Erstmals gibt es von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) geprüfte, klare Handlungsempfehlungen zum Umgang mit Fieber bei Kindern – für Ärzte und Ärztinnen, Pflegekräfte, Eltern und alle, die Kinder betreuen. Die neue Leitlinie gibt konkrete Hinweise zur Behandlung zu Hause und verfolgt dabei ein zentrales Ziel: Sie will Eltern ermutigen, dem natürlichen Verlauf von Fieber zu vertrauen – ohne unnötige Medikamente oder voreilige Arztbesuche.
„Fieber ist keine Krankheit, sondern eine Reaktion des Körpers – und meist keine, die behandelt werden muss“, erklärt Prof. Dr. David Martin, Kinderarzt, Leiter des Instituts für Integrative Medizin und Lehrstuhlinhaber für Medizintheorie, Integrative und Anthroposophische Medizin an der Universität Witten/Herdecke. Diese zentrale Botschaft zieht sich durch die neue S3-Leitlinie Fiebermanagement bei Kindern und Jugendlichen, die der höchsten Stufe der evidenzbasierten medizinischen Leitlinien in Deutschland entspricht. Sie wurde unter der Federführung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) erarbeitet und von Martin koordiniert. 15 Fachgesellschaften, Berufsverbände und Patientenorganisationen haben daran mitgewirkt. Martin forscht seit Jahren zum Thema und hat unter anderem die Initiative Warm Up To Fever sowie eine FeverApp fürs Handy entwickelt, die Eltern mit wissenschaftlich fundierten Informationen aufklärt.
Die neue Leitlinie empfiehlt nicht mehr, Fieber allein aufgrund seiner Höhe zu senken. Entscheidend ist, wie sich das Kind fühlt. Nur wenn es sichtbar unter dem Fieber leidet und andere Maßnahmen nicht geholfen haben, kommen Medikamente wie Paracetamol oder Ibuprofen über einen begrenzten Zeitraum infrage. Besser ist: Viel trinken, schlafen, Wärme spenden, Zuwendung – das Kind sollte sich sicher und geborgen fühlen. Maßnahmen wie Wadenwickel sind laut Prof. Martin „nur bei warmen Extremitäten und subjektivem Unwohlsein sinnvoll und sollten körperwarm, nicht kalt sein“. Ob ärztliche Hilfe nötig ist, hängt nicht allein von der Temperatur ab. Entscheidend ist vor allem der Allgemeinzustand des Kindes sowie klar definierte Warnzeichen wie schrilles Schreien, Bewusstseinsstörungen, Atemnot oder Austrocknung. Fiebersenkende Mittel verkürzen weder den Krankheitsverlauf, noch verhindern sie Fieberkrämpfe. Eine weitere wichtige Botschaft: Fieber ist kein Grund für Antibiotika. „Die meisten fieberhaften Infekte sind viral bedingt. Eine unnötige Gabe kann das Mikrobiom schädigen, Resistenzen fördern und Nebenwirkungen verursachen“, so Prof. Dr. Tim Niehues, Leitlinienbeauftrager der DGKJ. – UW/H/Red./lk

