Waldorf-Bashing geht weiter

Set 2 / Motiv 105

Die Autorin eines neuen Buches über Waldorfpädagogik zeigt sich freundlich und ohne Kampfgeist. Viel Neues hat sie allerdings nicht zu erzählen.

Das Buch konnte ich leider noch nicht lesen. Ich weiß auch nicht, ob ich die 241 Seiten überhaupt bewältigen könnte – und will. Aber die Autorin tourt derzeit, wie es bei Büchern mit Empörungspotenzial üblich ist, durch die Medien. Bis heute (2.10.2025) gab es Interviews in der Süddeutschen Zeitung, beim Stern und im WDR. Die geben auch schon einen Eindruck.

Es geht um das soeben erschienene Buch von Bettina Schuler mit dem umständlichen Titel Der Waldorf-Komplex. Zwischen Mystik und Pädagogik: Die Schattenseiten des anthroposophischen Bildungssystems. Bettina Schuler, Jahrgang 1975, ist laut Wikipedia Journalistin (Anthro-Themen hat sie zumeist beim Krautreporter untergebracht) und Sachbuchautorin, zudem engagiert sie sich in der Flüchtlingshilfe, wofür sie ein Bundesverdienstkreuz erhalten hat. Sie war selber sieben Jahre Waldorfschülerin in Bochum, wo sie sich „sehr wohlgefühlt“ hat, bis sie infolge eines Umzugs auf ein Gymnasium kam und dort zunächst große Schwierigkeiten hatte, weil sie weder Französisch noch Gesichter zeichnen und auch nicht flüssig über den Schwebebalken laufen konnte. Ihre Erinnerungen an ihre Waldorf-Zeit müssen aber doch so gut gewesen sein, dass sie ihre Tochter ebenfalls auf eine Waldorfschule brachte, wo sie sechs Jahre bleib. Dann kam Corona, und die Augen gingen ihr über.

Dass Impfen in der Waldorf-Szene nicht selbstverständlich war und man den Maßnahmen mancherorts kritisch gegenüberstand, machte sie stutzig, und sie begann, sich mit den Hintergründen der Waldorfpädagogik zu beschäftigen. Da war von Reinkarnation und Karma die Rede, von Engeln und Zwergen, von spiritueller Entwicklung und ethischem Individualismus. Das hat sie so weit richtig verstanden. Was ihre eigene Schullaufbahn betrifft, fühlt sie sich im Rückblick eher in Schubladen gezwängt: Die Unterscheidung in Temperamente ist ihr suspekt, zumal ihre Lehrerin ihr wohl eher cholerisches Temperament gerne durch Zeugnissprüche gezähmt hätte: „‘Erst das Hören, dann das Sprechen, wirst dir nicht die Zunge brechen.‘ Ich hatte später lang das Gefühl, meinen Mitmenschen zu viel zu sein, das hat vermutlich auch damit zu tun.“ Zu den Schubladen zählt sie auch die Gliederung des Lebenslaufs in Jahrsiebte und die Konformität im Kunst-Unterricht – die Bilder in den Epochenheften ihrer Tochter sehen noch genauso aus wie ihre eigenen vor 30 Jahren.

Erschreckt hat sie auch das kosmische Evolutionsmodell der Anthroposophie, in dem bestimmten Entwicklungsstufen bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden, einzelnen Menschen wie etwa auch Völkern. Sie gibt zu, dass die Schilderung dieser Eigenschaften dem Ergreifen der eigenen Aufgabe dient – aber die Zuschreibungen als solche, seien sie überhöhend, seien sie abwertend, erlebt sie schon als diskriminierend. Nur mit einem Satz streift sie „einige sehr explizite rassistische Äußerungen, mit denen, das muss man sagen, die Anthroposophen sich auch kritisch auseinandersetzen“.

Die bekannten Vorwürfe aus der Corona-Zeit reproduziert sie eins zu eins: Anthroposophen neigten zu Verschwörungstheorien, sie nähmen ihre eigenen, womöglich in der geistigen Welt gewonnenen Überzeugungen wichtiger als gesellschaftliche Normen, sie seien wissenschaftsfeindlich und wenig kompromissbereit, was der Demokratie schade. „Und das finde ich gefährlich.“ Aber: Jede Waldorfschule sei anders, so ganz generalisieren könne man das dann doch nicht.

Am meisten ärgert sie, dass die Waldorf-Eltern von den Hintergründen oft gar nichts wüssten und Anthroposophie an Waldorfschulen auch nicht unterrichtet wird – das findet sie intransparent. Warum geschieht dies oder jenes in einer Waldorfschule? Das müsste, findet Bettina Schuler, Eltern wie Schülern deutlich erklärt werden. Sonst ist man unsicher und eckt an, „weil man die Regeln nicht kennt“.

Bettina Schuler tritt freundlich auf, sie kämpft nicht, und es bleibt durchaus Platz für andere Sichtweisen. Sie berichtet über ihre eigenen Erfahrungen und meistens tut sie einfach ihre Meinung kund („ich finde es bedenklich, dass …“). Damit geht sie auch Widersprüchen oder gar Klagen aus dem Weg. Nichts ist wirklich falsch, gerät aber durch ihre Urteile in ein schiefes Licht. Ob sie ihren freundlichen Ton das ganze Buch hindurch aufrechterhält? Ich bin gespannt auf die ersten Rezensionen. Vielleicht muss ich das Buch dann auch gar nicht mehr lesen.

Über den Autor / die Autorin

Anna-Katharina Dehmelt

Anna-Katharina Dehmelt, Jahrgang 1959, studierte Musik, Wirtschaftswissenschaft und Anthroposophie. Sie hat intensiv auf dem Feld der anthroposophischen Meditation gearbeitet, geforscht, vernetzt und anthroposophisches Meditieren bekannt gemacht, zuletzt auch mit dem von ihr begründeten Institut für anthroposophische Meditation. Zudem ist sie Dozentin an verschiedenen anthroposophischen Ausbildungsstätten.
Seit Mai 2021 ist sie Redakteurin bei info3.