Menschen statt Avatare

Menschen statt Avatare - info3 Februar 2026
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Vielfältig leuchtet der Begriff: Aufmerksamkeit. Sie öffnet den Zugang zur Welt. Und sie ist das Tor zu vielen Formen menschlicher Begegnung. Was geschieht aber, wenn digitale Medien immer mehr unsere Aufmerksamkeit okkupieren?

Okkupation der Sinne geschieht, wenn kommerzielle Interessen unsere Aufmerksamkeit ausbeuten. Das hat Thomas Metzinger untersucht. Er ist emeritierter Professor für Philosophie an der Universität Mainz und stellte in der Zeitschrift Gehirn & Geist fest: Informationstechnologien würden in Zukunft auch „Bewusstseinstechnologien“ sein. „Unser subjektives Erleben“, so Metzinger, „kann wirkungsvoller kontrolliert und gesteuert werden, es wird zunehmend technisch verfügbar – und manipulierbar.“

Wie sehr diese Manipulationen erfolgreich sind, gab einer der Gründer von Facebook offen zu. Sean Parker sagte, am Anfang habe sich alles um die Frage gedreht: „Wie nehmen wir möglichst viel Zeit unserer Nutzer in Anspruch? Wie bekommen wir möglichst viel von ihrer bewussten Aufmerksamkeit?“

Als Antwort nahmen die Gründer eine „Schwachstelle der menschlichen Psyche“ ins Visier. „Wir müssen hin und wieder dem Nutzer einen kleinen Dopaminschub verpassen“, so Parker. Und zwar jedes Mal, wenn Nutzende ein Foto oder einen Beitrag veröffentlichen, die auf Interesse bei anderen Nutzern stoßen. Diese signalisieren Anerkennung, indem sie positive Kommentare schreiben oder „Likes“ vergeben. „Das bringt Menschen dazu“, erklärt Parker, „noch mehr Inhalte beizutragen, was wiederum mehr Likes oder Kommentare auslöst.“ So wird unsere Aufmerksamkeit zum Einfallstor kommerzieller Angriffe auf Seele und Geist. Eine perfekte Methode, um Menschen in die Sucht zu stürzen und damit Milliarden-Umsätze zu machen (siehe auch Süchtig nach der falschen Fülle in info3 April 2025).

ChatGPT und Co. drehen diese Manipulationsspirale weiter in die Höhe – mit einer rasenden Geschwindigkeit, die unsere Aufmerksamkeit nicht mehr erfassen kann. Daher fordert Metzinger eine „Bewusstseinsethik“, um erstrebenswerte Zustände des Bewusstseins zu klären. Er hat dabei auch Schüler:innen im Auge: „Welche Bewusstseinszustände sollen unsere Kinder kennenlernen?“ Diese Frage stellt sich angesichts der KI-Expansion auf der Erde immer schärfer. Metzinger: „Wir leben in einer pulsierenden globalen Datenwolke, und sie hat längst begonnen, den Rhythmus vieler Lebensabläufe vorzugeben, in der Freizeit genau wie am Arbeitsplatz.“

Diese „Datenwolke“ stellt uns vor große Herausforderungen, weshalb eine „Bewusstseinspflege“ auch für Kinder notwendig ist: „Im Rahmen des weltanschaulich neutralen Sportunterrichts“, so Metzinger, „könnten sie Meditationstechniken erlernen, um den Grad ihrer Aufmerksamkeit selbstbestimmt steuern zu können – etwa damit sie der Manipulation durch Medien besser widerstehen.“ Meditation als Heilmittel, um die eigene Aufmerksamkeit besser in den Griff zu bekommen? Eine gute Idee!

Zu drei wichtigen Aspekten des Begriffs Aufmerksamkeit gibt das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache weitere Auskünfte: An erster Stelle steht das Konzentrationsvermögen, das eine Spielart der Aufmerksamkeit ist (I). Dann folgt die Fähigkeit, ein aufmerksames und zuvorkommendes Verhalten zu zeigen (II). Daraus ergibt sich eine dritte Sinnebene: die kleine Aufmerksamkeit als bescheidenes Geschenk (III). Uns interessiert jetzt die Frage: Wie spiegeln sich diese Bedeutungen in digitalen Systemen?

Aufmerksamkeit und Konzentration

Das hat im Grunde schon 1985 der Medienkritiker Neil Postman vorgedacht. In seinem Buch Wir amüsieren und zu Tode schrieb er: „Wie können wir die Erziehung einsetzen, um das Fernsehen (oder den Computer) zu kontrollieren?“ Seine Thesen fielen besonders auf, weil er die Erosion menschlicher Urteilskraft durch Medienkonsum ins Visier nahm, bedingt durch eine sinkende Aufmerksamkeit. Postman schätzte es „nicht als bizarr ein, den jungen Menschen beizubringen, wie sie von den dominierenden Informationsformen ihrer Kultur Abstand gewinnen.“

Abstand gewinnen – das ist eine erste Voraussetzung, um Aufmerksamkeit zu üben. Wer sich in den medialen Strudel ziehen lässt, kann sich nicht mehr auf wesentliche Inhalte konzentrieren. Die Aufmerksamkeit verflacht, und ohne Konzentration scheitert jeder Versuch, intensiv zu lernen, um die Welt wirklich zu verstehen.

Postman war der Meinung, dass wir die Bildung des Bewusstseins „zum Mittelpunkt der Erziehungsanstrengungen“ machen sollten. Das ist 40 Jahre her – und hoch aktuell angesichts der Digitalisierungswellen, die in der IT-Wirtschaft gefeiert werden. Diese Wellen rollen auch durch die Schulen. Ihnen wird Künstliche Intelligenz als neuester Hit verkauft. Mehr Abstand á la Postman? Fehlanzeige!

Denn längst gibt es die „Fear of missing out“ (FOMO) – ein Fachbegriff für die Angst, etwas zu verpassen. Daher checken wir alle zehn Minuten unser Handy und merken nicht, wie unsere digitale Dauer-Aufmerksamkeit die eigentliche Aufmerksamkeit zerstört. Doch Postman ist nicht ganz vergessen. Denn neben FOMO trat JOMO. Die Abkürzung bedeutet „Joy of missing out“, was für die Freude steht, etwas zu verpassen.

Die AOK Sachsen beschreibt den neuen Trend so: „Die persönliche Lebensqualität steht im Vordergrund, JOMO schafft Zeit für sich selbst und sorgt für Ruhe und bedeutungsvolle Momente. JOMO ist kein Rückzug aus Angst, sondern eine frei gewählte Abgrenzung mit dem Fokus auf das eigene individuelle Tempo, Wohlbefinden und das reale Leben.“

Die AOK betont den „Fokus auf das eigene individuelle Tempo“, was auch die Aufmerksamkeit ins rechte Licht rückt. Es geht um unsere Souveränität, die wir durch eine gezielte Aufmerksamkeit zurückgewinnen müssen – im Umgang mit einer Technologie, die unseren Alltag dominiert und die Kräfte der Konzentration untergräbt. Die Medienpädagogin Paula Bleckmann hat das so formuliert: „Medienmündig werden bedeutet zuallererst, nicht die Kontrolle über unsere kostbare Lebenszeit zu verlieren.“ So fordert die Idee von JOMO eine bewusste Entscheidung: Wie viel Aufmerksamkeit lassen wir von digitalen Medien absaugen?

Aufmerksamkeit und soziale Interaktion

Kommen wir zum zweiten Aspekt, den uns das Digitale Wörterbuch zum Thema Aufmerksamkeit liefert: Es ist die Fähigkeit, ein aufmerksames und zuvorkommendes Verhalten zu entwickeln und gesellschaftlich zu kultivieren. Da geht es um die freundliche Begegnung zwischen Menschen – und wir vermuten: Je mehr sich Technik zwischen diese unmittelbaren Kontakte schiebt, desto mehr könnten wir diese Fähigkeit verlieren.

Dazu erklärt der Philosoph und Soziologe Hartmut Rosa, „dass Bildschirme potenzielle Resonanzkiller sind.“ Um den Begriff „Resonanz“ hat er eine kleine Welt geschaffen, die für unser Thema wertvoll ist. Das Wort bedeutet in seinem Sinne: „Wir lassen uns von einem Weltausschnitt erreichen, der uns anspricht. Wir machen dabei die Erfahrung, dass wir selbst etwas erreichen oder bewegen können, wir erleben Selbstwirksamkeit.“ Es entstehen „Momente des wechselseitigen geistigen Berührens und Berührtwerdens.“ Etwa, wenn es einem Lehrer gelingt, die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler zu fesseln. Das Gegenteil ist genauso möglich: Bleibt unser Bemühen ohne Resonanz, entwickelt sich keine lebendige Beziehung: „Wenn nichts zurückkommt, wenn ich das Gefühl habe, ins Leere zu reden, wenn es also keinen Resonanzraum gibt“, so Rosa.

Warum bezeichnet der Philosoph Bildschirme als „Resonanzkiller“? Das würde nicht an ihren technischen Eigenschaften liegen, argumentiert er, sondern an der Generation Z, „bei der der Bildschirm zum Monokanal zur Welt, zur einzigen Verbindung mit ihr wird.“ Die jungen Menschen zahlen dafür einen hohen Preis; es kommt zur „Verarmung in Form einseitiger Reduktion“, sagt Rosa. Daher sei es wichtig, „Interaktionsformen und Weltbegegnungen auch jenseits von Bildschirmen zu ermöglichen.“

Aufmerksamkeiten verschenken

Das führt uns wieder zum Thema Aufmerksamkeit, und damit zur dritten Sinnebene des Digitalen Wörterbuchs: Kleine Aufmerksamkeiten sind Geschenke an unsere Mitmenschen. So realisieren sich menschliche Beziehungen; eine Aufmerksamkeit wird zur Brücke für die Erfahrung von Resonanz. Ein Blumenstrauß statt 20 Likes – so würde die Realität digitale „Aufmerksamkeitsräuber“ zurückdrängen, wie sie Metzinger genannt hat.

Fazit: Wir brauchen eine neue Bewusstseinskultur, weil die Angriffe auf unser Bewusstsein immer raffinierter erfolgen. Besonders im Visier: unsere Aufmerksamkeit! Sie sollten wir bewusst lenken – weg von der funkelnden Oberfläche der Smartphones hin zum echten Leben, das mit Menschen aus Fleisch und Blut bevölkert ist. Und eben nicht mit Avataren aus Bits und Bytes, die zu keiner echten Resonanz in der Lage sind. ///

Dieser Beitrag stammt aus der info3-Ausgabe Januar 2026.

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Über den Autor / die Autorin

Ingo Leipner

Ingo Leipner ist freier Autor für Wirtschaftsthemen und Autor mehrerer Bücher zu digitalkritischen Themen.

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