Amor Mundi in der Praxis
Am 27. Juni 2025 fand im RuhrCongress Bochum der erste B2B-Kongress der GLS Bank statt. Die Bank hatte ihre Geschäftskund:innen zum Austausch über regeneratives Wirtschaften eingeladen – Business to Business. Schon in ihren Begrüßungsworten nahm Vorstandssprecherin Aysel Osmanoglu Bezug auf eine Formulierung von Hannah Arendt, um das zu beschreiben, was sie allen Widrigkeiten in der Welt zum Trotz tagtäglich motiviert: Amor Mundi – die Liebe zur Welt. Mit dieser ebenso ungewöhnlichen wie inspirierenden Botschaft gab sie gleich zu Beginn die Richtung für die gesamte Veranstaltung vor.
350 Menschen waren der Einladung gefolgt. Die inspirierenden Vorträge, praxisnahen Diskussionen, Panels und anregenden Pausengespräche sowie die Vorstellungen von Unternehmen, für die nicht Profit, sondern Regeneration und Menschlichkeit im Mittelpunkt stehen, sorgten für eine spürbare gemeinsame Ausrichtung.
Für eine zukunftsfähige Wirtschaft sind grundlegende Veränderungen notwendig. Es reicht nicht, bestehende Modelle immer weiter zu optimieren. Zentrale Begriffe wie Wachstum, Erfolg, Wirtschaftlichkeit müssen ebenso neu gedacht werden wie Inhaberstrukturen und Finanzierungsmöglichkeiten. Lebensdienliche Unternehmen zeichnen sich durch Nachhaltigkeit, Wertschöpfung für Mensch und Umwelt sowie eine faire Verteilung von Chancen und Risiken aus. Entscheidend dabei sind neue Formen der Zusammenarbeit: nach innen eine vertrauensbasierte, wertschätzende Organisationskultur, nach außen Kooperation und Partnerschaft statt Konkurrenzdenken. Die Frage, ob etwas gut für mich, mein Umfeld und zukünftige Generationen ist, kann dabei zur grundsätzlichen Richtschnur werden.
Die Veranstaltung hat mich beeindruckt und begeistert – so viele engagierte, offene Menschen, die Werte, Sinn und zukunftsfähiges Wirtschaften in den Mittelpunkt stellen. In seiner Keynote Regenerative Wirtschaft zwischen Ideal und Wirklichkeit? sprach beispielsweise der Organisationsberater Simon Berkler über die Vision einer Wirtschaft der Fürsorge und führte für den Umgang mit bestehenden Systemen den Begriff der „wohlwollenden Irritation“ ein. Johannes Ehrnsperger von Lammsbräu schilderte, wie deren Erzeugergemeinschaft seit 40 Jahren ein solidarisches System entwickelt, in dem Wasser- und Bodenschutz, Artenvielfalt und Klimaschutz ebenso wichtig sind wie die Produktion selbst. Boris Voelkel vom gleichnamigen Safthersteller betonte die Bedeutung von empathischem Einkauf und Beziehungspflege, bei der das Wohlergehen aller Systempartner im Bewusstsein gehalten wird. Anhand konkreter Beispiele machte er deutlich, wie dies aussieht, etwa beim fairen Ausgleich von Ernteausfällen. Ebenso zukunftsweisend wirkte der Impuls von Silja Graupe, die als Rektorin der Hochschule für Gesellschaftsgestaltung zugeschaltet war. Sie lädt zu einer Begegnungskultur zwischen Bildungsbereich und Wirtschaft ein – nicht als Bittsteller, sondern im Sinne einer sich wechselseitig bereichernden Partnerschaft. Damit wird Bildung zum sinnstiftenden, kooperativen Resonanzraum.
Die Veranstaltung hat gezeigt, wie viel Freude und Stärke es bringt, Visionen zu teilen und tragfähige Beziehungen zu knüpfen. Solche Begegnungen machen Mut, gemeinsam neue Wege zu gehen.
Griet Hellinckx

