf einander zugehen zu sollen.

Knausgards Kontext ist übrigens das Romanschreiben, das Erzählen. Weil Meinungen, die Romanhelden in den Mund gelegt werden, sich im selben menschlichen Raum begegnen, sind fiktive Geschichten vielleicht so befreiend: als Perspektiven auf eine Welt, die uns allen gehört und in der alle gehört werden. ///

Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe Juni 2026.

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Über den Autor / die Autorin

Andreas Laudert

Andreas Laudert, geboren 1969 in Bingen/Rhein, studierte Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin sowie Theologie. Eine Zeitlang war er Priester der Christengemeinschaft. 2019 schrieb er das Drehbuch für den Spielfilm CaRabA und 2025 Unter den Augen des Himmels über das Leben Rudolf Steiners. Er hat eine vierzehnjährige Tochter und arbeitet als Oberstufenlehrer für Deutsch und Ethik in Norddeutschland und Berlin.