Ein gebrochener Held

Die Blendung des Polyphem. Foto: Carole Raddato / Wikimedia commons

Christopher Nolans Odyssee-Verfilmung

Die drei Kino-Stunden vergehen im Fluge. Man ist gebannt von opulenten Bildern, von Musik, die dicht an den natürlichen Geräuschen bleibt, und von überraschenden Wendungen – jedenfalls, wenn man Homers Odyssee kennt.

Odysseus ist der Urtyp des europäischen Helden, zieht in den trojanischen Krieg, wo er, der „Listenreiche“, die entscheidende Wendung herbeiführt. Er hat auf der Heimfahrt ein Dutzend Abenteuer zu bestehen – die allerdings nur er selbst überlebt, während seine Gefährten nach und nach umkommen – und rettet schließlich seine Frau vor den zahlreichen Freiern, die nach 20 Jahren nicht mehr an Odysseus‘ Rückkehr glauben. Ins Geschehen verwoben ist die griechische Götterwelt von Zeus über Athene bis Poseidon, daneben Nymphen, Ungeheuer und weitere fabelhafte Wesen.

Christopher Nolan ist bekannt für seinen einfallsreichen Umgang mit Zeit (siehe info3 3/2026); auch in seiner Verfilmung der Odyssee verwebt er die verschiedenen Zeitebenen von Aufbruch, Krieg, Abenteuern und Heimkehr kunstvoll, einer inneren Seelendramaturgie folgend, die sich erst nach und nach erschließt. Denn Odysseus ist bei Nolan kein strahlender Held, sondern ein sich allmählich seiner Schuld bewusst werdender und durch eine innere Krise gehender Mensch, der nur langsam wieder ins Leben zurückfindet.

Dafür nimmt Nolan sich einige Freiheiten. Die Abenteuer fasst er teilweise zusammen und reduziert sie auf sieben; in der Mitte steht die Begegnung mit dem Totenreich, in der ihm der weitere Fortgang seiner Reise vorgezeichnet wird – eine Art Einweihungserlebnis, durch das er den folgenden Abenteuern bei bestem Willen zunächst hilflos ausgeliefert ist, denn er scheitert mit seinem Versuch, das Leben der Gefährten entgegen der Vorhersage zu retten. Im Totenreich wird ihm aber auch deutlich gemacht, dass er für seine List zur Beendigung des Trojanischen Krieges und das dort angerichtete Massaker die Verantwortung übernehmen muss.

Im Mittelpunkt von Odysseus‘ Schuld steht der Bruch von Zeus‘ Gastgebot: Fremde stets gut zu behandeln, denn in ihnen könnte ein Gott stecken. Dieses Motiv durchzieht den ganzen Film. Nolans Odysseus, der die Götter weit mehr achtet, als seine Gefährten das tun, hat dieses Gebot bei der Eroberung Trojas gebrochen. Dass er damit und der folgenden barbarischen Schlacht mit der Zerstörung des Tempels der Athene Schuld auf sich geladen hat, wird ihm erst bei der Nymphe Kalypso klar. Die hatte ihm sieben Jahre lang durch den Verzehr von Lotosblüten Glück und Vergessen ermöglicht, ihn aber schließlich doch zu Erinnerung, Schuldbewusstsein und schließlich auch zur Heimreise geführt.

Bei Homer entspringt die Bereitschaft der Kalypso, Odysseus gehen zu lassen, einer Götterweisung. Die übergeht Nolan, wie bei ihm überhaupt die Götterwelt ganz reduziert ist (im Gegensatz zu den diversen Ungeheuern, die Nolan mit Wonne und nicht immer geglückt auf die Leinwand bringt). Nur Athene erhält dauerhafte Gestalt als Odysseus‘ Begleiterin, mehr Engel als Göttin. Dass Odysseus nun selbst Verantwortung übernimmt, ist auch für Athene überraschend; Nolan lässt Odysseus hier den Übergang vom gottesfürchtigen zum autonomen Subjekt vollziehen. Das immerhin ist in Homers Epos angelegt.

Dennoch ist Nolans Odyssee keine getreue Verfilmung seiner Vorlage, sie bezieht auch andere Quellen mit ein und setzt vor allem eigene Schwerpunkte. Man kann beklagen, dass Nolan das Epos eher für seine Deutung benutzt als ihm folgt; aber seine Deutung ist innerlich stimmig und erzählt eine eigene Geschichte. Die lohnt es sich, anzuschauen.

Über den Autor / die Autorin

Anna-Katharina Dehmelt

Anna-Katharina Dehmelt, Jahrgang 1959, studierte Musik, Wirtschaftswissenschaft und Anthroposophie. Sie hat intensiv auf dem Feld der anthroposophischen Meditation gearbeitet, geforscht, vernetzt und anthroposophisches Meditieren bekannt gemacht, zuletzt auch mit dem von ihr begründeten Institut für anthroposophische Meditation. Zudem ist sie Dozentin an verschiedenen anthroposophischen Ausbildungsstätten.
Seit Mai 2021 ist sie Redakteurin bei info3.