Krieg und Frieden

Die derzeitigen mit Waffengewalt ausgetragenen Konflikte lösen bei vielen Menschen Ohnmachtsgefühle aus – Alternativen sind kaum zu erkennen. Wir sprachen mit Gerald Häfner, dem Leiter der sozialwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum, vor dem Hintergrund seiner Erfahrung als Bundestags- und Europa-Abgeordneter über eine dringend nötige neue Friedensbewegung.

Interview: Anna-Katharina Dehmelt

Wir leben in kriegerischen Zeiten wie seit langem nicht mehr. Das öffentliche Leben und Nachdenken ist bestimmt von den drei großen Konflikten in der Ukraine, in Israel, Gaza und Libanon sowie im Iran. Damit geht eine starke Aufrüstung einher und auch eine andere Art der Kriegsführung durch die neuen elektronischen Möglichkeiten. Was geschieht da?

Wo wir nicht weiterkommen, fallen wir in schon überwundene Verhaltensweisen zurück – nur sind die durch die Anwendung moderner Technik noch schrecklicher geworden. Nicht weitergekommen sind wir darin, die Humanität, die wir individuell in Anspruch nehmen, auch in der Distanz, gegenüber anderen, gegenüber Staaten, Völkern oder der Natur zu leben. Von diesem Versagen profitieren mächtige Kreise – inklusive der weltweit boomenden Rüstungsindustrie. So entstehen Kriege heute fast reflexhaft, ohne tiefes Nachdenken. Nehmen wir den aktuellen Angriff auf den Iran. Trump droht, eine ganze Zivilisation von der Landkarte zu radieren. Er ist bereit, das Morden zu beenden, wenn der Iran die Straße von Hormus freigibt und einer Beschränkung seines Atomprogramms zustimmt. Beides sind selbst geschaffene Probleme! Die Straße von Hormus war frei, bis die USA den Iran angriffen. Und das 2015 geschlossene Atomabkommen begrenzte das iranische Atomprogramm und stellte es unter internationale Überwachung – bis Trump es 2018 gekündigt hat. Am Ende wird dieser Krieg nichts erreicht, aber viel zerstört haben. Die USA werden weniger haben als zuvor. Vor allem weniger Unterstützer und Verbündete in der Welt. Das wird Russland in der Ukraine ähnlich gehen. Und – sehr langfristig – auch Israel. Solches Vorgehen ist schwer zu verstehen, es ist, wenn man in umfassenderen und längeren Linien denkt, nicht rational. Ich habe nicht den Eindruck, dass diese Politik von Weisheit getragen ist.

Wir sinken als Menschheit zur Zeit hinter unsere eigenen Möglichkeiten zurück. Es ist ein Rückfall – wir bleiben weit hinter dem zurück, wo wir eigentlich bewusstseinsmäßig schon stehen. Das sind atavistische Reflexe, die nach oben kommen und Dämme durchbrechen. Das gilt individuell, sozial, politisch und kulturell, und das macht mir wirklich Sorgen.

Trump, Putin, Netanjahu … sie alle haben keine Umgebung, die sie bremst.

Warum werden solche Menschen in Ämter gewählt und sogar, nachdem man sie schon vier Jahre erlebt hat, wiedergewählt? Wir leben in einer Phase, wo sehr stark aus nicht geläuterten Emotionen statt aus menschlicher Reife gehandelt wird. Dazu gehört auch, sich einen Feind zu suchen, damit man die Leute hinter sich bringen kann, die bei nüchternem Nachdenken vielleicht schon gar nicht mehr hinter einem stünden. Diese Art von Propaganda zielt darauf, die individuelle, bewusste Entscheidung des einzelnen Menschen auszuschalten. Sie appelliert an etwas, wo er nicht in seinem freien Menschentum, also in seinem höheren Ich, gefragt ist, sondern als Massenwesen. Das ist eine Bewirtschaftung von Erregung, die die Menschen aufputscht, aber kein positives Ziel verfolgt. Die öffentliche Kommunikation trägt dazu bei. Sie wird, gerade auch in den elektronischen Medien, zunehmend in einer Form betrieben, die eben diese Instinkte in den Menschen weckt und stärkt.

Diese Emotionalisierung paart sich nun mit dem Fortschritt in der Technik: dass man etwa nur noch Drohnen auf den Kriegsschauplatz schickt und keine eigenen Soldaten mehr. Und die Maschinen erledigen dann das Töten.

Du sitzt irgendwo im Bunker bei einer Tasse Kaffee, hast einen Joystick in der Hand und drückst einmal kurz – dann sind, weit entfernt vier, fünf Leute tot. Du musst es nicht sehen, hören, riechen, spüren. Die Menschheit schreitet schon voran, bewusstseinsmäßig. Aber es ist ein Wettrennen mit den immer unmenschlicheren Versuchungen, vor die die Möglichkeiten der Technik uns stellen. Der Preis ist hoch, für alle Beteiligten! Viele der Menschen, die solche Jobs erledigen, erkranken danach oft seelisch schwer. Wenn ich jetzt höre, dass man die Wehrpflicht wieder einführen, dass man ganze Jahrgänge junger Menschen wieder ins Töten einführen will, bin ich empört.

Seit die Wehrpflicht im Gespräch ist, sind die Verweigerungen massiv gestiegen. Man merkt, dass in weiten Kreisen eigentlich Kriege nicht gewollt werden. Aber man weiß eben auch keine Alternative.

Den Krieg für sich abzulehnen, genügt heute nicht mehr. Angesichts der zunehmenden Militarisierung gilt es, aktiv gegen den Krieg Stellung zu nehmen und für friedliche Formen der Konfliktbeilegung einzutreten. Krieg kann im 21. Jahrhundert einfach keine Option mehr sein. Dass Menschen, unschuldige Menschen, Schüler, Studenten oder Arbeiter in Uniform eingekleidet werden und dann auf ihnen unbekannte Menschen schießen oder von einer Drohne aus der Luft sinnlos erschossen werden – dass ein Leben zerstört wird, einer Frau der Mann, den Kindern der Vater genommen wird – das ist nicht mehr zu rechtfertigen. Ich erhoffe mir eine Bewegung, die das nicht mehr hinnimmt. Wir brauchen eine neue Friedensbewegung!

Wie könnte eine solche neue Friedensbewegung aussehen?

Jeder Mensch kann dazu beitragen, kann mit zum Ausgangspunkt dieser Bewegung werden. Ich appelliere hier an etwas Neues im Menschen, von dem ich meine, dass es eigentlich schon da, aber noch nicht politisch wirksam ist. Die alte Friedensbewegung war eine Bewegung gegen etwas, gegen Waffen, gegen Aufrüstung, gegen Militär. Doch das Dagegen-Sein verliert seine Durchschlagskraft, wenn wir dabei nicht in der Lage sind, zu sagen, wofür wir sind. Eine neue Friedensbewegung muss andere, modernere, zivilere Formen der Konfliktlösung entwickeln. Sie muss Vorschläge machen, wie wir in einer immer enger zusammenrückenden Welt besser mit den wachsenden Konflikten umgehen können, bei denen es um Geopolitik, Machtinteressen, Rohstoffe, Energiequellen, Wasser und so weiter geht. Eine neue Friedensbewegung müsste in sich die Fähigkeiten entwickeln, solche Konflikte zu lösen und auch im Vorfeld schon Konflikte zu vermeiden. Das ist möglich. Ich meine, dass wir alles, was wir dazu brauchen, längst haben, dass wir nur anfangen müssen, uns dessen bewusst zu werden und es endlich auch einzusetzen, absichtsvoll und in großem Stil.

Was gehört zu diesen neuen Fähigkeiten?

Schauen wir zunächst auf die individuelle Seite. Ich kann einen Konflikt nicht verstehen und noch weniger lösen, wenn ich nur von einer Seite darauf schaue. Ich kann das erst dann, wenn ich mir auch die Schuhe der anderen Seite anziehe. Das heißt in der Folge auch, dass unsere ständige Neigung, uns auf die eine oder die andere Seite schlagen zu wollen (oder: zu sollen!): diese Seite ist gut und jene Seite ist schlecht – dass das immer grundfalsch ist. Kein Konflikt heute in dieser komplexen Welt lässt sich so einfach begreifen. Und die Lösung liegt auch niemals in dieser Schicht. Die Lösung kann nur erwachsen aus einem zunehmenden Verständnis dessen, was die je andere Seite bewegt, befürchtet, erhofft. Ein Gewehrschuss, erst recht eine Bombe, eine Explosion, ist nie ein Argument, nie Teil der Lösung, sondern immer das Ende jedes Gesprächs und der Anfang neuen Leids. Krieg löst keine Probleme, sondern schafft nur neue.

Dazu gehört auch, ein Denken, das immer nur die Außenseite, immer nur das Gewordene sieht, durch ein lebendiges, spiritualisiertes, kraftvolles Denken zu überwinden, das neue Wirklichkeiten schaffen kann. Und es gehört dazu, unser kleines, enges Fühlen zu transzendieren, wo ich immer nur nach mir, nach meinen Sympathien und Antipathien gehe. Also zum Beispiel, wenn mir jemand seine Sorgen mitteilt, nicht zu antworten: das kenne ich, ich habe auch Sorgen! Denn dann habe ich noch gar nicht empfunden, was er empfindet, vielmehr sein Leid wie einen Steigbügel für mein Selbsterleben genutzt. Echtes Fühlen ermöglicht mir, mit den anderen Menschen mitzufühlen. Lebendiges Denken und wahres Mitgefühl sind Bedingungen echter Friedensfähigkeit. Schließlich gehört dazu, nicht nur aus Eigeninteresse und gegen die anderen zu handeln, sondern so, dass unser Wille ein Werkzeug dessen wird, was die Welt oder der andere braucht. Tun wir, was durch uns für die Welt und andere Menschen geschehen kann!

Wie wird das sozial wirksam?

Sofort, zwischen den Menschen. Bedingung ist, dass man sich in die Augen schaut und miteinander redet. Wenn ich mit der anderen Seite rede, kann ich nicht mehr schießen. Plötzlich hat man einen Menschen vor sich, jemanden, der Hoffnungen hat, Liebe, Wünsche, Ängste. Dann kann man miteinander Wege suchen, wie man das, was zur Debatte steht, was Auslöser einer kriegerischen Auseinandersetzung werden könnte, auf friedliche Weise lösen kann. Man kann sofort beginnen, allseits am Aufbau von Vertrauen und Zusammenarbeit zu arbeiten statt am Hochdrehen von Urteilen, Spannungen, Bedrohungen und Eskalation durch immer mehr Angst, Abwehr und Aufrüstung. Dann wäre schon viel gewonnen.

Im Kleinen läuft das schon. Ich bin viel unterwegs in Schulen, in Unternehmen, in Einrichtungen. Die Menschen sind heute so viel fähiger, Probleme anzusprechen und sie zu lösen in achtsamer, gewaltfreier Kommunikation, durch Mediation oder auf andere Weise. In Schulklassen werden Schülerinnen und Schüler beauftragt, Konflikte zu lösen. Wir sind da alle schon am Üben. Nur unseren zwischenstaatlichen Umgang, den regeln wir noch vorsintflutlich – technisch auf höchstem Grausamkeitsniveau und moralisch wie in der Steinzeit.

Und wie kann diese neue Friedensbewegung bis ins Politische wirksam werden?

Die Bevölkerung ist an dieser Stelle weiter als die Politiker. Also braucht es zunächst eine Graswurzelbewegung; sie muss von unten wachsen. Aber sie muss sich dann auch institutionell niederschlagen. Wir brauchen auf nationaler wie auf internationaler Ebene neue Formen und Verfahren zur Streitbeilegung. Jetzt denke ich ein Stück weit voraus: Wenn wir Rüstung und Militär und Krieg endlich weltweit ächten, wenn Krieg also keine Option mehr ist, und sich dann jemand schlecht behandelt sieht oder eine Forderung hat gegenüber der anderen Seite – dann fängt er keinen Krieg an, sondern ruft ein internationales Schiedsgericht an, und dieses Schiedsgericht entscheidet. Man könnte das ganz konkret ausgestalten, vernünftige, friedliche, verständigungs- und lösungsorientierte Verfahren finden jenseits dieses Wahnsinns, der Menschen zerfetzt und tötet.

Müssten die von der UNO ausgehen? Wie würde so etwas entstehen?

Ja, das könnte von der UNO ausgehen. Aber zuerst muss es einmal von der Bevölkerung ausgehen. Es muss eine Bewegung dafür entstehen, möglichst weltweit. Und es braucht politisches Engagement. Letztlich geht es auch ohne die UNO. So habe ich in meiner Zeit als Bundestags-Abgeordneter durch einen entsprechenden Vorstoß dazu beigetragen, dass der Internationale Strafgerichtshof eingesetzt werden konnte, der die vier Kernverbrechen des Völkerstrafrechts verfolgt, nämlich Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Verbrechen des Angriffskrieges und Kriegsverbrechen. Er ist kein Organ der UNO, sondern beruht auf einem freiwilligen Vertrag, dem sich seither 125 Länder angeschlossen haben. Für die ist er seither verbindlich. Einige Länder aber entziehen sich noch dieser Regelung. Zu ihnen gehören Russland, die USA, Israel und China. Dass gerade diese noch fehlen, ist natürlich ein Trauerspiel und muss sich ändern. Und doch zeigt das Beispiel, dass und wie so etwas auf Initiative einzelner und auch außerhalb der UNO gelingen kann.

Für mich ist das auch ein Beispiel, wie etwas zustande kommen kann, durch gezieltes Engagement und politische Arbeit einzelner Menschen, das den eingangs beschriebenen atavistischen Verhaltensformen angemessene menschliche Verhaltensweisen entgegensetzt. Oft denkt man gar nicht darüber nach, wie man das Gegebene in sinnvoller Weise weiterentwickeln könnte, weil man meint, das hätte sowieso keine Chance. Meine Erfahrung ist: wenn man gute Gedanken, gute Initiativen hat, wie etwas heute besser geregelt werden könnte als bisher, dann hat man durchaus Chancen, damit etwas zu erreichen.

Zur Person:

Gerald Häfner, Jahrgang 1956, studierte Germanistik, Sozialwissenschaften, Philosophie und Waldorfpädagogik in München, Bochum und Witten. Er war Mitbegründer der Partei Die Grünen und Gründer sowie viele Jahre Vorstandssprecher von Mehr Demokratie. Zwischen 1987 und 2002 war er dreimal Mitglied des Deutschen Bundestages. Von 2009 bis 2014 saß er im Europäischen Parlament. Seit 2015 leitet er die Sozialwissenschaftliche Sektion am Goetheanum in Dornach/Schweiz, im November 2026 wird er aus diesem Amt scheiden.

Dieser Text erschien in der Zeitschrift info3, Ausgabe 6/2026. Hier abonnieren!

Über den Autor / die Autorin

Anna-Katharina Dehmelt

Anna-Katharina Dehmelt, Jahrgang 1959, studierte Musik, Wirtschaftswissenschaft und Anthroposophie. Sie hat intensiv auf dem Feld der anthroposophischen Meditation gearbeitet, geforscht, vernetzt und anthroposophisches Meditieren bekannt gemacht, zuletzt auch mit dem von ihr begründeten Institut für anthroposophische Meditation. Zudem ist sie Dozentin an verschiedenen anthroposophischen Ausbildungsstätten.
Seit Mai 2021 ist sie Redakteurin bei info3.