Ich bin kein Dan Brown-Fan, hatte zuvor keines seiner Bücher über die Freimaurer oder den Gral gelesen und nur eine der Verfilmungen mit Tom Hanks gesehen. Aber die Besprechung seines neuesten Buches The Secret of Secrets in der Süddeutschen Zeitung vom 28. Oktober 2025 hat mich aufhorchen lassen. Eine der Hauptfiguren „versteht sich als wissenschaftlich fundierte Noetikerin und arbeitet an den wahren Bedingungen des menschlichen Bewusstseins, das, so ihre These, nicht im Gehirn sitzt, sondern umgekehrt die Gehirne der Menschen als Empfangsstationen nutzt.” Ein interessantes Thema für ein Buch, dessen Leserschaft viele Millionen Menschen umfasst, die sich der Theorie des Bewusstseins wahrscheinlich sonst eher nicht zuwenden würden – ist die Frage nach dem Bewusstsein doch komplex und eine der großen ungelösten Menschheitsfragen.
Katherine Salomon, Gefährtin des Dan Brown-Dauer-Helden Robert Langdon, hat ein Buch über eine neue Theorie des Bewusstseins geschrieben, in der sie belegen möchte, dass Bewusstsein nicht vom Gehirn erzeugt wird, sondern sich vielmehr ein universelles, nicht-lokales Bewusstsein der menschlichen Gehirne bedient. Vom Gehirn wird aber dieses umfassende Bewusstsein gefiltert, wie durch ein Radio, das nur eine Frequenz auswählt. Die Filterung geschieht im Gehirn durch den Neurotransmitter Gamma-Amino-Buttersäure (GABA). Durch diesen Filter entsteht das gewöhnliche, sich von der Welt getrennt erlebende Alltagsbewusstsein. Dem gegenüber stehen Erfahrungen, bei denen der GABA-Spiegel absinkt und dadurch ein größerer Teil des universellen Bewusstseins zugänglich wird. Das geschieht etwa bei halluzinogenen Drogen, nach einem epileptischen Anfall oder durch eine Nahtoderfahrung. Bei solchen Erfahrungen berichten die Menschen von einer größeren Verbundenheit, Erleuchtung und Glück.
Entsprechende Erfahrungen aus spirituellen Traditionen steuert Robert Langdon bei: „Der hinduistische Vedanta beschrieb den physischen Verstand als ‚begrenzenden Faktor‘, der nur einen Bruchteil des universellen Bewusstseins, das Brahman genannt wurde, wahrnehmen könne.“ Ähnlich wird im Sufismus, der Kabbala oder dem Buddhismus der Verstand oder das Ego angesehen als „begrenzende Linse, die uns das Gefühl gebe, vom Universum getrennt zu sein.“ Dementsprechend werden erfreut die Folgen solcher Gedanken über das Bewusstsein beschrieben: „Alles läuft auf ein übergeordnetes Konzept hinaus. Der Tod ist nicht das Ende. Es gibt noch viel Arbeit zu tun, aber die Wissenschaft entdeckt immer mehr Hinweise, dass es jenseits dieser Welt tatsächlich etwas gibt. Das ist die Botschaft, die wir verkünden sollten. Sie ist das Geheimnis aller Geheimnisse.“
All das wird ausführlich und wiederholentlich in die Geschichte eingebaut und erläutert. Es geht dann darum, dass die CIA das Erscheinen von Salomons Buch verhindern will, weil sie einige von Salomons bereits früher veröffentlichten Einsichten in einem Projekt verarbeitet, in dem es um die Nutzung des nicht-lokalen Bewusstseins zu Spionage-Zwecken geht. Die CIA ist dabei, eine Technik zu entwickeln, die es ermöglicht, die inneren Bilder eines Menschen auszulesen. Das macht sie sich zunutze an Probanden, die sich am Übergang vom lokalen zum nicht-lokalen Bewusstsein befinden, etwa durch eine induzierte Nahtoderfahrung. Dafür nötig ist ein sogenanntes Interface, an dem auch Elon Musks Neuralink arbeitet. Damit soll es möglich werden, den Übergang vom lokalen zum nicht-lokalen Bewusstsein zu „steuern und dieses dann überall hinzuschicken, in Schlachtfelder, Einsatzzentralen oder Vorstandssitzungen großer Konzerne. Und niemand wird uns entdecken oder entkommen können.“
Dan Brown legt in einer Vorbemerkung Wert darauf, dass „alle Experimente, Technologien und wissenschaftlichen Erkenntnisse der Wirklichkeit entnommen sind“. Dafür hat er sich wohl hauptsächlich beim Institute of Noetic Sciences (IONS) kundig gemacht, dem er am Ende auch dankt.
Das IONS setzt sich zur Aufgabe, Wissenschaft und Spiritualität miteinander zu verbinden. Auf der Website des Instituts heißt es: „Während Wissenschaft in der physischen Welt beobachtet und experimentiert, erlaubt spirituelle Weisheit und Erfahrung, die tiefsten Geheimnisse des Menschseins darzulegen. Diese beiden Wege sind im Allgemeinen getrennt geblieben. Manche Menschen schätzen die Wissenschaft. Andere schätzen Spiritualität und direkte Erfahrung. IONS schätzt beides. Es ist an der Zeit, sie wieder zusammenzubringen und unser allgemeines Verständnis der Realität zu stärken.“
Interessant an der ganzen Sache ist nun weniger Dan Browns Buch als das Hineinsickern solcher Theorien des Bewusstseins in das populäre Denken auf überraschenden Wegen. Mag auch die Realisierung der Ziele der CIA in weiter Zukunft liegen – eine Theorie des Bewusstseins, die nicht materialistisch vom Gehirn als Produzenten des Bewusstseins ausgeht, sondern dem Bewusstsein eine kosmische Existenz zubilligt, die vom Gehirn in Auszügen aufgefangen wird, ist uralt und zugleich hochaktuell; sie ist auch nicht brandneu, sondern wird in spirituell aufgeschlossenen Kreisen schon lange diskutiert. Aber durch so einen Bestseller sickert sie nun in zugänglicher Weise aus der Nische heraus.
Auch Rudolf Steiner gehörte zu denen, die von der kosmischen Natur des Bewusstseins ausgingen. Von GABA als limitierendem Faktor wusste er noch nichts, er betrachtete eher begriffliche und emotionale Vorprägungen als Begrenzungen, die aber durch Übung überwunden werden können. Überhaupt enthält seine Theorie des Bewusstseins weitere Aspekte, wie etwa den, dass Bewusstsein und tiefes, lebendiges Denken weltschöpferisch sein können, oder die Beobachtung, dass die Tätigkeit des Alltagsbewusstseins die Lebendigkeit des Organismus abbauen und dem Tod zuführen würde, wenn sie nicht nachts wieder aufgefrischt würde. Daraus leitet er einen großen Gedanken ab, der nun wiederum mit Katherine Salomon korrespondiert, und zitiert zustimmend den Philosophen Karl Fortlage, der 1869 schrieb: „Das Bewusstsein ist ein kleiner und partieller Tod, der Tod ist ein großes und totales Bewusstsein, ein Erwachen des ganzen Wesens in seinen innersten Tiefen.“ Man muss diesem Satz eine Chance geben, indem man ihn mehrmals liest – dann hat man in nuce eine ganze spirituelle Bewusstseinstheorie. ///
Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe Januar 2026.



