„Das Unbezahlbare ermöglichen“

Das Franz!werk-Team

Wie lässt sich in einem Unternehmen das Gemeinschaftliche stärken? Welche Formen ermöglichen ein solidarisches Zusammenarbeiten? Das Franz!werk in Tübingen, das sich mit einem Ausrufungszeichen in der Mitte schreibt, ist ein Coworking-Space der besonderen Art und mit eigener Atmosphäre. Ein Besuch.

Wie ist die Idee für das Franz!werk entstanden?

Franziska Stromberg (FS): Es war eigentlich ein Zusammenspiel aus Not und Vision. Es gab eine Gruppe von Menschen, die sich regelmäßig in Cafés und Wohnzimmern traf, um an Ideen und Projekten zu arbeiten – klassisches Coworking eben, aber ohne Raum dafür. Irgendwann wurde klar: Diese Stadt braucht einen Ort, an dem Ideen wirklich lebendig werden können, jenseits von Konsumzwang und mit Platz für gegenseitige Inspiration. Und so wurde dann ein verlassener „Ramschladen“ zur Keimzelle für das, was heute das FRANZ!werk ist. Das war mitten in der Corona-Zeit. Der Notar hat uns verwundert beäugt bei der Gründung: Damals gingen ja gerade viele Coworking-Ketten pleite, weil sie niemand nutzen konnte. Wir wollten einen neuen Begegnungsort schaffen und das gelang, weil genug Menschen daran glaubten und weil wir von Anfang an gemeinschaftsbasiert gewirtschaftet haben. Hier wurde zu Beginn dann die ganze Zeit gewerkelt, umgestaltet, altes Zeug ausgeräumt, Raum „erobert“. Das ganze Viertel hat mitgekriegt, dass etwas Neues passiert und es fanden sich viele, die Lust hatten, auf die eine oder andere Weise mitzumachen und beizutragen.

Wie unterscheidet sich das Franz!werk von einem klassischen Coworking-Space?

Joos van den Dool (JvdD): Das Franz!werk ist viel mehr als ein Arbeitsplatz. Es ist ein Möglichkeitsraum für Projekte, Ideen, Veranstaltungen, Begegnungen. Ein Ort, der Vielfalt ermöglicht. Für den einen ist es ein fester Arbeitsort oder sogar ein Ort der wirtschaftlichen Innovation, eine andere leistet hier Homeoffice Stunden bei Bosch ab. Für jemand wieder anderen ist es der Ort, wo er oder sie in der Freizeit malt, die Werkstatt, wo am Fahrrad gewerkelt wird, abends Musik gemacht oder einfach nur das Feierabendbier getrunken wird. Das sind nur ein paar Beispiele. Und für jeden und jede darf es dieser Ort sein. Es ist ein sozialer Ort, aber: Es ist kein Nachbarschaftshaus, kein soziokulturelles Zentrum – es ist wirklich ein „Wirkort“.


FS: Eine weitere Besonderheit: Es gibt im Franz!werk keine festen Preise. Stattdessen arbeiten wir mit Beitragsrunden, in denen jedes Mitglied nach seinen Möglichkeiten und der persönlichen Wertschätzung gibt und durch den eigenen Beitrag das ganze Projekt ermöglicht. Die Idee kommt aus der solidarischen Landwirtschaft und stellt den Menschen und seine konkreten Bedürfnisse ins Zentrum.

Wie funktioniert das konkret mit den Beitragsrunden?

JvdD: Zweimal im Jahr treffen sich alle Beteiligten. Es wird wertgeschätzt, was ist und stattgefunden hat und offengelegt, was der Ort im Moment kostet – von Miete über Materialkosten bis hin zur ehrenamtlich aufgewendeten Zeit für Putzen, Getränkeversorgung und Pflanzenpflege. Dann geben alle – bei uns anonym – an, wie viel sie beitragen können und möchten. Im anschließenden Gespräch wird das mit dem tatsächlichen Bedarf abgeglichen und es folgen möglicherweise weitere „Biet-Runden“. Es ist ein gemeinsamer Abgleich von Bedürfnissen und Möglichkeiten. Die Spanne reicht von einigen wenigen bis hin zu einigen hundert Euro im Monat, die Menschen und Organisationen beitragen. Das Spannende: es geht dabei nicht nur um die Nutzung, sondern auch um den Wert des Ortes. Was ist mir dieser Ort wert? Was sind meine finanziellen Möglichkeiten? Daraus entsteht Verantwortung und auch ein Ausgleich.

FS: Das Ziel ist, einen Ort zu schaffen, wo Preise keine Hürden mehr sind, sondern wo tatsächlich Menschen mit unterschiedlichen finanziellen Möglichkeiten mit ihren Herzensprojekten und Ideen wirksam werden können. Das Prinzip ist, dass man Fülle schafft. Es ist eigentlich wie ein Grundeinkommen für das Franz!werk und für seine Menschen und dadurch können die beteiligten Menschen dann viel freier tätig sein, ihre Fähigkeiten einfach schenken. Also man beschenkt sich gegenseitig und dadurch entsteht eine bunte Fülle an Kontakten, Beziehungen, Möglichkeiten – was da entsteht, ist im Grunde unbezahlbar.

Das ist hier wirklich in den Räumen erlebbar. Was bedeutet denn Unternehmer:innentum für euch in diesem Zusammenhang?

FS: Es ist eigentlich ein zutiefst sozialer und verantwortungsvoller Akt. Es geht nicht um Gewinnmaximierung, sondern darum, Angebote in die Welt zu bringen, die wirklich gebraucht werden – und das auf eine Weise, die ökologisch, sozial und wirtschaftlich tragfähig ist. Auf das Franz!werk konkret bezogen könnte man sagen: Wir sehen uns dort als Gastgeber:innen für Räume, in denen Menschen sich begegnen und gemeinsam gestalten können. Unternehmer:in sein heißt in diesem Verständnis auch, Care-Arbeit anzuerkennen – also Beziehungspflege, Kontext schaffen, Vertrauen ermöglichen. Und daraus ergeben sich dann so viele Verknüpfungen und Verbindungen zu Menschen und ihren Unternehmungen, dass zum Beispiel die ganze Tragweite des Projekts Franz!werk in ihrer Ermöglichungsdynamik eigentlich noch gar nicht wirklich greifbar ist.

Welche Rolle spielt dabei das Myzelium, in dem ihr beide auch tätig seid?
JvdD: Das Myzelium ist das Netzwerk, das viele solcher Projekte miteinander verbindet. Es begleitet Initiativen wie das Franz!werk auf dem Weg, gemeinschaftsbasiert zu Wirtschaften. Der Name kommt von dem Pilzgeflecht im Wald, das äußerlich unsichtbar Bäume miteinander verbindet, Informationen und Nährstoffe austauscht und auch Unterstützungsprozesse für Pflanzen untereinander einleiten kann. So sehen wir auch unsere Arbeit – verbindend, nährend, regenerativ. Wir verbinden – im Bild gesprochen – die einzelnen Bäume, die einzelnen Unternehmer:innen und Organisationen miteinander auf dem Weg, eine andere Art und Weise des Wirtschaftens zu kultivieren.


Wie kann so eine Begleitung aussehen?

FS: Wir sprechen da von Zyklen: im ersten Zyklus begleiten wir Unternehmungen auf dem Weg bis zur ersten Beitragsrunde. Es geht dabei sehr viel um Arbeit an den Werten, Vision und Zielsetzung, das Angebot, die (künftigen) Mitglieder und die wirtschaftliche Neu-Strukturierung. Hier wird die Gemeinschaft konzipiert und konkret aufgebaut. Im zweiten Zyklus geht es vielmehr um die Fähigkeiten, bestehende Gemeinschaft auch wirklich zu leben und sie zum Florieren zu bringen, sie auszugestalten. Und da merken wir: Das ist wirklich keine Kopfgeburt. Wir wachsen da hinein, es findet ständiger Wandel statt. Wir suchen und finden ja selber im Myzelium immer erst die Worte und die Formen für das, was wir gerade tun. Was es an diesem konkreten Ort, in diesem Projekt, mit diesen Menschen braucht. Für das, was wir uns – auch im Sinne der Schenkökonomie und projektübergreifend gedacht – gegenseitig „geben“ können. Das ist konkreter gesellschaftlicher und ökonomischer Wandel, der da stattfindet.

JvdD: Ja! Und da empfinde ich mich als Begleiter manchmal wie ein Sozialkünstler. Und: Wenn jemand das einmal gemacht und erlebt hat, egal ob im Franz!werk, durch solidarische Landwirtschaft oder beim nachbarschaftlichen Carsharing, dann ist man sozusagen im Geiste schon „dabei“. Man hat verstanden und vor allem auch gefühlt, was „gemeinschaftsbasiert“ bedeuten kann und stellt fest, dass sich das auch auf viele andere Lebensbereiche wie zum Beispiel das Wohnen oder die Gesundheitsversorgung übertragen lässt. Da ist noch ein enormes Wachstumspotenzial. Dafür braucht es aber entsprechende Strukturen, wie etwa eine Entwicklung in Richtung Verantwortungseigentum oder auch einen regenerativen Geldkreislauf: Geld, das dahin „wandert“, wo gerade das nächste Projekt aufgebaut wird. Und wenn das nach zwei Jahren funktioniert und die Ströme gut fließen, kommt das Geld automatisch wieder zurück und kann an einem anderen Ort wirksam werden. In diesem Sinne sind wir auch ein finanzielles Ökosystem: Wir sind nicht nur Beratung oder Prozessbegleitung, wir wollen auch diese Ströme ermöglichen. Und teilweise auch selber zum Fließen bringen, indem wir Überfluss des einen zum Bedarf des anderen Ortes leiten – in dem Vertrauen auf den Gedanken des „the gift goes around the corner“. Es geht dabei nicht um uns als Organisation. Wenn man Geld sinnvoll wirken lassen will, wissen wir, wohin es gehen kann.


FS: Wir arbeiten häufig mit Menschen, die ein echtes Anliegen für gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel haben – sie wollen etwas für ein gutes Leben tun, für sich und für andere. Aber oftmals scheitern sie, ökonomisch gesehen. Nicht, weil sie etwas falsch machen, sondern weil unsere herkömmliche Art am Markt zu wirtschaften keine Luft zum Atmen lässt. Durch die Hinwendung zum gemeinschaftsbasierten Wirtschaften schaffen wir eine Alternative, die zwei Dinge verbindet: Herzensprojekte und wirtschaftliche Tragfähigkeit. Ohne Selbstausbeutung und mit einer (wirtschaftlichen) Existenzberechtigung, die nicht nur konsumbasiert ist und die durch Transparenz und gegenseitiges Commitment mit einem Mitgliederkreis ermöglicht wird.

Was sind Herausforderungen in eurem Arbeitsfeld?

FS: Eine positive Herausforderung ist der ständige Wandel. Auf die Projekte bezogen bedeutet das: Wir erkennen Muster, haben Erfahrung. Aber die Umsetzung muss und darf immer neu gegriffen werden. Weil jedes Projekt andere Menschen hat, andere Bedingungen, andere Herausforderungen.

Eine weitere Herausforderung ist diejenige der Partizipation und Mitsprache. Etwas überspitzt gesprochen: Wenn alle beim Franz!werk mitbestimmen würden, kann es ja sein, dass plötzlich eine Mehrheit sagt: Wir machen hier wieder einen Elektroladen auf. Das wäre dann eher nicht im Sinne der Erfinder:innen …


JvdD: Wenn man über Geld spricht, und zusätzlich auch nicht auf die übliche Weise mit Geld umgeht, ist man sofort bei Emotionen. Da zeigt sich, wie tief unsere Beziehung zu Geld geht. Das ist etwas, was bedacht und ebenfalls transformiert werden kann. Die Frage könnte sein: Wie können wir sehr zugewandt und gleichzeitig mit einer gewissen Nüchternheit in Gemeinschaft darüber sprechen, welchen Bedarf, welche Möglichkeiten jeder auch in finanzieller Hinsicht hat? Das ist ein großes Übfeld, wo innerer und äußerer Wandel ganz unmittelbar zusammenkommen.

FS: Ja – unsere Idee ist ja nicht einfach ein neues Wirtschafts-System oder Geschäftsmodell. Sie ist vor allem ein innerer Wandel, wie Joos schon gesagt hat – ein anderes Verständnis davon, wie wir miteinander leben wollen und das setzt auch die Weiter-Entwicklung bestimmter Fähigkeiten voraus. Da tauchen Fragen auf wie: Wo lernen wir eigentlich, wie man Gemeinschaft lebt? Wie man Konflikte trägt? Wie man Verantwortung übernimmt?

JvdD: Gelingende Beziehungen sind kein Zielzustand, sondern ein dauerndes Bestreben. Etwas, das man immer wieder neu schaffen muss, das sicher auch immer wieder scheitern wird. Wir begreifen es als Teil unserer Aufgabe, uns darauf einzulassen und laden die Menschen dazu ein, gemeinsam mit uns auch diese Prozesse bewusster zu ergreifen und zu gestalten. ///


Das Franz!werk

ist ein solidarisch organisierter Coworking Space in Tübingen. Es wurde mit dem Anliegen gegründet, einen lebendigen Ort zu schaffen, an dem sich Menschen begegnen können, die in Projekten, Initiativen und Unternehmungen verschiedenster Art zusammenfinden und sich gegenseitig inspirieren und unterstützen.
www.franzwerk-tuebingen.de

 

Die Menschen, die im Myzelium tätig sind, begleiten und vernetzen Projekte des gemeinschaftsbasierten Wirtschaftens. Gemeinsam soll eine regenerative, bedürfnisorientierte und gemeinschaftsbasierte Beitragsökonomie gestaltet werden, insbesondere in den Bereichen, wo weder Markt noch Staat Bedürfnisse lebensdienlich erfüllen.
www.myzelium.com

Zu den Personen:

Franziska Stromberg studierte Management and Economics (M. Sc.) an der Universität Tübingen. Sie ist Unternehmensberaterin und Prozessbegleiterin und absolvierte diverse Fortbildungen etwa in Art of Hosting oder der Verbindungskultur-Ausbildung von Circlewise. Seit 2023 ist sie im Myzelium tätig und begleitet Unternehmungen bei der Transformation hin zu gemeinschaftsbasiertem Wirtschaften. 

Joos van den Dool ist freiberuflicher Prozessbegleiter im Myzelium und ist tätig in der Lehrentwicklung der Universität Witten/Herdecke. Er ist in Zeist (Niederlande) aufgewachsen und studierte Architektur und Stadtplanung in Gent und Paris. Nach einem Berufsstart als Berater in komplexen Planungsprozessen und inspiriert u. a. durch Theory U (Katrin Käufer und Otto Scharmer), Mindful Leadership (Rudi Ballreich) und partizipatives Gestalten (Jascha Rohr und Sonja Hörster) möchte er mit partizipativen und co-kreativen Ansätzen für Persönlichkeit-, Team- und Organisationsentwicklung zur gesellschaftlichen Transformation beitragen.

Ein Text aus der Ausgabe September 2025 der Zeitschrift info3.

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Über den Autor / die Autorin

Katharina de Roos

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