Nun sind Sie also Kolumnist der Bild-Zeitung geworden. Das musste ich als Ihr langjähriger begeisterter Fan erst einmal verdauen. Mein Stoffwechsel ist zum Glück in einem guten Gleichgewicht, was ja in unserem Alter nicht ganz selbstverständlich ist. Gewöhnung und Regelmäßigkeit spielen bei der Verdauung eine große Rolle. Daher habe ich die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und Sie gleich abonniert. Das heißt, ich lese sie jetzt allmorgendlich, wenn ich mein selbst gemachtes Müsli und meinen Friesen-Tee zu mir nehme. Was ich da dann als „Mail von Martenstein“ konsumiere, schlägt mir allerdings öfter auf den Magen.
Früher hieß es ja an gleicher Stelle „Post von Wagner“. Vielleicht hängt die Latte einfach zu hoch – nein, natürlich zu tief für Sie. Die abgrundtiefe, vor Kitsch triefende Emotionalität ihres Vorgängers werden Sie nie erreichen. Das ist einfach nicht Ihre Art. Gott sei Dank.
Demnächst werden Sie einen weiteren großen deutschen Sprach-Preis bekommen. Für Ihre Leistungen in der Vergangenheit – völlig zurecht. Aber jetzt? Als Fachmann habe ich früher komplexe Inhalte für Menschen mit Behinderung in einfache Sprache übersetzt. Vielleicht schwebt Ihnen ja sowas für die Bild-Leser vor? Das wäre jedenfalls eine Erklärung.
Allerdings: Ironie in einfacher Sprache funktioniert nie. Mein damals sechsjähriger Sohn sagte zu einer sehr fülligen Dame, die bei uns zu Besuch war: „Du bist aber dünn!“ Und schob nach: „Ich meine das ironisch.“ Unsere liebe und gutmütige Bekannte fragte interessiert: „Weißt du denn überhaupt, was Ironie ist?“ „Klar“, sagte er, „wenn man das Gegenteil von dem sagt, was man eigentlich meint.“ Ich war verblüfft, als ich feststellte, dass das die exakte Definition ist!
Vielleicht muss man aber einfach verstehen, dass Ihre viel gepriesene Ironie nicht mehr in ihren Texten steckt, sondern in der Tatsache, dass Sie jetzt für Bild schreiben. Ältere Männer werden gerne hemmungsloser, ich weiß wovon ich spreche. Irgendwie passt es auch in unsere disruptive Zeit, dass nicht nur ein Mann wie Trump Präsident der USA ist, sondern, invers, ein Mann wie Martenstein Kolumnist bei der Bild. Vielleicht hatten Sie ja auch einfach Lust mal auszutesten, wie weit Ihr Bonus reicht, nach dem Motto: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Ich hoffe, dass Sie klammheimlich Spaß daran haben!
Ich war einmal bei einer Lesung von Ihnen im Staatstheater Kassel. Die Sie einführende junge Frau meinte, sie hätte gerade Corona gehabt und wisse nicht, was schlimmer gewesen sei, die Krankheit oder das Lesen Ihres Buches! Zur Überraschung des Publikums war auch das komplett unironisch gemeint. Als Unmut aufkam, reagierten Sie scharf: Sie verlangten vom Publikum, die junge Frau ausreden zu lassen und traten ins Gespräch mit ihr. Diese Diskursfähigkeit hat mich damals sehr beeindruckt.
Die „Mails von Martenstein“ empfinde ich oft als erstaunlich whataboutistisch, auch da, wo ich Ihre Meinung im Prinzip teile. Vielleicht liegt es auch einfach an der Kürze. Ein kleiner Lichtblick war neulich das „Merzel“, ein Hybrid aus Merz und Merkel. Da habe ich mich richtig gefreut: da ist er ja wieder, mein geschätzter Martenstein des Anstoßes!
Nun ist es natürlich nicht Ihre vordringlichste Aufgabe, mir zu gefallen. Von mir aus können Sie schreiben, was Sie wollen. Ich werde weiterhin Ihr begeisterter Leser gewesen sein. Zur Not halt nur bis Anfang 2026.
Herzlich Ihr Johannes Denger
Johannes Denger schreibt jeden Monat gedruckt die Kolumne “Denger denkt” in der Zeitschrift info3. Hier abonnieren und keine Kolumne mehr verpassen!

