100 Jahre Leier-Impuls

Jubiläum einer Kulturschöpfung aus anthroposophischer Quelle

Der Kunstschreiner Lothar Gärtner und der Musiker Edmund Pracht begegneten sich 1923 in Dornach. Auf der Suche nach einem angemessenen Klang für die Eurythmie mit seelenpflege-bedürftigen Kindern am Sonnenhof in Arlesheim fanden sie gemeinsam zur Ur-Form eines neuen Saiteninstrumentes, dem sie den antiken Namen „Leier“ gaben. Doch weder die asymmetrische Form noch die chromatische Besaitung lehnen sich an das Altertum an – sie setzen vielmehr die moderne Entwicklung vor allem des Klavierbaues voraus und der so gewonnene, zart-intensiv eindringende und zugleich sphärische Klang kann als echte Neu-Erscheinung in der musikalischen Phänomenwelt gehört werden.

Dank des Einsatzes von Ita Wegman für das neue Instrument wurde die Leier sofort in den anthroposophischen heilpädagogischen Instituten beheimatet und wirkte dort über Jahrzehnte segensreich. Etwa seit der Jahrtausendwende beginnt sich dieses Bild zu wandeln. Der Klang der Leier findet Freunde in zahlreichen Kulturkreisen – Nord- und Südamerika, ganz Europa, Japan, China und Korea und ist nicht mehr ausschließlich in anthroposophisch orientierten Zusammenhängen zu finden. Es gibt profilierte Komponisten – darunter Siegfried Thiele und György Kurtág –, die für das Instrument geschrieben haben. Auch im Leierbau hat sich eine große Vielfalt an Metamorphosen der Ausgangsform entwickelt.

Die Festtage am Goetheanum 100 Jahre Leier-Impuls wollen zum einen den gegenwärtigen Reichtum an globalen Bestrebungen rund um die Leier fokussieren. Zum anderen sollen gemeinsame Klang- und Stille-Erfahrungen die gefühlte Rückbindung an den Ausgangspunkt des Leier-Impulses ermöglichen: Das Goetheanum als der Ort, an dem der neue Klang geboren wurde – als Ort der Suche nach der spirituellen Dimension des menschlich-kosmisch-Musikalischen. – Christian Giersch